«Verbandsinterne Feigheit»: DFB-Spitze wird scharf kritisiert

12.7.2018 - 15:31, dpa

DFB-Präsident Grindel und Teammanager Bierhoff.
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Erste Politiker bringen die Ablösung von DFB-Präsident Grindel und Teammanager Bierhoff ins Gespräch. Sorge um die Integrationskraft des Fussballs macht sich breit. Die Debatte um die Fotos von Özil und Gündogan mit Erdogan ist noch lange nicht ausgestanden.

Grünen-Politiker Cem Özdemir brachte die Ablösung der Spitze des Deutschen Fussball-Bundes ins Gespräch. «Wir brauchen dringend einen sportpolitischen Neustart beim DFB, gerne mit neuen Gesichtern», schrieb er in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung «Die Zeit».

Zuvor hatte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, gefordert: «Bierhoff und Grindel müssen zurücktreten, wenn sie in ihrer langen Karriere nichts anderes gelernt haben als: «Man verliert als Özil» anstatt «Man verliert als Mannschaft».»

Nach dem WM-Aus der deutschen Fussball-Nationalmannschaft hatten Bierhoff und Grindel in der vergangenen Woche in Interviews Distanz zu Nationalspieler Mesut Özil erkennen lassen. Özdemir warf ihnen nun «verbandsinterne Feigheit» vor. «Dieser Verband irrlichtert in der Causa Özil von Anfang an», schrieb der Politiker: «Über Wochen wird Özil schon zu einem Sündenbock gemacht. Gegen diese Anwürfe muss man ihn genauso verteidigen wie gegen Angriffe von rechts.»

Özil hat sich schon oft mit Erdogan ablichten lassen

Seit Mitte Mai, als sich Özil und sein Mitspieler Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan fotografieren liessen, läuft die Debatte darum. Neben die sportliche Krise der Nationalmannschaft ist eine gesellschaftliche getreten.

Interessant ist auch, dass sich Özil schon öfters mit Erdogan hat ablichten lassen. Allerdings war das in der Vergangenheit nie ein Thema.

Schäuble wundert sich über die Kommunikation

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) wundert sich im Interview der «Zeit» über die Kommunikation: «Irgendjemand beim DFB, in dem lauter kluge und hochbezahlte Leute sind, hätte dafür sorgen müssen, dass das nicht so eskaliert.»

Die frühere Bundesbeauftragte für Integration, Aydan Özoğuz (SPD), warnt vor langfristigen Folgen. «Die Debatte treibt schon etwas merkwürdige Blüten», sagte Özoğuz der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Dass das Thema auch nach zwei Monaten noch so hochgekocht werde, zeige, in welche Atmosphäre die Debatte fällt. «In den letzten Jahren haben viele Dinge Spannungen im deutsch-türkischen Verhältnis und Vorbehalte auf allen Seiten erzeugt», betonte die SPD-Politikerin.

Ansonsten hält sich das politische Berlin mit Äusserungen (noch) zurück. «Wie der DFB mit dem Thema umgeht, muss der DFB selber entscheiden», sagte ein Sprecher des für den Sport zuständigen Bundesinnenministeriums. Eine Regierungssprecherin schloss sich an, betonte aber: «Und im übrigen gilt für die Bundesregierung: Eine Mannschaft gewinnt zusammen, und eine Mannschaft verliert zusammen.» Der Deutsche Olympische Sportbund, der auch den Fussball unter seinem Dach hat, gab auf Nachfrage keine Stellungnahme ab.

Man muss alle Meinungen ernst nehmen

Leidet die Integrationskraft des Sports unter den Diskussionen um Özil, Gündogan und die Fotos mit Erdogan? In einem Interview der «Welt» lässt der frühere Nationalspieler und heutige DFB-Integrationsbeauftragte Cacau erkennen, dass ihn diese Sorge umtreibt: «Ich hoffe, dass dadurch die ganze Integrationsarbeit, die vor allem im Amateurbereich sehr gut läuft, keinen Schaden nimmt.»

Der Fussball sei nach wie vor ein Begegnungsort, wo Menschen zusammenkommen und Integration gelingen kann, meinte Cacau. «Das darf durch diese Diskussion nicht infrage gestellt werden», sagte der gebürtige Brasilianer, der seit 2009 deutscher Staatsbürger ist. «Es ist eine Situation entstanden, die die Menschen sehr bewegt, und man muss die Meinungen an der Basis, gerade wenn sie kontrovers sind und vielleicht nicht das sind, was man sich wünscht, trotzdem ernst nehmen», stellte er fest.

Lahm: «Man hätte es sicher besser machen können»

Auch Ehrenspielführer Philipp Lahm, der dem DFB nicht zuletzt als Botschafter der Bewerbung um die EM 2024 nahesteht, äusserte sich kritisch. Er mahnte im Interview der «Zeit» die Vermittlung klarer Regeln in der Nationalmannschaft an. «Fussball hat bei uns eine grosse Bedeutung über das Spiel hinaus. Ich muss als Spieler wissen, wie ich mich innerhalb der deutschen Nationalmannschaft zu bewegen habe.» Auf die Nachfrage, ob es versäumt worden sei, das zu vermitteln, sagte der 34-Jährige: «Man hätte es sicher besser machen können.»

Auch Lothar Matthäus übt Kritik am Verband. Aber er nimmt auch den schweigenden Özil in die Pflicht: «Mesut muss sich viele Gedanken machen – über sich selbst, seine Leistung bei der WM und über das Foto mit Erdogan.» Für diese Aussage ernetet Matthäus seinerseits heftige Kritik, denn er liess sich dieser Tage mehrmals mit Putin fotografieren.

Ehemalige Fussballgrössen, Staatschefs und sogar Könige lassen sich mit Infantino und Putin ablichten. Das sorgt bei vielen Kritikern für Unmut. ARD-Experte Hitzlsberger meint etwa: «Gianni Infantino muss man mittlerweile auch so kritisch sehen, dass man sich mit dem auch nicht mehr fotografieren lassen sollte. Er hilft Russland, sich so zu präsentieren. Ein Land, das viele Verbrechen begangen hat.»
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Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic und Russlands Ministerpräsident Dimitri Medwedew reichen sich die Hand. In der Mitte FIFA-Präsident Gianni Infantino.
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Die ehemaligen Fussball-Stars Lothar Matthäus (links) und Mexikos Goalie-Legende Jorge Campos (rechts) lassen sich mit Infantino und Putin ablichten.
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Der Brasilianer Roberto Carlos beim Small-Talk mit dem FIFA-Präsidenten.
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Auch Spaniens König Felipe VI lässt sich mit Infantino ablichten.
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Und Diego Maradona sowieso. Auch wenn der Argentinier immer wieder die FIFA kritisiert.
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Belgiens König Philippe mit «König» Fussball.
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Schweizer unter sich: Peter Gilliéron und Alex Miescher strahlen mit Infantino um die Wette.
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Gudni Bergsson, Präsident des isländischen Fussballverbands, im Gespräch mit Infantino.
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Ziemlich beste Freunde? Spaniens WM-Trainer Fernando Hierro Arm in Arm mit dem Schweizer.
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Beim Eröffnungsspiel: Mohammed bin Salman al-Saud, Kronprinz, Verteidigungsminister und stellvertretender Premierminister Saudi-Arabiens, FIFA-Präsident Gianni Infantino und Russlands Präsident Wladimir Putin.
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Man könnte noch hunderte weitere Fotos zeigen. Irgendwie stinkt das Ganze zum Himmel.
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«Schäbige Doppelmoral»?

Es ist noch nicht einmal vier Monate her, dass Grindel die gesellschaftliche Bedeutung des Fussballs in den höchsten Tönen gelobt hat. Bei der Verleihung des DFB-Integrationspreises sagte er im März in Berlin: «Integrationsarbeit ist eine Frage der Zukunftsfähigkeit unseres Fussball.» Das gilt heute mehr denn je.

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