Gelson Fernandes zum Karriereende: «Der härteste Tag meines Lebens»

Chris Geiger

30.6.2020 - 10:39

Die Teamkollegen von Eintracht Frankfurt verabschieden Gelson Fernandes.
Bild: Getty

Die Karriere von Gelson Fernandes (33) ging am Samstag nach dem letzten Bundesligaspiel von Eintracht Frankfurt gegen den SC Paderborn zu Ende. Ein schwieriger Moment für den Walliser, wie er im Interview mit «Bluewin» verrät.

Gelson Fernandes, am Samstag haben Sie das letzte Spiel Ihrer Karriere erlebt. Wenn Sie auf die letzten Tage zurückblicken, wie geht es Ihnen?

Der Samstag war ein sehr emotionaler Tag für mich, ein sehr harter Tag. Es war der schwerste Tag meines Lebens. Anstatt auf meine gesamte Karriere zurückzublicken, habe ich am Montagmorgen Sitzungen angesetzt, um so gewissermassen zu trauern. Nachdem man diese Gefühlspalette erlebt hat, ist es wirklich nicht einfach, wenn alles aufhört.

Leider sassen Sie nur auf der Ersatzbank, ausserdem gab es keine Zuschauer. Bedauern Sie dieses spezielle Ende?

Von aussen betrachtet könnte man meinen, ein solches Ende sei unwürdig. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass es eine gute Sache war. Wenn es ein volles Stadion und meine Familie auf der Tribüne gegeben hätte, glaube ich nicht, dass ich mich gebührend hätte verabschieden können. Ich wäre dazu einfach nicht in der Lage gewesen. Zu meiner Reservistenrolle: Ich habe am Freitag wieder trainiert, aber das Spiel war wichtig für die Rangliste, nicht zuletzt im Hinblick auf die TV-Gelder. Ich hätte beim Stand von 3:0 reinkommen können, aber Paderborn ist auf 3:2 rangekommen, und der Trainer war in einer schwierigen Situation.

Ihr letztes Spiel absolvierten Sie am 30. Mai gegen Wolfsburg. Eine Wadenverletzung und dann eben das Spielszenario am Samstag haben Sie nun am Spielen gehindert. Ist es nicht frustrierend, die Karriere auf diese Art und Weise zu beenden?

Nein, ganz und gar nicht. Solche Dinge passieren. Mein Körper hat mir einfach seine Grenzen aufgezeigt.

Haben die häufigen Verletzungen in den letzten sechs Monaten ebenfalls dazu beigetragen, Ihre Fussballschuhe an den Nagel zu hängen?

Ich habe bereits vorher darüber nachgedacht. Dann kam Corona und schliesslich die vielen Geisterspiele. All diese Faktoren haben mir geholfen, das Pro und Contra abzuwägen, was mir im Alter von fast 34 Jahren (Anm. d. Red.: am 2. September) bewusst machte, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Meine Spielweise ist sehr fordernd, weil ich auf dem Platz sehr engagiert bin. Es gibt also den physischen Teil. Aber man muss auch die mentalen Aspekte betrachten. Jedenfalls wollte ich auf dem höchsten Niveau aufhören.

Haben Sie je an die Möglichkeit gedacht, Ihre Karriere in der Schweiz zu beenden?

Nein, das wollte ich nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob die vielen Kunstrasen hier für mein Knie geeignet gewesen wären.



Wie werden Sie – abgesehen von Ihrer Expertenrolle bei Teleclub in der Romandie – Ihre Tage ausfüllen?

Ich habe weitere Projekte, die demnächst angekündigt werden. Ich arbeite jetzt seit einigen Monaten an meiner beruflichen Umschulung. Ich werde weiterhin in der Welt des Fussballs aktiv sein. Aber ich werde abwarten müssen, wie das genau aussehen wird. Klar werde ich nicht den gleichen Grad an Zufriedenheit erreichen wie beim Fussballspielen, aber meine Erwartung ist trotzdem, dass ich Spass haben werde. Ich denke, das ist allgemein ein wichtiges und sogar grundlegendes Konzept.

Haben Sie keine Angst davor, eine gewisse Leere zu spüren?

Nein, das lasse ich nicht zu. Zuerst werde ich mit meiner Familie in die Ferien fahren, aber dann geht es gleich wieder zurück. Ich bin ein Mensch, der etwas durchzieht, der keinen Raum für Leere lassen will. Die Zeit der Selbstisolation wegen der Gesundheitskrise hat mich darauf vorbereitet, weil ich mehr Zeit für mich selbst hatte.

Seit Ihrem Abgang aus Sion im Juli 2007 haben Sie, abgesehen von einem sechsmonatigen Intermezzo im Wallis 2013, ausschliesslich im Ausland gelebt. Haben Sie die Schweiz vermisst?

Ja, ja, immer noch. Ich bin sehr glücklich, wieder in der Schweiz zu sein. Bereits am Sonntagnachmittag kehrte ich ins Wallis zurück.

Was werden Sie von all Ihren Erfahrungen in England, Frankreich, Italien, Portugal und Deutschland in Erinnerung behalten?

Ich habe im Fussball enorme Emotionen erlebt. Ich hatte die Möglichkeit, in tollen Ligen, in vollen Stadien und gegen grosse Spieler zu spielen. Damit habe ich meinen Traum definitiv verwirklicht. Ich habe fantastische Menschen kennengelernt, und ich hatte überall, wo ich war, viel Spass.

Auf Augenhöhe mit den Weltstars. Hier Gelson Fernandes mit Pierre-Emerick Aubameyang.
Bild: Getty

Sie sagen, Sie haben Ihren Traum verwirklicht. Als Sie ein Kind waren, dachten Sie wirklich, Sie könnten es schaffen?

Es war ein Traum, aber es war auch ein Ziel. Aber ich bin mir nicht sicher, ob viele Menschen um mich herum dachten, dass ich so lange so eine Karriere machen könnte. Um ehrlich zu sein, war ich nicht der talentierteste Spieler, aber ich hatte ein grosses Herz.

2015 gelang Ihnen als erster Spieler des 21. Jahrhunderts in vier grossen Ligen ein Tor zu erzielen. Ist das vielleicht eine Anekdote, wie die Öffentlichkeit Sie in Erinnerung behalten soll?

Nein! Es wäre toll, wenn man sich mehr an einen guten Kerl erinnern würde, der ein gutes Herz hatte und sein Bestes gab.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie mit der Nationalmannschaft (67 Länderspiele) die jüngere Geschichte des Schweizer Fussballs geprägt haben?

Ich weiss nicht, ob ich Türen geöffnet habe, indem ich im Ausland einen bleibenden Eindruck hinterlassen habe. Wenn ich dank meiner Karriere ein Vorbild und Motivation für die kleinen Jungs sein kann, dann umso besser. Aber natürlich hoffe ich, dass sie noch bessere Karrieren haben als ich.

Bereuen Sie etwas in Ihrer Karriere?

Die Tatsache, dass ich oft den Verein gewechselt habe, ist keine grosse Enttäuschung. Ich würde eher sagen, dass ich zeitweise zu ungeduldig war. Wenn ich bestimmte Dinge noch einmal machen könnte, würde ich sie anders machen. Aber hinterher ist man immer klüger. Würde ich sonst noch etwas ändern? Ich würde dafür sorgen, dass Blerim Dzemaili den Ball nicht gegen den Pfosten köpfte, sondern dass er ins Netz ging (Anm. d. Red.: bei der 0:1-Niederlage der Schweiz gegen Argentinien im WM-Achtelfinal 2014). Es war eine grosse Enttäuschung für die Spieler und die Fans, aber ich bin sicher, es war auch eine grosse Quelle des Stolzes. Ich glaube nicht, dass die Schweizer Fussballwelt zuvor bei einer Weltmeisterschaft ein solches Spiel gegen einen so grossen Namen erlebt hat. Wir haben auf dem gleichen Niveau wie Argentinien gespielt.

Mit Ihren vielfältigen Erfahrungen: Welcher Abschnitt Ihrer Karriere hat Sie am meisten beeindruckt?

Ich würde sagen, meine letzte Erfahrung bei der Eintracht Frankfurt. Es war der reifste Moment in meiner Karriere. Mir wurde auch klar, was für ein Glück ich hatte. Es war am Ende meiner Karriere, in Deutschland und Rennes, wo ich am längsten in meinen Vereinen blieb. Welche Liga passte am besten zu mir? Ich habe die Premier League und die Bundesliga bevorzugt, vor allem wegen ihres Spielstils. 

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