Italiens Fussball erlebt den nächsten Tiefpunkt, doch statt Selbstkritik sorgt Verbands-Präsident Gravina mit einem Rundumschlag gegen andere Sportarten für Empörung. Olympiasieger und Top-Athleten lassen das nicht auf sich sitzen.
Während das Leben im Rest der Welt nach der Pleite der italienischen Fussballnationalmannschaft – die sich zum dritten Mal in Folge nicht für die Weltmeisterschaft qualifizieren konnte – weitergeht, reissen die Kontroversen in Italien nicht ab.
Der Rücktritt von Trainer Gennaro Gattuso und seiner rechten Hand Gianluigi Buffon steht bevor, aber vor allem fordert das Land den Rücktritt des FIGC-Präsident Gabriele Gravina.
«Fussball ist ein Profisport, alle anderen Sportarten sind Amateursportarten»
Gravinas Worte in der Pressekonferenz nach dem Spiel haben die Gemüter der Fans nur noch weiter erhitzt. Am meisten diskutiert wird, seine Antwort auf die Frage: «Warum gewinnt Italien in allen anderen Sportarten, aber nicht im Fussball?» «Fussball ist ein Profisport, die anderen sind Amateursportarten», daher könne man sie nicht miteinander vergleichen, sagte der Präsident.
Die Frage kam aufgrund der jüngsten Erfolge der Italiener bei den letzten Olympischen Winterspielen – 10 Gold-, 6 Silber- und 14 Bronzemedaillen -, den Erfolgen von Jannik Sinner, Italiens Baseballteam, dem neuen Formel-1-Talent Kimi Antonelli, Italiens Volleyballteam, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen, oder der weltweiten Nummer 1 im Hochsprung, Gianmarco Tamberi auf.
Einige der oben genannten Sportler haben auf die Worte Gravinas reagiert. Hier ein paar Beispiele ihrer Antworten.
Tamberi: «Wir sind ein starkes Team»
Gianmarco Tamberi, Olympiasieger, Weltmeister und dreimaliger Gewinner der Diamond League, postete auf Instagram ein Foto, das ihn im blauen Italien-Trikot zusammen mit anderen Spitzensportlern wie beispielsweise Sinner, Jacobs, Brignone und Antonelli zeigt.
Der Hochspringer schreibt zum KI-generierten Bild: «Wir sind ein sehr starkes Team.»
Testa: «Wir sind die wahren Profis»
Auch Irma Testa, die erste italienische Boxerin, die bei Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen konnte, äusserte sich in den sozialen Medien scharf: «Wir sind die wahren Profis, wir kämpfen und gewinnen für das Trikot und unser Land und schauen zu, wie die millionenschweren Fussballspieler sich blamieren.»
Die italienische Sportlerin legt noch einmal nach: «Trotzdem spüre ich, wenn ich verliere, die Last einer ganzen Nation, die mir jedoch nichts abverlangt, weil sie damit beschäftigt ist, Fussball zu schauen.»
Sighel: «Wenn ich damit einem Fussballer helfen kann, stehe ich gerne als Ersatzspieler zur Verfügung.»
Auch der Beitrag von Tommaso Marini, Olympia-Silbermedaillengewinner und Weltmeister im Fechten, fand anklang.
«Ich bin stolz darauf, zu den ‹Amateuren› zu gehören, die leiden und sich aufopfern, um im Trikot der Azzurri Medaillen zu gewinnen, auch wenn sie dafür keine Millionen erhalten (ich garantiere, dass die Trainingsstunden die gleichen sind, wenn nicht sogar mehr).»
Gravina erinnerte in seinem Interview auch daran, dass «wir auch auf der Grundlage der Fairness handeln müssen, da man im Amateursport Entscheidungen treffen kann, die im Profisport nicht möglich sind, insbesondere bei einigen staatlich geförderten Sportarten wie dem Skisport».
Der italienische Fechter hält dagegen: «Ich bin stolz darauf, ein staatlicher Sportler zu sein, denn ohne den Staat könnten viele junge Amateure nicht vom Sport leben. In diesem Sinne, Forza Italia.»
Auch Pietro Sighel, Goldmedaillengewinner im Shorttrack bei den Olympischen Spielen in Mailand-Cortina, äußerte sich ironisch: «Wenn ich damit einem Fussballer helfen kann, stehe ich gerne als Ersatzspieler zur Verfügung.»
Furlani: «Diese Aussage untergräbt die Werte des Sports.»
Was die Medaillengewinner der Olympischen Spiele betrifft, so fiel der Kommentar von Leichtathlet Mattia Furlani, ebenfalls in den sozialen Medien, «ernster» und nachdenklicher aus: «Es tut mir leid, denn was er gesagt hat, ist nicht nur eine Beleidigung für den Fussball, sondern auch für den italienischen Sport. Ich werde immer kämpfen, sei es durch meine Ergebnisse, aber auch, indem ich hier in den sozialen Medien zeige, was hinter dem Sport und der Arbeit steckt.»
«Mit einer Investition von 15 Jahren, die ich zusammen mit meiner Familie in Arbeitsmethoden, Studium und Leidenschaft getätigt habe, angefangen vom Leben unter einer Brücke bis hin zur Weltelite. Denn das ist der Beruf, nicht derjenige, der solche Dinge von sich gibt und dabei auf die Arbeit anderer spuckt», schloss der Athlet.