Spycher vs. Streller – warum hat der eine mehr Erfolg als der andere?

Jan Arnet

18.6.2019 - 07:00

Christoph Spycher führte YB in den letzten beiden Jahren zweimal zum Meistertitel. Marco Streller holte in seinen zwei Jahren als FCB-Sportchef «nur» einmal den Cup.
Bilder: Keystone

Christoph Spycher und Marco Streller wechselten beide vom Fussballplatz ins Büro und versuchten sich als Sportchef – mit unterschiedlichem Erfolg. Was hat Spycher, was Streller nicht hat? «Bluewin» macht den Vergleich.

Marco Streller ist als Sportchef beim FC Basel gescheitert. Zumindest sah er dies nach dem verlorenen Machtkampf gegen Trainer Marcel Koller selber so und trat am Freitag per sofort zurück. Präsident Bernhard Burgener wollte den Coach partout nicht entlassen, weshalb sich der ehemalige Internationale zum Rücktritt gezwungen fühlte.

Nach der erfolgreichen Ära um Präsident Bernhard Heusler und Sportchef Georg Heitz muss der FCB nach zwei Jahren bereits wieder auf die Suche nach dem vielleicht wichtigsten Mann eines Fussballvereins machen: Dem Sportchef, der die Transfers tätigt, Verträge mit den Spielern aushandelt und den Trainer auswählt – sofern er denn darf.


Hinweis: Der FC Basel orientiert am Dienstagmorgen über die jüngsten Ereignisse im und um den Verein. Möglicherweise wird dann auch ein neuer Sportchef präsentiert. Teleclub überträgt die Pressekonferenz live auf bluewin.ch/sport ab 11 Uhr


Der Musterknabe unter den Sportchefs der Schweiz ist Christoph Spycher. Der YB-Mann amtet seit 2016, hat in drei Jahren zweimal den Meistertitel geholt und bereits Interesse aus dem Ausland geweckt. Auffällig ist, dass Spycher und Streller einen ähnlichen Werdegang haben: Beide waren langjährige Nati-Spieler, waren lange in der Bundesliga aktiv und beendeten die Karriere in ihrer Heimat, bevor es sie ins Büro zog.

Doch was unterscheidet die beiden Akteure voneinander? Warum hat der Berner den Erfolg, den der Basler nicht hat? 



Die Ausgangslage

Streller übernahm den FC Basel vor zwei Jahren nach acht Meistertiteln in Folge. Nach Jahren der Dominanz wollte Streller den Bebbi eine neue Philosophie einhauchen: Er wollte wieder «mehr Basel» im Verein und den erfolgsverwöhnten Klub verjüngen. 

Spycher kam im September 2016 als Nachfolger für den entlassenen Fredy Bickel, der dreineinhalb Jahre zuvor bei seinem Amtsantritt einen Titel versprach. Der frühere Linksverteidiger war zuvor seit seinem Karriereende im Jahr 2014 als Talent-Manager bei YB tätig und begegnete der neuen Aufgabe mit Demut. «Wir werden uns nicht mit Basel vergleichen», sagte er damals. Drei Jahre später hat YB einen Meistertitel mehr geholt als der FCB.

Erste Amtshandlung

Mit dem Plan der neuen Strategie setzte Streller gleich zu Beginn ein Zeichen und verlängerte den Vertrag mit Urs Fischer, der 2017 mit dem FCB das Double holte, nicht. Stattdessen beförderte er U21-Trainer Raphael Wicky zum Cheftrainer. Ausserdem liess er unter anderem die beiden Torjäger Seydou Doumbia und Marc Janko ziehen und holte mit Fabian Frei und Valentin Stocker zwei alte Weggefährten zurück nach Basel.

Auf dem Platz behielt (rein statistisch) meist Streller gegenüber Spycher die Oberhand.
Bild: Keystone

Da Spycher mitten in der Saison sein Amt übernahm, konnte er seinen ersten Transfer erst im Winter vollziehen. Der hatte es rückblickend aber in sich: Roger Assalé kam leihweise aus dem Kongo. Was Spycher aber bereits im September 2016 hätte machen können, wäre ein Trainerwechsel gewesen. YB hatte nach dem achten Spieltag nämlich schon elf Punkte Rückstand auf den FCB, Adi Hütter war angezählt. Doch der neue Sportchef vertraute dem Österreicher, der seit 2015 Coach war.

Die Arbeitsweise und der Ertrag

Streller schraubte in der Folge weiter mächtig an der Mannschaft. Weitere Leistungsträger wie Manuel Akanji, Renato Steffen, Mohamed Elyounoussi, Tomas Vaclik oder Michael Lang gingen – der FCB füllte seine Kasse. In zwei Jahren erwirtschaftete der Sportchef ein Transferplus von mehr als 35 Millionen Euro. Darunter litt aber auch die Qualität. Einen echten Knipser, der Doubmia und Janko hätte ersetzen können, fand Streller nicht. Insbesondere Dimitri Oberlin, für den die Basler geschätzte fünf Millionen Franken zahlten, erwies sich als Fehlgriff.

Anstatt gestandene Stammspieler wie Lang oder Steffen von einem Verbleib zu überzeugen, bastelte Streller am Team herum und liess kurz vor seinem Rücktritt zum zweiten Mal das Vertrauen in seinen Trainer vermissen: Nachdem er Wicky letzte Saison schon nach dem zweiten Pflichtspiel (!) in die Wüste geschickt hatte, wollte er nun auch Marcel Koller loswerden – obwohl dieser in der Rückrunde nur ein Spiel verlor und Streller mit dem Cupsieg den ersten Titel als Sportchef bescherte.

Spycher konnte Hütter auch im Herbst 2017 trotz Bundesliga-Angeboten von einem Verbleib in Bern überzeugen. Ein paar Monate später holte YB den ersten Titel nach 32 Jahren. 
Bild: Keystone

Fehlendes Vertrauen kann sich Spycher definitiv nicht vorwerfen lassen. Auch nach Hütters zweiter Saison ohne Titel hielt «Wuschu» am Trainer fest und verlängerte sogar dessen Vertrag. Das zahlte sich aus: Hütter führte die Berner 2018 zum langersehnten Meistertitel, es war der erste für YB nach 32 Jahren. Und auch Teamstützen wie Guillaume Hoarau, Miralem Sulejmani und Loris Benito konnte er vom Verbleib überzeugen. Spycher bewies zudem immer wieder sein Gespür für gute Talente. Nach Assalé kamen unter anderem auch Kevin Mbabu, Kasim Nuhu, Jean-Pierre Nsame, Djibril Sow und Sandro Lauper nach Bern. Keiner kostete mehr als zwei Millionen. Viel Qualität für wenig Geld – jeder von ihnen ist heute deutlich mehr als zwei Mio. wert.

Beim FCB ist das Gegenteil der Fall: Die Streller-Transfers Valentin Stocker, Fabian Frei, Ricky Van Wolfswinkel, Dimitri Oberlin, Aldo Kalulu und Silvan Widmer haben gemäss «Transfermarkt» seit ihrem Wechsel allesamt an Marktwert eingebüsst. Nur Albian Ajeti, Samuele Campo und Jonas Omlin konnten ihre Werte steigern.

Spycher schaffte es im letzten Sommer trotz Meistertitel und erfolgreicher Champions-League-Qualifikation, die Mannschaft fast komplett zusammenzuhalten. Durch die Verkäufe von Nuhu, Sekou Sanogo, Denis Zakaria, Yvon Mvogo und Yoric Ravet machte YB in den letzten beiden Jahren trotzdem auch ein Transferplus von rund 30 Millionen Euro.

Fazit

Gewiss hat Marco Streller in seinen beiden Jahren als FCB-Sportchef nicht alles falsch gemacht. Immerhin spielten die Bebbi unter ihm die vielleicht erfolgreichste Champions-League-Saison der Vereinsgeschichte. Und eigentlich konnte er nach der erfolgreichen Heusler/Heitz-Ära auch nur verlieren. Dennoch musste sich Streller vor seinem Rücktritt auch selber hinterfragen. Seine Mannschaft hat in den letzten beiden Jahren klar an Qualität eingebüsst und hatte gegen die starken Young Boys überraschend wenig zu melden. Das fehlende Vertrauen in die Trainer Fischer, Wicky und Koller hat womöglich auch zum über weite Strecken enttäuschenden Auftritt der Basler in den letzten beiden Saisons beigetragen. 

Spycher hatte im Gegensatz zu Streller nicht viel zu verlieren, aber dennoch beim Amtsantritt nicht wirklich weniger Druck. Auch für ihn war und ist YB immer noch die erste Station als Sportchef. Und hätte er nun, nach seinem dritten Jahr im Amt, noch keinen Titel geholt, wäre es für ihn jetzt wohl auch eng geworden. Am Ende werden die Funktionäre im Fussball nunmal an ihren Erfolgen gemessen. Und diese hat sich Spycher mit seiner offenen und menschlichen Art, mit seinem grossen Vertrauen und seiner Spürnase ganz einfach verdient. 

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