In der Kritik

Besiegelt ausgerechnet die Nati das Schicksal von Jogi Löw?

Von Jan Arnet

13.10.2020

Bundestrainer Jogi Löw steht unter Druck.
Bild: Getty

Deutschlands Weltmeister-Trainer Jogi Löw steht in der Heimat immer mehr in der Kritik. Eine Fussball-Grösse fordert gar schon seinen Rücktritt. Eine Niederlage gegen die Schweiz darf sich Löw eigentlich nicht erlauben.

Ein Rückblick auf Sommer 2017. Deutschland tritt in Russland beim Confederations Cup an. Der amtierende Weltmeister, ein Jahr zuvor bei der EM nur knapp im Halbfinal gescheitert, kann es sich leisten, mit einer B-Mannschaft anzutreten. So breit ist der Kader der Deutschen, so gross auch die Qualität des zweiten Anzugs. Portugal, Russland, Chile, Mexiko und Co. bleiben chancenlos, Deutschland gewinnt das Turnier. Und viele Experten sind sich sicher: Dieses Team wird den internationalen Fussball in den nächsten Jahren dominieren.

40 Monate später ist die Ernüchterung gross. Bei der WM 2018 scheitert Deutschland schon in der Vorrunde, wenige Monate später belegt das Team von Jogi Löw den letzten Gruppenplatz in der neu gegründeten Nations League. Das Vertrauen in den Trainer schwindet bei unserem grossen Nachbarn seither immer mehr.

Zumal Löw auch mit umstrittenen Personalentscheiden für Wirbel sorgt: Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels, welche jahrelang erfolgreich das Deutschland-Trikot getragen haben, werden aus dem Team geworfen beziehungsweise kriegen keine Aufgebote mehr – auch jetzt, wo sich allen voran Müller wieder in Topform befindet, kommt eine Rückkehr unter Löw nicht mehr infrage.

Grosse Kritik von Deutschland-Legenden

Seit dem Seuchenjahr 2018 hat sich die Mannschaft zwar wieder gefangen. Die Pflicht EM-Qualifikation wurde erfüllt und in den letzten 16 Spielen gab es nur eine Niederlage (gegen Holland). Aber eben auch viele Remis gegen vermeintlich klar schwächere Teams wie zuletzt gegen die Schweiz und die Türkei. Gegen die Ukraine (2:1) gab es am vergangenen Wochenende zwar den ersten Sieg in diesem Kalenderjahr, so richtig überzeugend war der Auftritt des viermaligen Weltmeisters aber auch da nicht.

Und so steckt Jogi Löw so sehr wie wohl noch nie zuvor in der Kritik. Lothar Matthäus warf dem Bundestrainer zuletzt taktische Fehler vor. Ausserdem zeigte sich der Rekord-Nationalspieler mit der Auswahl der Spieler unzufrieden, was auch ARD-Experte Bastian Schweinsteiger verdeutlichte: «Man kann sich nicht mehr 100-prozentig mit dem DFB-Team identifizieren.»

Olaf Thon, der in den 80er- und 90er-Jahren 53-mal für Deutschland auflief, fordert nun sogar Löws Rücktritt: «Nach dem nächsten Turnier, nach der Europameisterschaft im kommenden Jahr, muss Jogi Löw seinen Posten räumen. Es muss ein neuer Bundestrainer her», schreibt Thon in seiner Kolumne beim «Kicker».

Löws Vertrag beim DFB läuft noch bis zur WM 2022. Ginge es nach Thon, hätte der Coach aber schon «nach der Enttäuschung 2018 Platz machen müssen». Für Christoph Daum ist indes klar: «Der Vertrag läuft bis 2022. Ich gehe davon aus, dass danach die Sache beendet ist. Daher gibt es jetzt einen Vorlauf, um einen möglichen Kandidaten zu suchen», sagt die Trainerlegende dem «Kölner Stadt-Anzeiger».

Schicksalsspiel gegen die Schweiz?

Bei so viel Gegenwind ist klar, dass Löw nur mit Erfolgen wieder Vertrauen gewinnen kann. Will er bis zur Europameisterschaft im nächsten Sommer wieder unumstritten werden, braucht er gute Resultate. Auch in der vermeintlich bedeutungslosen Nations League.

Löw selbst lässt die Kritik an sich abprallen. «Wir sind überzeugt von unserem Plan, den werden wir durchziehen», sagt der Bundestrainer vor dem Spiel gegen die Schweiz (Dienstag, 20.45 Uhr im Live-Ticker auf «blue Sport»). Dass Experten ihre Meinung äussern würden, sei «völlig okay». Er dürfte aber wissen, dass eine (Heim-)Niederlage gegen die Nati den ohnehin schon grossen Druck auf seine Person um ein Vielfaches erhöhen würde.

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