Interview

Futsal-Präsident: «Für viele findet ein Grossteil ihres sozialen Lebens im Amateursport statt»

Von Patrick Lämmle

18.4.2020

Miro Prskalo ist Präsident des erfolgreichsten Futsalvereins der Schweiz.
Bild: Micha Riechsteiner

Die Corona-Krise trifft nicht nur die Profivereine und Profisportler hart. Auch Randsportarten leiden unter der Pause, zum Beispiel der kleine Bruder des Fussballs, der Futsal. Dabei geht es um viel mehr als nur Geld.

Futsal Minerva ist die erfolgreichste Futsalmannschaft der Schweiz, auch aktuell grüsst der amtierende Meister von der Tabellenspitze. Drei Runden vor Ende der regulären Saison und vor Beginn der Playoffs wurde die Meisterschaft unterbrochen. Noch ist unklar, wie, wann und ob es weiter geht. «Bluewin» hat mit Minerva-Präsident Miro Prskalo über die schwierige Situation gesprochen.

Herr Prskalo, wie zuversichtlich sind Sie, dass die Meisterschaft zu Ende gespielt werden kann?

Ich habe meine Zweifel daran, dass wir die Saison fertig spielen können. Wir wären jetzt in der heissen Phase, die Playoffs wären in vollem Gange. Und wenn wir nicht bald wieder spielen können, dann wird es kompliziert. Irgendwann stehen uns auch die Sporthallen nicht mehr zur Verfügung. Wir haben null Planungssicherheit, das zerrt schon an den Nerven.

Stand jetzt müsst ihr davon ausgehen, dass die Saison irgendwann weiter geht. Wie halten sich die Spieler fit?

Nach einer Woche haben wir den Spielern ein Trainingsprogramm geschickt. Daran können sie sich orientieren. Wir haben keine Angst, dass die Jungs nachlassen. Die sind alle hochmotiviert und haben den Titel vor Augen. Wir machen auch regelmässig Videocalls und tauschen uns so aus.

Wenn es nun tatsächlich weitergehen sollte: Ist es überhaupt noch eine faire Meisterschaft?

(Überlegt) Sie hätte zumindest nichts mehr mit dem zu tun, was bisher war. Damit all die Automatismen wieder da sind, brauchst du ein paar Wochen Training und einige Spiele. Diese Zeit haben wir nicht. Und was, wenn plötzlich ein Spieler positiv getestet wird? Dann muss sich das Team in Quarantäne begeben und vorbei ist der Traum vom Titel?! Das wäre wohl für alle Vereine das Horrorszenario schlechthin. Und vergessen wir nicht. In unserer Liga sind alles Amateure, die einer Arbeit nachgehen. Die planen Anfang Jahr die Ferien so, dass sie in der futsalfreien Zeit verreisen. Auch das würde zu Problemen führen.

Der Meister ist berechtigt, die Schweiz in der Champions League zu vertreten. Was, wenn es keinen Meister gibt?

Die Schweiz, respektive der SFV, könnte dennoch ein Team melden. Wir sind amtierender Meister und Tabellenerster, aber das ist Zukunftsmusik. In Frankreich, Belgien, Tschechien und der Slowakei wurde die Meisterschaft bereits abgebrochen, die Tabellenersten stehen als Meister fest. Die Leader sind dort Meister geworden. In Portugal wurde auf die Ernennung eines Meisters verzichtet, jedoch werden die beiden aktuell Erstplatzierten an der Champions League teilnehmen.

Im Fussball fliesst in der Champions League das ganz grosse Geld. Wie sieht das im Futsal aus?

Die Champions League ist im Futsal ein Nullsummenspiel. Kost und Logie, viel mehr gibt es da nicht zu holen. Zumindest nicht finanziell. Aus Sportlersicht ist es das Grösste. Du kannst dich als Amateur mit internationalen Teams messen, triffst in diesem Rahmen je nach Los auf Profispieler. Das sind Momente, an die du dich ein Leben lang erinnerst. Futsal spielst du hierzulande aus Leidenschaft, nicht, um Geld zu verdienen.

Futsal Minerva
Bild: Keystone

2009 wurde Futsal Minerva gegründet. Eine Erfolgsgeschichte, wie es sie im Sport nur selten gibt. Im ersten Jahr holte sich die Stadtberner Mannschaft den Meistertitel in der Nati B und schaffte den Aufstieg in die höchste Liga. Bereits in der zweiten Saison nach der Vereinsgründung erreichte das Team das Meisterschaftsfinale, in der dritten Saison wurde Minerva erstmals Schweizer Meister. In den folgenden Jahren kamen drei weitere Titel hinzu. Dank der nationalen Erfolge hat die Mannschaft auch international ihre Spuren hinterlassen, in der Futsal Champions League. Inzwischen gibt es in der Schweiz über 70 Futsalvereine, die in drei Stärkeklassen aufgeteilt sind. Die zehn besten Teams spielen in der Swiss Futsal Premier League.

Ihr habt aber auch Spieler aus dem Ausland verpflichtet. Denen müsst ihr doch auch finanziell etwas bieten?

Wir bieten ihnen professionelle Strukturen und die Chance, unter einem Spitzentrainer aus Portugal zu trainieren. Und sie wissen natürlich, dass man mit Minerva immer intakte Chancen hat, die Champions League zu erreichen. Wer dort auf sich aufmerksam macht, der kann dann vielleicht tatsächlich einmal vom Futsal leben. Wir bieten den Spielern also Perspektiven und wir helfen ihnen dabei, dass sie hierzulande gut ankommen. Wir schauen, dass sie ein Dach über dem Kopf haben, und wir helfen ihnen bei der Jobsuche. Wir haben inzwischen ein sehr grosses Netzwerk, dass wir fast immer zufriedenstellende Lösungen finden. Aber Löhne können wir keine auszahlen. Aber ich denke, das ist auch besser so.

Wie meinen Sie das?

Wenn wir Spieler aus dem Ausland zu uns holen, dann sind das junge Talente. Es ist viel besser, wenn die nicht den ganzen Tag alleine zu Hause sitzen. Wir haben ja nur am Abend Training. Durch die Arbeit haben sie eine Tagesstruktur, soziale Kontakte, sie lernen die Sprache viel schneller und sie sind beschäftigt. Das bringt den Spielern längerfristig viel mehr als ein paar Geldscheine.

Und wie sieht es beim Trainer aus? Pedro Santos hat in Portugal einst die Nachwuchsmannschaft von Sporting Lissabon trainiert.

Auch Pedro haben wir bei der Jobsuche geholfen, als er vor vier Jahren zu uns kam. Er erhält aber tatsächlich einen Lohn, er hat bei uns eine 50-Prozent-Anstellung. Damit können wir ihm zumindest entgegenkommen, denn eigentlich arbeitet er mehr als fünfzig Prozent für Minerva.

Der Portugiese Pedro Santos ist Trainer bei Futsal Minerva.
Bild: zvg

Wie kann sich ein Amateurverein so etwas leisten?

Als wir den Verein 2009 gegründet haben, da wäre das undenkbar gewesen. Aber wir sind Jahr für Jahr gewachsen und das sehr gesund. Über die Jahre haben wir ein beachtliches Netzwerk aufgebaut und Sponsoren gefunden. Sie sehen, dass wir unglaublich viel Zeit in den Verein stecken, dass alles aus purer Leidenschaft geschieht und dass wir erfolgreich sind. Seit vier Jahren haben wir auch eine Partnerschaft mit YB, das zeigt, dass wir unsere Sache wirklich gut machen. Und das hilft natürlich auch bei der Sponsorensuche.

Wie sieht diese Partnerschaft mit YB aus?

Pedro leitet in der Winterpause 50 Trainings bei den U-Mannschaften von YB. Die Spieler profitieren, weil man im Futsal extrem schnelle Entscheidungen treffen muss. Es geht alles noch schneller als im Fussball und du musst immer schon den nächsten Spielzug im Kopf haben.

Wird euer Sport nach der Corona-Krise noch derselbe sein? Lange nicht alle Teams sind so professionell aufgestellt, wie ihr es seid.

Wahrscheinlich wird das eine oder andere Team Probleme bekommen. Um in der obersten Liga zu spielen, brauchst du schon ein Budget von rund 50’000 Franken. Hallenmieten, Reisen, Lizenzen, da läppert sich schon einiges zusammen. Viele werden von lokalen Geschäften gesponsert, die dem Verein irgendwie nahestehen. Ob die nach der Krise immer noch Geld ausgeben können, das wird von Fall zu Fall anders aussehen. Je breiter du als Verein aufgestellt bist, desto besser.

Sie befürchten nach den Jahren der Professionalisierung keinen Rückschritt?

Ich hoffe es nicht. Dass sich der Sport in den letzten Jahren so schnell weiterentwickelt hat, hatte wenig mit Geld zu tun. Viel wichtiger ist die Leidenschaft, die überall gelebt wird. Und die Leidenschaft wird das Virus nicht zerstören können. Aber für Prognosen ist es zu früh. Das gilt aus meiner Sicht ganz allgemein. All die Spekulationen bringen uns nicht weiter.

Was ist aus Sicht des Futsal-Präsidenten denn derzeit die grösste Sorge?

Als Verein ist es extrem schwierig, wenn du keine Planungssicherheit hast. Es ist mir auch bewusst, dass in der jetzigen Situation kaum jemand Mitleid mit einem Futsalverein haben wird. Aber etwas sollte man nicht vergessen, das gilt für den gesamten Amateursport: Hierzulande sind Tausende Personen Mitglied in einem Verein. Und für viele findet dort ein Grossteil ihres sozialen Lebens statt. Der ganze Amateursport dient der Sozialhygiene. Alter, Geschlecht, Herkunft, das spielt im Sport keine Rolle, denn man hat ein gemeinsames Interesse. Das verbindet mehr als alles andere. Und man kann sich auspowern, auf andere Gedanken kommen.

Ich persönlich vermisse die persönlichen Kontakte extrem. Zeit mit Freunden und Kollegen zu verbringen, gemeinsam auf ein Ziel hinzuarbeiten, Emotionen zu erleben oder auch nur einen kurzen Schwatz abzuhalten. Das sind die Dinge, die das Leben versüssen. Ich denke, wir werden das nach der Krise alle noch viel mehr zu schätzen wissen.

Futsal Minerva – eine Erfolgsgeschichte.
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