Skandalös: Inter-Ultras rechtfertigen Affenlaute gegen eigenen Spieler 

Tobias Benz

4.9.2019 - 13:50

Inter-Neuzugang Romelu Lukaku wurde beim Auswärtsspiel in Cagliari mit rassistischen Affengeräuschen eingedeckt.
Bild: Getty

Nach dem rassistischen Zwischenfall in Cagliari decken ausgerechnet die Fans von Inter Mailand den Sarden den Rücken. Die Aussagen, die dabei gemacht werden, sind an Ignoranz kaum zu übertreffen und offenbaren die Probleme im italienischen Fussball schonungslos.

Als Romelu Lukaku in der Sardegna Arena im Südwesten der sardinischen Hafenstadt Cagliari zum Elfmeter antritt, drängen sich die etwas mehr als 16’000 Zuschauer auf den Rängen fast so dicht aneinander wie die 104 Flüchtlinge an Bord der «Eleonore», die gut 600 Kilometer entfernt vor dem Hafen von Pozzallo auf hoher See treibt und erfolglos um Einlass bittet.

Beide Menschenmengen sind aufgebracht. Die einen, weil sie Hunger haben und unter Todesangst leiden, die andern, weil ein schwarzer Mann zum Elfmeter antritt. Es ist der 1. September 2019.

Ein wiederkehrendes Problem

Unter ohrenbetäubenden Affengeräuschen versenkt Lukaku den Penalty im rechten, unteren Eck. Es sind widerliche Szenen. Nicht zum ersten Mal wird ein Fussballer in Italien von den Zuschauern rassistisch beleidigt. Und nicht zum ersten Mal steht dabei die Sardegna Arena in Cagliari im Mittelpunkt. Einem Ort, an dem die rechtspopulistische «Lega» im Februar die Wahlen mit grossem Vorsprung gewinnen konnte.

Aber das Rassismusproblem im italienischen Fussball beschränkt sich nicht auf Sardinien. Auch in vielen anderen Stadien kommt es regelmässig zu Verstössen. Dazu gehört auch Lukakus neue Heimstätte, das Giuseppe-Meazza in Mailand. Und ausgerechnet von dort erhalten die Sarden nun Rückendeckung.

Eine höchst befremdende Interpretation

«Hi Romelu. Wir schreiben Dir im Namen der Curva Nord», beginnen die Inter-Ultras ihren Erklärungsversuch auf ihrer offiziellen Facebookpage. «Es tut uns leid, dass Du gedacht hast, die Geschehnisse in Cagliari hätten einen rassistischen Hintergrund. Du musst verstehen, dass Italien nicht wie viele andere nordeuropäische Länder ist, in denen Rassismus ein ‹echtes› Problem ist.»

Spätestens nach diesem Satz wäre es nicht verwunderlich, hätte sich Lukaku beim Lesen bereits geräuschvoll übergeben. Aber es kommt noch abscheulicher: «Du musst verstehen, dass die Fans in allen italienischen Stadien nicht nur ihr eigenes Team unterstützen, sondern auch das gegnerische Team unter Druck setzen wollen. Das ist nicht wegen Rassismus, sondern um dem eigenen Team zu helfen.»

Rassistische Affengeräusche werden also damit entschuldigt, dass die Absicht dahinter keine böse sei, sondern eben dazu diene, den Gegner aus dem Konzept zu bringen. Eine höchst befremdende Interpretation.

Ausgeklügelte Pläne

Der offene Brief der «Curva Nord» ist ein trauriges Zeugnis dafür, wie tief der italienische Fussball gesunken ist. Immerhin will der Verband nun ein Zeichen setzen und plant für den Oktober eine grossangelegte Anti-Rassismus-Kampagne, an der sich alle 20 Klubs aus der Serie A beteiligen werden.

Wie genau das Ganze aussehen soll, verrät Liga-Chef Gaetano Miccichè leider nicht. Es hört sich aber nach einem hilflosen Plan an: «Jeder muss sich einsetzen, um in den italienischen Stadien Rassismus zu bekämpfen.» 

Übrigens: Seit diesem Jahr muss bei jedem Spiel der Serie A ein Polizeibeamter anwesend sein, der entscheidet, ob ein Spiel wegen rassistischer Ausfälle abgebrochen werden soll. Wo dieser Herr zum Zeitpunkt des Elfmeters in der Sardegna Arena wohl gerade war?


Lukakus Reaktion auf Instagram

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