Paris-Attentate von 2015 Ex-Deutschland-Trainer Löw erinnert sich: «Die Angst sass uns im Nacken»

Andreas Lunghi

13.11.2025

Joachim Löw war beim Spiel in Paris Deutschlands Trainer.
Joachim Löw war beim Spiel in Paris Deutschlands Trainer.
imago/Ulrich Roth

Zehn Jahre nach den Attentaten in Paris sind die fürchterlichen Ereignisse auch bei den deutschen Fussball-Stars nicht vergessen. Die Nacht im Stade de France hat tiefe Spuren hinterlassen.

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DPA, Redaktion blue Sport

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  • Am 13. November 2015 verübten islamistische Terroristen während des Länderspiels Frankreich gegen Deutschland in Paris mehrere Anschläge, wobei drei Attentäter sich vor dem Stadion in die Luft sprengten, ohne ins Innere zu gelangen.
  • Die deutsche Nationalmannschaft erlebte die Anschläge hautnah mit, verbrachte aus Sicherheitsgründen die Nacht im Stadion und war tagelang von Angst und Unsicherheit geprägt.
  • Die Ereignisse hinterliessen bei Spielern und Verantwortlichen tiefe psychische Spuren, wie sie in der neuen ARD-Dokumentation «Terror. Fussball. Paris 2015 - Die Nationalmannschaft im Visier» verraten.

«Die Angst sass uns schon auch im Nacken», erinnert sich der frühere Fussball-Bundestrainer Joachim Löw in der ARD-Dokumentation «Terror. Fussball. Paris 2015 - Die Nationalmannschaft im Visier» an die schrecklichen Ereignisse des 13. November 2015, als die Deutsche Nationalmannschaft bei den Anschlägen von Paris ins Fadenkreuz des Terrors gerät.

Drei islamistische Terroristen sprengten sich während des EM-Testspiels der DFB-Elf gegen die Équipe Tricolore vor der Arena in die Luft. Ihr Ziel, ins Stadion zu gelangen, erreichten sie nicht.

In Paris verübten praktisch zeitgleich Terrorkommandos beispiellose Bluttaten. 130 Menschen starben, hunderte wurden verletzt oder traumatisiert. Auch bei den Fussball-Profis haben die Ereignisse tiefe Spuren hinterlassen. «Diese Erinnerungen löschen sich nicht. Das waren schaurige Zeiten», sagte Ex-Nationaltorhüter Manuel Neuer vor dem Champions-League-Spiel der Bayern bei Paris Saint-Germain.

Begonnen hatte der Schrecken für die Deutsche Nationalmannschaft, den damals amtierenden Weltmeister um ihren Kapitän Bastian Schweinsteiger, schon am Morgen des Spieltages – es folgten mehr als 100 dramatische Stunden der Ungewissheit, der Angst, der grossen Sorge um das eigene Leben.

Die Bombendrohung

Ein sonniger Herbsttag in Paris. Doch mitten in die übliche vormittägliche Spielvorbereitung geht im Teamhotel «Molitor» der Nationalmannschaft im Südwesten der Stadt per anonymen Anruf eine Bombendrohung ein. Der ganze DFB-Tross, Spieler, Trainer und Offizielle müssen raus. Wie ernst ist die Lage?

«Keiner wusste, was passiert im Moment, natürlich war das ein Anflug von Angst», sagt Löw. Aber bei den meisten überwiegt der Unmut über die gestörte Vorbereitung auf ein Prestigeduell. «Ich für meinen Teil habe es nicht so ernst genommen, du denkst ja nicht darüber nach, dass du mal involviert sein kannst», erzählt Christoph Kramer.

Als Ausweichort geht es in eine Turnhalle und auf den nahen Center Court von Roland Garros. Schnappschüsse mit Fotos von Tennis-Legenden im Hintergrund werden gemacht. Nach der Entwarnung geht die Vorbereitung auf das Spiel weiter. Man habe sich «noch relativ viel amüsiert», erzählt Kevin Trapp. Nur die Security-Abteilung ist wachsamer.

«Dadurch, dass man bei der Nationalmannschaft in einer Bubble ist, total geschützt ist und eigentlich weg von allem ist, da hat man das Gefühl, dass einem nie etwas passieren kann. Aber ja, wie sehr man sich täuschen kann, hat man an dem Ereignis gesehen», sagt André Schürrle.

Die Explosionen

16:23 Minuten zeigt die Spielzeituhr an, als ein lauter Knall zu hören ist. ARD-Kommentator Tom Bartels hat gleich ein mulmiges Gefühl. «Ich weiss nicht, ob sie das laute Geräusch gehört haben, da wird einem Mal kurz anders. Es klang wie eine Explosion», berichtet er den TV-Zuschauern das, was viele im Stadion spüren. Lauter als ein Böller war der Knall. Eine Art «Druckwelle», wie Schürrle sagt.

19:34 Minuten zeigt die Spielzeituhr beim zweiten Knall. Und nun ist Francois Hollande als Ehrengast klar, dass etwas geschehen sein muss. Frankreichs Staatschef wird auch bald über die Ereignisse vor dem Stadion und in der Stadt informiert.

Nach dem Spiel stehen die Fans beider Mannschaften auf dem Rasen und dürfen das Stadion nicht verlassen.
Nach dem Spiel stehen die Fans beider Mannschaften auf dem Rasen und dürfen das Stadion nicht verlassen.
Imago

Vor dem Stadion stirbt neben den drei Attentätern ein Unbeteiligter. Dass es nicht mehr Opfer gab, ist Zufall oder Wunder. Die Terroristen machen bei ihren perfiden Plänen zum Glück Fehler, berichtet Investigativjournalist Vincent Nouzille. Zu Helden, zu Lebensrettern, werden die Ordner, die ihnen den Zugang zum Stadion verwehren.

Der Staatsapparat startet den Krisenmodus. Doch das Spiel läuft weiter. Auch zur Sicherheit, um eine mögliche Panik zu vermeiden. Der Deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, damals Bundesaussenminister, bleibt auf Wunsch Hollandes auf der Tribüne, soll mit seiner Präsenz das Publikum beruhigen. «Das ist ein Ereignis, das mich für immer prägen wird und das ich in Erinnerung behalten werde», berichtet Steinmeier heute.

Nach dem Spiel gibt es keinen Siegerjubel bei den Franzosen, keine Zeit für sportlichen Ärger bei den DFB-Stars. Alle schnell in die Kabine. Was bis dahin bekannt ist, bekommen Löw und die Spieler dort präsentiert.

Schweinsteiger: «Schockstarre»

«Da wurde es jedem auch klar, dass wir in einer unglaublichen Notsituation sind, wie wir sie noch nie erlebt haben und das hat schon etwas mit uns gemacht», sagt der damalige Bundestrainer. «Du hast von toten Menschen gehört und bist in so einer Schockstarre», sagt Schweinsteiger.

Die Stadiontore werden verschlossen, aus Sorge, weitere Attentäter könnten ins Innere gelangen. Und dort gehen die Gerüchte wild durcheinander. Von Schiessereien wird erzählt. Tausende Fans treiben Angst und Panik auf den Rasen, am schlimmsten ist die Ungewissheit, die alle lähmt.

Die Nacht

Die Fans dürfen das Stadion verlassen, strömen zurück in eine verwundete Stadt. Doch die DFB-Elf muss bleiben. Ein Anruf von Löws Berater Harun Arslan sorgt für angebliche Informationen des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan, laut denen das Teamhotel zum nächsten Anschlagsort werden könnte. Das passt zu den Ereignissen am Morgen.

«Mit den vielen Informationen, die nach und nach kamen, ist die Angst grösser geworden», sagt Löw. «Das ist das Schlimmste für einen Menschen, was er erleben kann, wenn er Angst um sein Leben hat.»

Die Entscheidung fällt. Die Deutsche Mannschaft bleibt die Nacht im Stadion. Matratzen werden in die Kabine geschleppt. Die Stille habe den Raum beherrscht, erzählt Schweinsteiger. Schlafen können aber nur wenige. «Angst, Panik, 1000 Gedanken im Kopf», habe man gehabt, erzählt Trapp. Wie verhält man sich, wenn «die jetzt hier reinmarschieren», ergänzt der Torwart. «Ich hatte das Gefühl, ich bin im Krieg.»

Im Morgengrauen geht es im Kleinbus-Konvoi durch eine menschenleere Stadt zum Flughafen Charles de Gaulle. Der grosse Teambus wird weiterhin, weil als mögliches Terrorziel eingestuft, gemieden. Im Flieger nach Frankfurt bleibt die Stille. Aber Erleichterung macht sich breit. Das Schlimmste scheint überstanden.

Die Heimkehr

Die DFB-Stars bekommen einen freien Tag. Köpfe freibekommen bei den Familien. Dann geht die Vorbereitung los auf das geplante Spiel gegen die Niederlande drei Tage später in Hannover. Aber die Angst ist erdrückend. Im Team äussern viele den Wunsch nach einer Spielabsage, den auch Löw teilt.

Zumal es keine guten Signale gibt. «Die Gefährdungslage ist hoch», sagt der Deutsche Innenminister Thomas de Maizière bei einer Pressekonferenz. Löw telefoniert mit Regierungskreisen. Die Entscheidung: Es soll gespielt werden – auch als Signal der Freiheit und Solidarität mit Frankreich. «Wir lassen uns vom Terrorismus auf keinen Fall in die Knie zwingen», beschreibt Löw die Vorgabe der Politik.

Doch es kommt anders: Kurz vor dem geplanten Anpfiff folgt die Absage. Sicherheitskräfte haben zu klare Erkenntnisse, dass ein Anschlag drohen könnte. Der Mannschaftsbus kehrt in der Dunkelheit wieder um. Löw informiert die Spieler: «Das Spiel fällt aus.» Das Gefühl von Paris ist zurück. Auf der Heimfahrt bleibt nur die Angst.