Er trainierte in 23 Nationen auf vier Kontinenten. Otto Pfister, heute 88-jährig, hasst nichts mehr als Langweile – sei es beim Kaffee in Sargans oder beim Abendmahl in Kinshasa.
Als junger Kölner Ministrant, da war Otto Pfister acht, neun Jahre alt. Da verschlang er alle Literatur, die ihm in der Kölner Kirchenbibliothek in die Finger kam. Karl May war darunter, einer seiner Lieblingsautoren, der mit Geschichten über unbekannte Länder Ottos Fantasie anregte. Im kleinen Otto war die Lust an fernen Ländern entfacht. Und sie schlummert noch heute in ihm. Otto wollte nur noch eines: weg, fort, Neues sehen, entdecken.
Als Pfister fürs Interview mit blue Sport am Bahnhof Sargans sitzt, rund 80 Jahre nach den ersten literarischen Entdeckungen, sagt er bloss: «Schauen Sie, junger Mann. Hier ist doch nichts los. Die Schweiz ist das Paradies. Aber es passiert nichts.» Seiner Frau wegen zog es Pfister ins Rheintal. Dabei müsste immer was los sein. Action pur, damit er sich wohlfühlt.
Dass Pfister so viel gesehen hat, «da war sehr viel Glück dabei», sagt er. Weil er besser kicken konnte als die meisten und er in einem Testspiel auffiel, durfte er von Köln nach Chiasso; da gab es sogar mehr zu verdienen. «Ich dachte: Chiasso? Nicht Afrika, aber immerhin ein erster Schritt.» Er trainierte später in Glarus, Vaduz, Moutier, St. Gallen, Chur. Mit Freude am Fussball, mit netten Menschen – aber war das die grosse Welt, in die er strebte?
Mit 34 fragte er sich: «Was soll das eigentlich?» Er war semi-professioneller Trainer, verdiente sich als Betriebswirt was hinzu. Das konnte doch nicht alles sein.
Hutus versus Tutsis
Dann schlug das Schicksal zu. Pfister sass im Urlaub in Catolica, Italien, neben einem Mitarbeiter des deutschen Auswärtigen Amts. Die beiden plauderten – und auf Vermittlung des Beamten bekam Pfister die Chance, Nationaltrainer von Ruanda zu werden; dort werde gerade einer gesucht, und Deutsche hätten einen guten Leumund. Einzige Voraussetzung: Sie mussten Französisch sprechen. Das konnte Pfister zumindest in Bruchstücken. Zudem war ein dreimonatiger Vorbereitungskurs vorgesehen, bei dem Pfister auch Englisch büffeln konnte. «Den Rest lernen Sie ohnehin im Alltag», sagt Pfister. Learning by doing.
1972 also war Pfister Nationaltrainer in Ruanda, 34-jährig, frisch als Spielertrainer des FC Chur eingeflogen, und musste Erfolg haben. Er, der weise Marabu, wie ihn die Menschen achtungsvoll nannten. Schnell spürte Pfister, dass Konflikte schwelten – solche zwischen der Hutu-Regierung und der Tutsi-Minderheit, die 20 Jahre später, Mitte der 90er, mehr als eine Million Menschen ihr Leben kosten werden. Pfister ist zum Trainieren da. Und doch sagt er ernüchtert: «Ich habe unzählige Autos und Häuser gesehen, die abgefackelt wurden.»
«Hände weg von Geld, Politik, Religion»
Pfister versuchte, das Unmögliche zu bewältigen. Er sagt: «Von Geld, Politik und Religion habe ich immer die Finger gelassen.» Er versucht es in Ruanda etwa, indem er eine Ausgeglichenheit zwischen Hutus und Tutsis im Nationalteam herstellt – niemand soll sich benachteiligt fühlen.
Diesen Satz erhebt er zum Mantra seiner Trainerzeit – später auch in Senegal, Burkina Faso, in der Elfenbeinküste, Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, Ghana, Bangladesh oder Saudi-Arabien. Nationalteams allesamt, die er bis Ende der 90er trainiert.
Mit der U17-Auswahl der Elfenbeinküste gewinnt er den Afrika-Cup, mit Ghana die U17-WM, später stösst er mit den Ghanaern in den A-Final des Afrika-Cups vor – und wird zum Trendsetter: «Otto Pfister Style» nennt man die Art, die Hose weit unter der Hüfte zu tragen, wie es Pfister noch heute tut.
Eto’os Trost
2008, nach der Afrika-Cup-Final-Niederlage mit Kamerun gegen Ägypten, gibt’s Trost von Kameruns Superstar Samuel Eto’o: «Er sagte zu mir: ‹Nimm es nicht so schwer. Wenn du in so einem Elend wie viele von uns Spielern aufgewachsen bist, ist eine Finalniederlage nicht so schlimm.› Das hat mich tief beeindruckt und ist mir geblieben», sagt Pfister. Wie so vieles, das Pfister erleben durfte.
Etwas hat der Fussball-Liebhaber auf seinen Abenteuern ebenso stets gebraucht: Nerven aus Stahl. Zu seiner Zeit in Zaire lässt ihn Diktator Mobutu, einer der blutrünstigsten Schlächter seiner Zeit, mehrfach mitten in der Nacht in seinen Palast zitieren. Nur um ihm beiläufig zu sagen, dass er den Staatschef des nächsten Gegners Angola, José Eduardo dos Santos, nicht besonders möge. «Sie gewinnen besser, sonst können Sie gleich zum Flughafen.»
Mobutu war es ja, der 1974 den «Rumble in The Jungle», den wohl berühmtesten Boxkampf der Geschichte zwischen Muhammad Ali und George Foreman, nach Zaire holte. «Ali, bomaye!» Ali, zerstöre ihn. Pfister arbeitete später noch mit dem einen oder anderen Organisatoren zusammen.
Über Druck, den Trainer in Westeuropa empfänden, könne er nur lachen, sagt Pfister. Seither spürte er auch nicht mehr den Reiz, in der Schweiz oder in Deutschland zu trainieren. «Was soll ich irgendwo in der 2. Liga?»
Gleichwohl: Das Interesse am Fussball kennt keine Grenzen. Was Pfister sehen kann, sieht er: Super League, Bundesliga, Premier League, Ligue 1, La Liga und alles andere. «Die Decoder kosten mich fast 150 Franken», sagt der Fussballliebhaber und lacht. Jeder Cent ist es ihm wert, obwohl er mehr erlebt hat, als andere am TV sehen können.
Mobutus Schwäche für Maradona
Apropos Mobutu: So gnadenlos und herrschsüchtig der Despot auch gewesen sein mag: Er hatte seine Schwachpunkte, namentlich für die argentinische Fussballnationalmannschaft und deren Genius: Diego Armando Maradona. «Wenn ich also zu Mobutu ging und erzählte, wie toll ich Argentinien finde, hat er uns sofort drei Wochen Trainingslager in Argentinien in perfekten Bedingungen ermöglicht.» Pfister erzählt es mit einem Augenzwinkern.
Ganz so lustig waren die kulinarischen Vorlieben Mobutus hingegen nicht: Der Diktator beliebte es, Exotisches zu servieren. Pfister sagt schulterzuckend: «Tja, dann gab's halt mal Affenhirn.»