Parieren und dirigieren: Goalie Gregor Kobel auf der deutschen Überholspur

Sven Schoch, Keystone-SDA

20.2.2021

Gregor Kobel sorgt in der Bundesliga für Furore. 
Bild: Keystone

Gregor Kobel wird in europäischen Fachkreisen als nächster Schweizer Goalie-Primus gehandelt. Obwohl erst 23-jährig, verfügt der Torhüter des VfB Stuttgart bereits über einen grossen Erfahrungsschatz.

Charisma und Präsenz sind in keinem Lehrplan aufgeführt. Das persönliche Volumen ist mutmasslich schon in der DNA verankert. Gregor Kobel, der Sohn des früheren Hockey-NLA-Stürmers Peter, besitzt den Zuschnitt und die mentale Kraft eines Modellathleten. Nach der Promotion mit Stuttgart ist der Stadtzürcher ausgerechnet im EM-Jahr im oberen Teil des deutschen Rankings angekommen. In der schwäbischen Fussball-Metropole geniesst der Aufsteiger eine hohe Wertschätzung und ist auf der Überholspur: «Ich gebe Gas.»

Mit den unberechenbaren Corona-Umständen hat sich Kobel längst arrangiert. Die medizinisch bedingte Abkapselung gehört zum Alltag. «Das ist in Ordnung und richtig.» Der Spitzensportler, der sich im Normalfall ganz gerne auch mal ausserhalb der Fussball-Blase bewegt, konzentriert sich in der aktuell komplizierten Zeit auf das Wesentliche. Und weil sein Aktionsradius neben dem Rasen seit Monaten eingeschränkt ist, hat er ein neues Feld für sich entdeckt: «Ich meditiere ab und zu. Das tut mir gut, es hilft, die Anspannung abzubauen. Und es macht mir Spass, etwas Neues in mein Repertoire aufzunehmen.»

Gelernt, mit Druck umzugehen

Wer Kobel mit seiner Bassstimme reden hört und seinen bisherigen Weg im Kopf hat, käme kaum darauf, dass der Schweizer im letzten Dezember erst den 23. Geburtstag gefeiert hat. Der Erfahrungsschatz des aktuell jüngsten Bundesliga-Hüters ist üppig. Seit dem Auszug aus dem Elternhaus als Teenager hat sich Kobel via Jugendzentrum in Hoffenheim einen Weg in die deutsche Elite gebahnt. Im Frühling vor zwei Jahren wurde der Leihspieler der TSG in Augsburg mit dem unerbittlichen sportlichen Existenzkampf konfrontiert. Jene Monate fühlten sich teilweise bleischwer an. Kobel hielt dem «brutalen Druck» stand, der FCA blieb erstklassig.

Im Gegensatz zu seinen temporären Teamkollegen setzte der Goalie seine Laufbahn dennoch in der Zweitklassigkeit fort, allerdings bei einem Verein mit meisterlicher Vergangenheit und ambitionierter Zukunft: Stuttgart plante nach einem schmerzhaften Absturz den sofortigen Wiederaufstieg. «Ich hatte mir diesen Transfer gut überlegt und ganz bewusst den VfB ausgesucht», blickt Kobel im Telefonat mit Keystone-SDA zurück. «Das Comeback zu schaffen, war eine gewaltige Challenge. Stuttgart ist im Süden eine Top-Adresse mit grosser Ausstrahlung.»

Gregor Kobel (Mitte) fühlt sich im Schwabenland pudelwohl.
Bild: Keystone

Beim VfB hat er sich auf oberster Profi-Stufe endgültig durchgesetzt. In der aktuellen Kampagne gehört der Keeper beim Tabellenzehnten zu den verlässlichsten Werten. Er pariert und dirigiert gleichermassen. Die Fachportale führen ihn in der Kategorie der besten Bundesliga-Torhüter unter den Top 6. Der «Kicker» stufte ihn minim höher ein als Yann Sommer, die Nummer 1 der Schweizer Nationalmannschaft. Der geschätzte Transferwert hat inzwischen die Marke von acht Millionen Euro erreicht.

Den eigenen Stärken vertrauen

Mit Noten und externen Zahlen befasst sich Kobel nicht. Komplimente nimmt er selbstredend gerne entgegen, sein Fokus ist auf die Kernthemen gerichtet. Wohltuende Schlagzeilen bringen ihn nicht weiter. «Ich komme nur mit Leistung weiter. Das kann ich beeinflussen, das interessiert mich. Ich will mich Step by Step verbessern.» Die grösste Herausforderung sei, sich selber zu finden, keinen zu kopieren, den eigenen Stärken zu vertrauen. «Das ist auf höchstem Level letztlich entscheidend. Bälle halten und gut passen kann auf dieser Stufe jeder.»

Von ein paar Zuckungen im medialen Umfeld und zuletzt sechs Runden mit nur einem Sieg lässt sich der 1,96-Meter-Mann nicht irritieren. Im Hinterkopf sind die Augsburger Alles-oder-nichts-Spiele abgespeichert. Zudem seien Schwankungen innerhalb einer relativ jungen Equipe normal, findet Kobel. Eigene Fehlgriffe steckt er weg: «Ich bin schon lange im deutschen Geschäft. Kritik gehört dazu. Ich werde keine fehlerlose Karriere machen.»

Da ist es wieder, das Urvertrauen, das eigene Fundament – gelegt in Hoffenheim, von Michael Recher, der nach wie vor für die TSG die Torhüter betreut und schult. «Er hat mich am meisten geprägt. Michael ist ein Freak, immer an der neusten Methodik interessiert, voller Passion», schwärmt Kobel von seinem wichtigsten Förderer. Recher habe ihm den Schritt von GC in ein hoch professionelles Umfeld entscheidend vereinfacht: «In Zürich fehlte mir die Perspektive, Recher hat sie mir verschafft. Er lässt niemanden links liegen. Ihm bin ich zu grossem Dank verpflichtet.»

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