Seit über einem Jahr wartet Noah Okafor auf ein Lebenszeichen aus dem Nati-Umfeld – vergeblich. Im Interview mit «The Athletic» äussert der Premier-League-Stürmer seine tiefe Enttäuschung über Trainer Yakin und den SFV.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Noah Okafor zeigt sich tief enttäuscht vom Schweizer Fussballverband, da er seit über einem Jahr ohne Erklärung nicht mehr für die Nationalmannschaft berücksichtigt wurde.
- Nati-Trainer Murat Yakin begründete Okafors Abwesenheit mit besserer Konkurrenz und verweist auf fehlende Scorerpunkte.
- Okafor kritisiert insbesondere die fehlende Kommunikation und vermutet persönliche Spannungen nach einem Konflikt vor der EM 2024 als möglichen Grund für seine Ausbootung.
Es ist fast ein Jahr her, seit Noah Okafor zuletzt für die Schweiz gespielt hat. Am 18. November kam der Flügelspieler in der Nations League beim 2:3 gegen Spaniens B-Elf 18 Minuten zum Einsatz. Drei Tage zuvor bekam er gegen Serbien 65 Minuten Spielpraxis.
Seither fehlt Okafor im Aufgebot. Auch in der aktuellen Kaderliste für die beiden WM-Qualispiele gegen Schweden und den Kosovo sucht man seinen Namen vergebens. Dabei spielt der 25-Jährige regelmässig bei Leeds. Für den Premier-League-Aufsteiger hat er in sieben Partien immerhin schon zwei Mal getroffen. «Es macht mich wirklich, wirklich traurig», meint Okafor im Gespräch mit «The Athletic» (zahlungspflichtig) zu seiner Situation in der Nationalmannschaft.
Seit seinen beiden Einsätzen herrscht laut Okafor Funkstille zwischen ihm und dem SFV. «Seitdem habe ich nie wieder mit dem Trainer gesprochen, nicht einmal per Telefon oder Nachricht, auch nicht mit dem Nati-Direktor Pierluigi Tami», erzählt er. «Sie rufen mich nicht einmal an oder fragen mich. Für mich ergibt das keinen Sinn.»
«Es macht mich traurig, weil sie mir nicht einmal eine SMS schicken oder mich anrufen, um zu fragen, wie es mir geht», klagt Okafor und führt den Umgang bei seinem Wechsel im Sommer von Milan nach Leeds an. «Da hätte ich mir ein ‹Glückwunsch› oder etwas in der Art gewünscht, denn ich spiele jetzt in der besten Liga der Welt», findet Okafor.
Okafor als Problemspieler?
Den Verzicht auf Noah Okafor begründete Murat Yakin bei der Kaderbekanntgabe damit, dass man mit Vargas, Ndoye und Manzambi auf den Aussen-Positionen derzeit gut besetzt sei, Okafor aber auf dem Radar bleibe.
Ins Kader geschafft haben es heuer etwa Andi Zeqiri (in sieben Spielen für Widzew Lodz in der polnischen Liga noch torlos), Cedric Itten (spielt in der 2. Bundesliga bei Düsseldorf) oder Christian Fassnacht. Der 31-jährige YB-Flügelspieler kehrt erstmals seit zweieinhalb Jahren in den Kreis der Nationalmannschaft zurück.
Auf die Frage, ob er Fassnacht Okafor vorziehe, weil dieser seine Rolle als Ergänzungsspieler akzeptierte, meinte Yakin bei «Watson»: «Ich habe immer wieder mit Okafor gesprochen, ihm mitgeteilt, was ich auf und neben dem Platz von ihm erwarte. Ich hoffe, dass meine Worte irgendwann bei ihm ankommen.» Man werde ihn weiter beobachten. «Offensivspieler werden auch an Skorerpunkten gemessen. Da sind jene, die jetzt dabei sind, gegenüber Okafor im Vorteil», betonte Yakin.
In der Vergangenheit hiess es aus dem SFV-Umfeld, Okafor habe manchmal nicht die richtige Einstellung an den Tag gelegt. Von einem generellen Disziplinproblem will Okafor nichts wissen. Natürlich mache man als junger Spieler Fehler, er sei aber stets pünktlich und respektvoll gewesen. Nun sei er aber sowieso älter und erfahrener, so der 25-Jährige.
Vom Verband nicht informiert
Okafor ist von Yakin auf die Pikettliste gesetzt worden. Erfahren hat es Okafor am Mittwoch durch seinen Bruder. «Die Sache ist, dass sie mich auf die Liste gesetzt haben, aber mich nicht einmal gefragt haben, wie ich mich fühle oder ob mein Körper in Ordnung ist. Das ergibt keinen Sinn. Für mich ist das die grösste Enttäuschung», meint Okafor und führt aus:
«Das bedeutet, dass ich verfügbar sein muss, aber warum ruft er mich nicht an, um mir zu sagen, was ich verbessern muss? Es ist in Ordnung, es ist seine Entscheidung, er ist der Trainer, aber er hat mich auf die Liste gesetzt, und niemand vom Verband hat mir eine SMS geschickt oder mich angerufen. Das ist einfach traurig.»
Nach seinen Toren in der Premier League habe er keine Rückmeldung erhalten. «Das bedeutet, dass es um etwas Tieferes geht. Für mich geht es nicht um Qualität. Ich bin selbstbewusst, ich möchte nicht arrogant sein oder so, aber ich sage, wenn ich fit bin, habe ich genug Qualität, um gut zu spielen», hält Okafor fest.
Okafor glaubt nicht, dass die Nicht-Nomination mit den Skorerwerten zusammenhängt. Vor der WM 2022 habe er regelmässig getroffen, habe aber in Katar nur drei Joker-Einsätzen bekommen.
Tami-Zuzug hat Yakin «wütend» gemacht
Auch beim nächsten grossen Turnier lief es nicht rund zwischen den beiden. So sei man sich im Vorfeld der EM 2024 einig gewesen, dass die Stürmerposition nicht die beste Wahl für ihn sei. Im letzten Testspiel sei er aber dann ganz vorne eingesetzt worden. Er habe dann in einem Gespräch mit Yakin Klarheit über seinen Platz im Team gesucht und dazu auch Tami eingeladen, erläutert Okafor. Das sei bei Yakin nicht gut angekommen.
«Der Trainer war wütend, weil ich Pierluigi Tami ebenfalls zu dem Gespräch mitgebracht hatte», glaubt Okafor. «Vielleicht liegt das daran, dass er stolz ist, ich weiss es nicht. Er war einfach wütend. Ich habe Pier zu dem Treffen eingeladen, weil ich ihn schon seit Ewigkeiten kenne.»
Bei der erfolgreichen EM-Kampagne spielte Okafor keine Sekunde. «Er hat mich, wahrscheinlich weil er wütend war, auf die Bank gesetzt», glaubt Okafor. Nicht mal zum Einwärmen sei er geschickt worden.
«Das ist wirklich sehr, sehr traurig»
Am meisten bedrückt ihn die ausbleibende Kommunikation: «Es ist schwer, weil dir niemand schreibt, niemand dich kontaktiert, niemand dich anruft».
Wenn Yakin ihm persönlich mitteilen würde, dass seine Leistung nicht gut genug sei, gehe das in Ordnung, schliesslich sei Yakin der Trainer. «Wenn er sagt, ich sei nicht gut genug oder zu langsam oder technisch nicht gut genug, dann sage ich: ‹OK.› Aber seit über einem Jahr habe ich nicht einmal ein ‹Hey, Noah, wie geht es dir?› gehört. Nichts. Das ist wirklich sehr, sehr traurig.»
Als Junior beim SFV sei der Umgang mit ihm ganz anders gewesen. In jeder Jugendnationalmannschaft habe man ihm immer gesagt, er sei das grösste Talent und er würde jede Hilfe bekommen, erläutert Okafor, der dank seines Vaters auch für Nigeria hätte auflaufen können.
«Aber dann behandeln sie dich hinterher so. Das macht mich wirklich sehr, sehr traurig», betont Okafor gegenüber «The Athletic». Dabei liebe er es, für die Nati aufzulaufen: «Jedes Kind träumt davon. Ich möchte für mein Land spielen. Das steht ausser Frage, denn ich kann der Mannschaft helfen, besonders wenn ich fit bin», findet Okafor. Ob nach dieser öffentlichen Schelte an Yakin und dem SFV noch weitere Länderspiele – aktuell steht Okafor bei 24 – hinzukommen, bleibt offen.