Heute vor 26 Jahren

Heute vor 26 Jahren: Helmer schiesst legendäres Phantomtor

bam

23.4.2020

23. April 1994: Bayerns Thomas Helmer vergibt eine Hundertprozentige und kann es kaum fassen. Doch zur Verwunderung aller entscheidet das Schiedsrichtergespann auf Tor. Ein kapitaler Fehlentscheid von grosser Tragweite.

Es ist ein Treffer, der als Phantomtor in die Geschichte der Bundesliga eingehen sollte. Er verhalf den Bayern am 23. April 1994 zu wichtigen drei Punkten gegen Nürnberg und machte die Bayern zum späteren deutschen Meister. Nürnberg stieg ab, ein Punkt fehlte in der Endabrechnung auf das rettende Ufer. Dieser grobe Fehler kostete dem Linienrichter Jörg Jablonski, der auf Tor plädierte, seine Karriere. Aber nun der Reihe nach.

Was ist geschehen? Es läuft die 26. Minute im Spiel zwischen Bayern München und Nürnberg, als Bayern-Spieler Marcel Witeczek einen Eckball zur Mitte schlägt und den am zweiten Pfosten völlig freistehenden Thomas Helmer erreich. Doch der schafft es, den Ball mit einem technischen Kabinettstück kläglich am Tor vorbeizuschieben. Nürnberg-Goalie Andy Köpke tätschelt Helmer, der es kaum fassen kann, aufmunternd auf den Hinterkopf. Alle sehen es: Der Ball landete im Aus. Alle ausser der Linienrichter? Jablonski hebt die Fahne und signalisiert, dass der Ball im Tor war. Schiedsrichter Hans-Joa­chim Osmers vertraut seinem Assistenten und entscheidet auf Tor. Der Jubel der verdatterten Bayern-Spieler fällt entsprechend zaghaft auf.

Wie konnte den Unparteiischen bloss ein solch grober Fehlentscheid unterlaufen? Einen Tag nach dieser Partie sagte Jablonski zum Fussball-Magazin «Kicker»: «Ich stehe genau an der Eck­fahne und gucke in die Sonne. Der Spieler Helmer steht am hin­teren Pfosten vor der Tor­linie. Ich sehe, wie Köpke auf den Ball zustürzt und wie Helmer den Ball über die Linie bringt. Ich war hun­dert­pro­zentig der Über­zeu­gung, dass der Ball hinter der Linie war. Erste Zweifel kamen mir aber schon, als der Ball neben dem Tor lag. Zumal Köpke und einige Klub-Spieler auf mich zustürmten. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehan­delt.»

Helmer erinnert sich

Auch Helmer wusste, dass dieses Tor irregulär war. «Das waren Sekunden», erklärte Helmer gegenüber «Sport1», «in denen ich über­haupt keine Ent­schei­dung treffen konnte.» Immer wieder wird Helmer von den Nürnbergern der Lüge bezichtigt, weil er nach dem eigentlich «Nicht-Tor» gejubelt hatte. «Das war eher so eine Was-ist-los-Geste», wird Helmer von «11 Freunde» zitiert. «Ich habe nicht geju­belt.»

Der heutige Sportmoderator hat noch wochenlang mit dem Vorfall zu kämpfen. «Es geht schon an die Psyche, wenn man immer mit dem Vor­wurf kon­fron­tiert wird, nicht die Wahr­heit zu sagen.» Helmer sagte später immer, dass er mit dem Schiedsrichter hätte sprechen sollen – auch wenn er nicht der Hauptschuldige gewesen sei. 

Thomas Helmer spielte sieben Jahre für Bayern München.
Getty Images

Der Fall endete vor Gericht

Es folgte eine mediale Hetzjagd und ein Gerichtsverfahren: Nürnberg hatte sofort nach der 1:2-Niederlage Pro­test gegen die Wer­tung des Spiels ein­ge­legt. Vor Gericht wurde schliesslich entschieden, dass die Partie wiederholt werden müsse. Bayern gewann das Wiederholungsspiel gleich mit 5:0.

Jablonskis Karriere als Linienrichter endete nach diesem einen groben Fehlentscheid. Er hätte noch in der zweiten und dritten Liga Spiele pfeifen dürfen, aber auch dort stand er in der Missgunst der Zuschauer und beendete deswegen seine Laufbahn. Der 59-Jährige mag nicht mehr über den Vorfall sprechen, wie «11 Freunde» schreibt. Er habe einen Schlussstrich unter die Geschichte gezogen. 


Heute vor ...




Zurück zur StartseiteZurück zum Sport