Der grösste Pechvogel des Schweizer Fussballs «Ich habe nächtelang durchgeweint»

Sandro Zappella

20.3.2025

Miguel Peralta nach fünf Kreuzbandrissen: «Warum ich, ist eine Frage, die ich mir oft gestellt habe»

Miguel Peralta nach fünf Kreuzbandrissen: «Warum ich, ist eine Frage, die ich mir oft gestellt habe»

18.03.2025

Miguel Peralta spricht im Interview mit blue Sport über eine Fussballer-Laufbahn mit fünf Kreuzbandrissen, acht Operationen und einem Karriereende mit 25. Am Ende siegt aber trotzdem die Liebe zum Fussball.

Sandro Zappella

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Miguel Peralta spielte sieben Jahre lang für den FC Aarau. Nach dem fünften Kreuzbandriss entschied er sich 2021, seine Karriere zu beenden.
  • Nach der Fussballer-Laufbahn wechselte Peralta vom Rasen ins Büro und arbeitet beim FC Aarau im Marketing/Sponsoring.
  • Im Interview bei blue Sport blickt der heute 29-Jährige auf eine bewegte Karriere mit vielen Rückschlägen zurück und erklärt, warum er auf Amateur-Level weiterhin Fussball spielt.

Wir sind in der Geschäftsstelle beim FC Aarau. Hier, im Bauch des Stadion Brügglifeld ist der neue Arbeitsplatz von Miguel Peralta. Nur wenige Meter vom Rasen entfernt, auf dem der ehemalige Flügelspieler 2015 sein Profi-Debüt gab. Doch seine Karriere verlief nicht immer nach Plan, Peralta musste so viele Verletzungen einstecken, dass er als wohl grösster Pechvogel im Schweizer Fussball gilt.

Gleich fünfmal hat sich der Spanier das Kreuzband gerissen, 2021 hat er mit 25 Jahren deshalb seine Karriere bei Aarau beendet. In seinen sieben Jahren beim FCA kam er gerade mal auf 49 Pflichtspiele. 

Nach seinem Rücktritt macht Peralta ein Jahr Pause. Doch dann packt ihn das Fussballfieber wieder. Er kehrt zu seinem Jugendverein Schönenwerd-Niedergösgen zurück. Soeben ist er vom Trainingslager aus Malta heimgekommen: «Ich war kaputt», erklärt er und weist darauf hin, dass es wegen des Trainings streng war und nicht etwa, wegen Abschweifungen ins maltesische Nachtleben.

Das rechte Knie spüre er jeweils schon noch. Jenes, in welchem er gleich vier Mal das Kreuzband gerissen hat. Mittlerweile spielt er rechts ohne Kreuzband: «Dort muss ich ein Tape hinmachen, damit es hält. Das kannst du dir vorstellen wie einen Panzer. So kann ich beschwerdefrei spielen, spüre es aber im Nachhinein.»

Dass es weh tut, ist für Peralta normal: «Ich lebe schon so viele Jahre mit den Schmerzen, das ist für mich nicht aussergewöhnlich.» Auf die Frage, wann er zum letzten Mal schmerzfrei Fussball gespielt hat, muss er lange überlegen: «Als Profi hast du immer Schmerzen. Mit dem lebst du halt einfach.» Dabei bezieht er sich nicht nur auf sich selbst, sondern spricht davon, dass es als Fussball-Profi normal sei in diesem Kontaktsport: «Du gehst halt in die Zweikämpfe und trainierst viel. Das ist so viel Belastung für deinen Körper. Du hast immer irgendwo irgendetwas, das weh tut.»

Nach dem Exkurs über Schmerzen bei Fussballern kommt Peralta zurück auf die eigentliche Frage und geht in den Erinnerungen weit zurück: «Komplett beschwerdefrei? Das war wohl mit 14 oder 15 Jahren.» 

«Warum ausgerechnet ich?»

Den ersten Kreuzbandriss erleidet Peralta mit 18 Jahren. Es ist derjenige, den er im Rückblick auch als den einschneidendsten bezeichnet: «Ich war mit 18 an den FC Baden ausgeliehen. Wir hatten Aufstiegsspiele gegen Xamax. Eine Woche vor dem Spiel habe ich meinen ersten Profi-Vertrag bei Aarau unterschrieben.  Nach 15 Minuten ist mir einer rein und es war gerissen. Dann bist du 18 und weisst, dass du jetzt erstmal ein Jahr weg bist.»

Dabei habe er sich so wahnsinnig gefreut, nach Aarau zurückzukehren und im Brügglifeld zu spielen. So richtig realisieren konnte er das mit 18 aber nicht: «Ich hatte viele Nächte, die ich durchgeweint habe und mich gefragt habe: ‹Warum ich?›» Eine Frage, auf die er bis heute keine Antwort hat.

Es sei immer noch leicht präsent im Hinterkopf, dass er sich fragt, wieso ausgerechnet ihm das passiert sei: «Du hast so viele Meinungen, die auf dich einprasseln. Die einen sagen, es sei genetisch bedingt, andere sagen, du bist muskulär nicht stabil oder zu unbeweglich.» Am Ende gehe es dann aber so oder so darum, zu lernen, die Situation zu akzeptieren: «Du musst damit klarkommen, dass du über eine so lange Zeit ausfällst. Irgendwie musst du nach vorne schauen und dir ein Ziel setzen».

Miguel Peralta verbrachte während seiner Karriere zu viel Zeit  in Spitalbetten.
Miguel Peralta verbrachte während seiner Karriere zu viel Zeit  in Spitalbetten.
bild: zvg

Neue Ziele setzen, das musste sich Peralta immer wieder. Viermal ist er von einem Kreuzbandriss zurückgekommen und sagt selbst: «Ich kann mir nichts vorwerfen.» Er trage den Stempel des Allzeit-Verletzten – das sei ein Teil seines Lebens, dennoch sagt er: «Ich hätte mir manchmal gewünscht, dass die Leute vielleicht eher gefragt hätten wie es mir geht, statt wie es meinen Knien geht.»

Drei Vollnarkosen in zwei Wochen

Als Peralta auf all seine Operationen zurückblickt, sind die Erinnerungen verschwommen. Dafür waren es einfach zu viele Eingriffe, um den Überblick zu behalten. Neben den Kreuzbändern hat Peralta auch viermal den Meniskus operiert, zweimal davon war es mit dem Kreuzband gekoppelt: «Ich hatte insgesamt sieben oder acht Operationen.»

An eine seiner Verletzungen kann er sich besonders gut erinnern: «Einmal habe ich nach einer Operation eine Infektion bekommen. Das war Horror. Da kam ich an meine mentale Grenze.» Die Erinnerungen an den Zeitpunkt sind auch hier verblasst – oder verdrängt: «Ich weiss nicht mehr genau, wann das war, nach dem dritten Kreuzbandriss oder so.»

Doch die damaligen Komplikationen sind noch immer präsent: «Du kommst von der OP nach Hause und denkst: ‹Ok, jetzt hast du den ersten Schritt gemacht.›» Dann habe er auf einmal gemerkt, dass es ihm nicht gut geht, er wurde fiebrig und ging erneut zum Arzt: «Er hat mir Blut genommen und gesehen, dass es eine Infektion war.»

In der Folge wurde Peralta direkt ins Spital eingeliefert, hat erneut eine Vollnarkose erhalten und im Knie wurde alles rausgespült. Doch der Leidensweg geht weiter. Eine Woche war er im Spital mit Antibiotika, dann haben sie wieder Blut genommen und gemerkt, dass die Infektion immer noch da sei: «Wieder Vollnarkose und wieder rausgespült. Danach war ich nochmals eineinhalb Wochen im Spital, bis ich endlich nach Hause konnte.»

Das Knie von Miguel Peralta nach einer seiner vielen Operationen.
Das Knie von Miguel Peralta nach einer seiner vielen Operationen.

Nach den drei Vollnarkosen innert zwei Wochen geht es schläfrig weiter: «Danach musste ich drei Monate lang ein starkes Antibiotikum nehmen, bei dem ich immer eingeschlafen bin, sobald ich es genommen habe. Ich war bleich und habe zehn Kilogramm abgenommen.» Ein Mentalcoach half ihm damals, mit all den Rückschlägen umzugehen.

Die Liebe grösser als der Schmerz

Mittlerweile hat Peralta sein Schicksal akzeptiert, wird in diesem Jahr 30 und weiss, dass er auch Glück im Unglück hatte: «Durch mein frühes Karriereende konnte ich früher zurück in die Wirtschaft.» Beim FC Aarau hat man Peralta nicht nur während den Verletzungen immer unterstützt und sogar seinen Vertrag mehrfach verlängert, sondern ihm auch nach dem Rücktritt die Möglichkeit gegeben, in der Geschäftsstelle zu arbeiten: «Sie bauen hier auf mich und ich konnte Fuss fassen in etwas, das mir auch noch extrem Spass macht.»

Und warum spielt ein 29-jähriger Ex-Fussballer, der fünf Kreuzbandrisse erlitten und stets Schmerzen hat, dennoch auf Amateurniveau weiter? «Ich liebe diesen Sport über alles, ich kann nicht ohne Fussball. Deshalb überwiegt das mehr, als die Schmerzen. Deshalb vergisst du das manchmal auch.» Nach seinem fünften Kreuzbandriss im Jahr 2021 habe er ein Jahr Pause gemacht, das sei ihm nicht gut gekommen: «In der Nacht habe ich begonnen zu knirschen, mir hat einfach das Ventil gefehlt», so Peralta.

Das könnte dich auch interessieren

Nati-Star Rodriguez und seine Familie empfangen blue Sport zuhause in Sevilla

Nati-Star Rodriguez und seine Familie empfangen blue Sport zuhause in Sevilla

Exklusiv: Nati-Verteidiger Ricardo Rodriguez öffnet seine Haustüre in Sevilla und erzählt vom Leben abseits des Platzes mit seiner Partnerin Nicole und den Söhnen Santiago (3) und Cruz (8 Monate).

18.03.2025