Hitzige Diskussionen um den Videobeweis in der Bundesliga

Luca Betschart

25.8.2018

Schiedsrichter Bastian Dankert steht in der Kritik.
Bild: Getty Images

Bei der Einführung des Videobeweises in der deutschen Bundesliga befürchteten Kritiker den Verlust von «Stammtisch-Gesprächen» für Fussballfans. Spätestens nach dem ersten Spiel der neuen Saison dürfte allen klar sein, dass diese mit dem «Video Assistant Referee» (VAR) wohl noch angeheizter geführt werden.

Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann sah gestern zum Auftakt in die neue Bundesliga in der Münchner Allianz Arena «ein gutes Spiel, aber dann kamen vogelwilde 20 Minuten und kaum noch Fussball, nur noch Videogucken und ein Elfer, der für mich keiner war.» Seine Mannschaft zeigte nach dem 0:1-Rückstand zur Pause ein beeindruckende Reaktion und erzielte durch Adam Szalai nach knapp einer Stunde den verdienten Ausgleich.

Die angesprochenen hektischen Schlussphase wurde mit einem Penaltypfiff des Unparteiischen Bastian Dankert eingeläutet. Der kurz zuvor eingewechselte Hoffenheim-Verteidiger Havard Nordtveit ging im eigenen Strafraum ungestüm in den Zweikampf, was Bayerns Routinier Frank Ribéry dankend annahm und zu einer Flugeinlage nutzte. Eine umstrittene Szene, in der sich aber Dankert so sicher war, dass er keine Hilfe des VAR in Anspruch nahm und umgekehrt der Assistent Sören Storks im Kölner Video-Keller keinen Anlass sah, einzugreifen.

Nur eine Minute und drei Ballberührungen später – Schuss Lewandwoski, Parade Baumann, Schuss Robben – hatte Storks jedoch keine Wahl mehr: Der Pole scheiterte mit seinem Elfer am starken Oliver Baumann, dessen Abpraller jedoch genau Arjen Robben vor die Füsse fiel, der sich nicht zweimal bitten lies.

Allerdings: Der Holländer stand bei Lewas Schussabgabe bereits weit im gegnerischen Sechzehner. Mit dem verzögerten Anlauf hatte Lewandwoski also einzig den Linksfuss aus dem eigenen Team verladen. Nach Konsultation des Videos erkannte auch Schiedsrichter Dankert den Regelverstoss und liess den Elfmeter wiederholen.

Im zweiten Anlauf verwandelt Lewandowski souverän zum 2:1, und als Thomas Müller kurz vor Schluss von Teamkollege Leon Goretzka abgeschossen wird und den Ball unhaltbar ins Tor lenkt, scheint die Partie gelaufen. Doch erneut wird der Jubel in der Allianz Arena im Keime erstickt: Hinweis aus Köln, Konsultation des Videos. Schon wieder.

Auf den Videobildern erkennt Dankert, dass der Ball von Müllers Ellbogen ins Tor fliegt, weshalb er den vorentscheidenden Treffer aberkennt. Minuten später, als Robben nach einem Einwurf alleine vor Baumann auftaucht und die Kugel versenkt, ist dieser dennoch Tatsache. Zur Folge hatten diese rund turbulenten 15 Minuten einerseits in der Bundesliga sonst unübliche 6 Minuten Nachspielzeit und wohl wochenlange Diskussionen um den VAR.

Viel Ärger in Hoffenheim

Der Hoffenheimer Sportchef Alexander Rosen wetterte nach dem Spiel: «Wir haben es bei der Weltmeisterschaft gesehen: (…) Es gab keine Testphase und der Videobeweis wurde zu etwas gemacht, was er sein soll, nämlich eine wunderbare, sinnvolle und gerechte Einrichtung. Und dann haben wir das, was wir heute erlebt haben. Das steht im Gegensatz zu dem, was es sein sollte.»

Rosen stört sich wie viele andere, dass Schiedsrichter Dankert nach der Aktion zwischen Ribéry und Nordtveit nicht überprüfte, während er danach gleich zwei Entscheide erst nach Hilfe des Videostudiums fällte. «Ich weiss nicht warum, ich hatte keine Kamera in Köln. Ich weiss nicht, wo die Herren in Köln da waren. Offenbar noch nicht auf ihrem Platz» adressiert Nagelsmann auch die Videoassistenten vorwurfsvoll.

Dass eine Konsultation des Videos in dieser Szene zumindest Sinn gemacht hätte, zeigen auch die Reaktionen der beteiligten Akteure. Der gefoulte Ribéry wollte sich nicht nur Szene äussern, während sogar Bayern-Trainer Niko Kovac den Elfer nicht gegeben hätte. Auch Verteidiger Nordtveit war sich seiner Meinung sicher und hatte den Schiedsrichter noch auf dem Platz gebeten, sich die Szene doch nochmals anzuschauen: «Wenn er das nochmal gesehen hätte, hätte er zweimal überlegt, auf den Punkt zu zeigen.»

Obwohl der VAR in dieser Partie gleich doppelt zum Zuge kam, wurde die offensichtlich umstrittenste Szene nicht überprüft. Verständlicher Ärger bei Hoffenheim und viel Stoff für Stammtisch-Diskussionen. Diese drehen sich  ab sofort nicht mehr nur um Entscheidungen des leitenden Schiedsrichters, sondern auch wie und wann der Videoschiedsrichter ins Geschehen eingreift. 

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