Özil über Erdogan-Foto: «Ich würde mich nie dafür entschuldigen»

17.10.2019 - 15:22, SB10

Mesut Özil bricht sein Schweigen und rechnet mit seinen Kritikern ab.
Bild: Getty

Mesut Özil gab dem Sportportal «The Athletic» ein längeres Interview. Der Arsenal-Spieler spricht über seine derzeitig sportlich unbefriedigende Situation, Kritiker und wie er den Raubüberfall in London erlebte. 

Mesut Özil über ...

... seine Vertragssituation

«Ich dachte sehr sorgfältig darüber nach, als ich den neuen Vertrag unterschrieb, weil es eine der wichtigsten Entscheidungen meiner Fussballkarriere war. Ich wollte nicht nur ein oder zwei weitere Jahre bleiben, ich wollte meine Zukunft Arsenal widmen. Du kannst schwierige Zeiten durchmachen – so wie aktuell – aber das ist kein Grund wegzulaufen, und das werde ich auch nicht. Ich werde bis mindestens 2021 hierbleiben.»

... seine Zukunft

«Arsène Wenger war ein wichtiger Faktor, dass ich zu Arsenal kam, aber letztendlich habe ich mich für den Klub entschieden. Selbst als Arsène ankündigte, dass er gehen würde, wollte ich bleiben, weil ich gerne für Arsenal spiele. Deshalb bin ich schon seit sechs Jahren hier.
Als ich von Real Madrid kam, war es eine wirklich harte Zeit für Arsenal. Aber ich habe immer an das geglaubt, was wir erreichen können und gemeinsam haben wir es geschafft. In letzter Zeit waren die Dinge schwierig und es hat sich viel verändert. Aber ich bin stolz darauf, ein Arsenal-Spieler, ein Fan zu sein, und ich bin glücklich hier. Wenn mich die Leute auf der Strasse sehen, sage ich immer: ‹Das ist mein Zuhause. Ich gehe nirgendwo hin›».



... warum er derzeit nicht zum Einsatz kommt

«Es ist natürlich enttäuschend. Aber als Profifussballer muss ich die Entscheidung des Trainers respektieren. Zuhause unbeteiligt die Partien mitverfolgen zu müssen macht einen hilflos. Ich will Teil der Mannschaft sein und meine Teamkollegen unterstützen, um erfolgreich zu sein. Ich trainiere nicht die ganze Zeit nur um der Sache willen, ich bin bereit zu spielen. Hier sollte es nicht um mich oder den Trainer gehen, sondern nur um den Verein. Ich muss alles geben, fit und konzentriert bleiben. Die Saison-Vorbereitung lief sehr gut, obwohl die Sache mit dem Moped-Angriff geschah. Seitdem war ich immer verfügbar und wenn der Trainer mich ausgewählt hat, war ich bereit, spielte und versuchte immer, mein Bestes zu geben. Ich habe meine ganze Karriere auf dem gleichen Niveau trainiert, aber weil ich in letzter Zeit nicht zum Einsatz kam, mache ich zusätzliche Arbeit mit dem Fitnesstrainer und in der Turnhalle, um noch fitter zu werden als sonst. Ich weiss, was nötig ist und glaube an mich selbst.»

Unay Emery (r.) setzt nicht (mehr) auf Mesut Özil.
Bild: Getty

... über die Kritik an seiner Spielweise

«Es kommt immer wieder vor, dass irgendein Ex-Spieler im Fernsehen da steht und mich kritisiert. Dann setzen andere Leute einfach das Thema fort und es kommt in die Köpfe aller. Wenn wir in einem ‹grossen› Spiel nicht gut abschneiden, ist es immer meine Schuld. Wenn das wahr sein sollte, wie erklärt man dann unsere Ergebnisse in den ‹grossen› Spielen, bei denen ich nicht beteiligt war? Es gibt keinen wirklichen Unterschied. Ich weiss, dass die Leute von mir erwarten, dass ich mich mehr anbiete, das Spiel diktiere und den Unterschied mache – ich auch –, aber es ist nicht so einfach. Ich bin nicht der einzige Spieler im Team und einige unserer Gegner sind einfach besser als wir. Ausserdem, was ist ein ‹grosses› oder ‹kleines› Spiel? In der Premier League kann jeder jeden schlagen. So haben Wolverhampton und Norwich etwa Man City geschlagen, oder Newcastle und West Ham gegen Man United gewonnen.»

... den Raubüberfall

«Ich bin von meinem Haus zu Sead gefahren. Er war draussen und wir haben geredet, während meine Frau neben mir sass. Dann kamen diese Typen, wir dachten, dass sie vielleicht ein Foto machen wollen oder so. Dann bemerkten wir, dass sie eine Waffe hatten und etwas schief lief. Sie sahen offensichtlich das grosse Auto, und weil Sead mir gerade etwas gegeben hatte, müssen sie bemerkt haben, dass er eine teure Uhr trug.
Sie sagten ihm direkt: ‹Gib uns deine Uhr!›. Seads Reaktion war wirklich mutig, weil er einen der Angreifer angriff. Der zweite war auf seinem Moped vor meinem Auto, sodass ich nicht wegfahren konnte. Ich war besorgt, dass sie die Tür meiner Frau öffnen würden – und sie versuchten es – also griff ich nach der Türe, um sie geschlossen zu halten.
Ich sah eine Chance zu fahren. Ich fuhr ein wenig vorwärts und rückwärts, um zu versuchen, das Moped wegzubringen. Ich sagte zu Sead: ‹Spring rein! Spring rein!›, was er zum Glück getan hat. Der zweite Typ versuchte erneut, hineinzukommen. Sead schloss die Tür und ich machte eine Kehrtwendung. Es gab dort eine Baustelle und sie nahmen Ziegelsteine, um uns damit anzugreifen. Ich fing an zu fahren, aber sie folgten mir. Ich fuhr sehr schnell, aber sie kamen mit dem Moped immer näher. Ich versuchte, sie mit dem Auto zu blockieren und zu entkommen, aber sie liessen sich nicht abschütteln. Das Wichtigste ist, dass uns nichts passiert ist. Wir waren besorgt, dass diese Typen uns ins Visier genommen hatten, aber die Polizei sagte, sie hätten sie gefunden, und ein paar Stunden zuvor versuchten sie offenbar, andere Leute in der Nähe auf ähnliche Weise auszurauben.»

... das Foto mit Erdogan

«Es fühlte sich so an, dass wenn ich mich dafür entschuldige und zugebe, dass es ein Fehler war, alles gut wäre. Das würde ich nie tun. Rassismus war immer da, aber diese Situation wurde von diesen Menschen als Entschuldigung dafür genutzt, ihn auszuleben. Jeder kann seine eigene Meinung haben. (...) Aber das im Anschluss hat ihren Rassismus sichtbar für jeden offenbart. (...) Nach dem Foto habe ich mich nicht mehr geschützt, nicht mehr respektiert gefühlt. Ich wurde rassistisch angegangen – sogar von Politikern und bekannten Persönlichkeiten. Dennoch hat sich zu dieser Zeit niemand von der Nationalmannschaft vor mich gestellt und gesagt: ‹Hey, das reicht. Das ist unser Spieler.› Jeder hat einfach geschwiegen und es geschehen lassen. Er ist der aktuelle Präsident der Türkei und ich würde dieser Person immer meinen Respekt erweisen – egal, wer es ist. Auch wenn ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, ist die Türkei Teil meines Erbes. Auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel damals nach London gereist wäre und nach einem Treffen, einem Gespräch gefragt hätte, hätte ich das natürlich auch getan. Es ging allein darum, Respekt vor dem höchsten Amt eines Landes zu zeigen.»

Dieses Foto von Özil und Erdogan sorgte im Mai 2018 für mächtig Wirbel.
Bild: Getty

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