Wie ist es, wenn ein Herz für zwei Länder schlägt? Albert Bunjaku weiss es. Er fuhr mit der Schweiz zur WM und war später der allererste Torschütze des Kosovo. Mit blue Sport spricht Bunjaku über Nationenwechsel, die Entwicklung des kosovarischen Fussballs und das Duell gegen die Schweiz.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Seit 2016 ist der Kosovo Mitglied von der UEFA und FIFA und darf offizielle Länderspiele bestreiten; Albert Bunjaku erzielte nach seinem Nationenwechsel im ersten Spiel das erste Tor.
- Immer mehr junge Doppelbürger entscheiden sich bewusst für das kosovarische Nationalteam, was laut Bunjaku zur sportlichen Weiterentwicklung des Landes beiträgt.
- «Mit Kosovo ist in den nächsten Jahren sicher zu rechnen, auch bei den grossen Turnieren», sagt der sechsfache Nati-Spieler.
Mai 2016. Für die Fussball-Fans in Kosovo hat das lange Warten endlich ein Ende. Der kosovarische Fussballverband wird zunächst von der UEFA, dann auch von der FIFA aufgenommen. Heisst: Der Kosovo kann ab sofort offizielle Länderspiele bestreiten.
Am 3. Juni 2016 ist es dann so weit. Kosovo tritt in einem Testspiel gegen die Färöer an und gewinnt 2:0. Mittendrin statt nur dabei: Albert Bunjaku. Der damalige St.Gallen-Stürmer schiesst das Führungstor und wird damit zum allerersten Torschützen in einem offiziellen Länderspiel des Kosovo.
Bunjaku hat da schon sechs Länderspiele bestritten – für die Schweiz. Er war auch an der WM 2010 dabei, kam gegen Chile zu einem Kurzeinsatz. Weil Kosovo ein neues Nationalteam ist, kann er dennoch einen Nationenwechsel vollziehen.
Eine Herzensangelegenheit
Für Bunjaku ein logischer Schritt, denn er ist mit 32 Jahren schon im Herbst seiner Karriere angelangt, in den Plänen von Vladimir Petkovic spielt er keine Rolle. «Die Entscheidung, zum Kosovo zu wechseln, fiel mir leicht. In meiner Brust schlagen zwei Herzen. Nach der Schweiz auch noch für den Kosovo zu spielen, war für mich eine Herzensangelegenheit», sagt Bunjaku im Gespräch mit blue Sport.
Als Herzensangelegenheit bezeichnen auch Leon Avdullahu und Albian Hajdari ihren Entscheid, für Kosovo statt die Schweiz zu spielen. Im Gegensatz zu Bunjaku stehen die beiden Hoffenheim-Profis aber noch am Anfang ihrer Karriere. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, das Nationalteam des Kosovo weiterzuentwickeln, glaubt der 41-Jährige.
«Es ist für unsere Zukunft sehr wichtig, dass sich solche Spieler heute für den Kosovo entscheiden, weil das Niveau im Nationalteam dadurch erhöht wird», so Bunjaku. «Über die Jahre hat sich Kosovo extrem weiterentwickelt. Ich glaube, dass sich die jungen Doppelbürger in Zukunft nicht mehr einfach für die Schweiz, Deutschland oder eine andere Nation und gegen den Kosovo entscheiden, wie das vielleicht früher der Fall war.»
Als U19-Nationaltrainer des Kosovo hält Bunjaku auch selbst Ausschau nach Talenten in ganz Europa. «Es ist mega wichtig, dass wir uns schon früh mit Talenten befassen und die jungen Spieler merken, dass man sich um sie bemüht. Einen Spieler vom Kosovo zu überzeugen, ist heute nicht mehr ganz so schwierig wie noch zu meiner Zeit.»
«Mit Kosovo ist in den nächsten Jahren zu rechnen»
So glaubt der frühere Mittelstürmer auch an eine rosige Zukunft des kosovarischen Fussballs. «Ich bin überzeugt, dass es in den nächsten Jahren noch einmal einen Schub geben wird. Die Entwicklung, die in die Wege geleitet wurde, ist noch nicht abgeschlossen. Mit Kosovo ist in den nächsten Jahren sicher zu rechnen, auch bei den grossen Turnieren.»
Zu rechnen ist mit den Kosovaren auch schon in dieser WM-Qualifikation. Vor dem letzten Gruppenspiel liegt das Team von Franco Foda drei Punkte hinter der Schweiz auf Platz 2 und hat den Platz in den Playoffs auf sicher, auch die direkte Qualifikation für die WM 2026 ist – zumindest theoretisch – noch möglich.
Die allererste Teilnahme an einem grossen Turnier würde dem Kosovo ungemein viel bedeuten, sagt Bunjaku. «Es wäre ein riesiger Schritt nach vorne. Für die Nationalmannschaft, aber auch für das Land Kosovo.» Noch sei man nicht da, wo man hinwolle. Aber die Richtung stimme. «Vor allem auch dank Verbandspräsident Agim Ademi, der sehr viel Zeit investiert und die richtigen Dinge in die Wege geleitet hat. Jetzt liegt es an der Mannschaft und am Trainer, den nächsten Schritt zu machen.»
Mit einem positiven Resultat gegen die Schweiz wollen sich die Kosovaren das nötige Selbstvertrauen holen für die Playoff-Spiele. Bunjaku ist sich sicher, dass Kosovos Trainer Franco Foda seine Lehren aus der 0:4-Niederlage im ersten Spiel gezogen hat. «Das Spiel in Pristina vor heimischer Kulisse wird ein ganz anderes sein. Ich bin sicher, dass es ausgeglichen wird. Für die Schweiz wird es nicht einfach.»