Interview

Union-Experte: «Urs Fischer ist unheimlich populär in Berlin»

Von Patrick Lämmle, Marko Vucur

3.2.2021

«Wenn Fischer geht, werden sehr viele ihre Taschentücher vollweinen»

«Wenn Fischer geht, werden sehr viele ihre Taschentücher vollweinen»

Union Berlin ist kein Verein, wie jeder andere. «11 Freunde»-Chefreporter Christoph Biermann räumt allerdings mit ein paar Vorurteilen auf und erklärt, weshalb Urs Fischer wie die Faust aufs Auge zum Verein passt.

29.01.2021

Christoph Biermann ist Chefreporter beim Fussballmagazin «11 Freunde». Ein Jahr lang hat er Union Berlin begleitet und ein Buch über den doch etwas anderen Verein geschrieben. Im Interview mit «blue Sport» verrät er unter anderem, was den Schweizer Trainer Urs Fischer auszeichnet.



Herr Biermann, wieso passt Urs Fischer so gut zu Union Berlin?

Ich finde, Urs Fischer ist ein aussergewöhnlich guter Trainer. Ein sehr, sehr guter Trainer, der allerdings immer noch etwas unterschätzt wird. Weil Urs Fischer kein sehr guter Trainerdarsteller ist. Insofern passt er dann auch wieder ganz gut zu Union. Die Leute merken: Da geht einer mit grossem Eifer und Konsequenz zur Arbeit. Kommt als Erster, geht als Letzter, macht seinen Kram, verspricht nicht zu viel und macht einfach. Und man sieht natürlich, dass er nicht einfach macht, sondern auch weiss, was er macht.

Ist Urs Fischer fast schon ein Heiliger bei den Fans oder wie ist sein Standing?

Urs Fischer ist unheimlich populär in Berlin, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Ich würde ihn jetzt nicht einen Heiligen nennen. Dazu sind die Leute in Berlin dann auch zu handfest, als dass sie da in zu grosser Verehrung erstarren. Und er ist ja auch nahbar, in keinster Weise abgehoben. Er fühlt sich auch durchaus unter den «normalen» Leuten wohl. Also ich würde mal sagen, wenn er eines Tages diesen Verein verlassen wird, vielleicht dauert das noch einige Jahre, werden sehr, sehr, sehr viele Leute ihre Taschentücher vollweinen.

Wie schafft es Urs Fischer, den Verein oben zu halten? Sogar die Europacup-Plätze sind in Reichweite …

Nach wie vor ist Union der Verein, der den zweitniedrigsten Personaletat hat. Und normalerweise sind die Personalkosten der wichtigste Indikator dafür, wie erfolgreich man sportlich ist. Das unterstreicht nochmals wie gigantisch die Leistung ist, die Trainer, Management und Mannschaft liefern. Und man weiss natürlich nicht, inwiefern man das Jahr für Jahr reproduzieren kann. Aber bislang gibt es für mich keinen Hinweis darauf, dass das Ganze jetzt irgendwie ins Trudeln geraten könnte. Ich glaube nicht wirklich daran, dass sich Union Berlin am Ende für den internationalen Fussball qualifizieren wird. Dafür bedürfte es einer für den Klub perfekten Rückrunde und trotzdem müssten gleichzeitig eine Reihe anderer Klubs sehr, sehr grosse Fehler machen. Das wäre dann schon ein bisschen zu viel des Guten.»

Genug Fischer. Sind eigentlich auch die Spieler charakterlich anders? Gibt es so etwas wie das Union-Gen?

Schwierig zu sagen, ich glaube eher nicht, dass sie anders sind. Aber sie bekommen natürlich mit, dass sie in einem anderen Kontext Fussball spielen. Und das färbt wohl schon ab. Anthony Ujah, der Stürmer, hat mir zum Beispiel gesagt, dass es für ihn wirklich bedeutend sei, und das haben einige andere Spieler auch bestätigt, zu wissen, dass man nicht ausgepfiffen wird. Dass man auch mal einen schlechten Tag haben kann, ohne dass einem dieser massiv vom Publikum vorgehalten wird. Und ich denke, wenn man eine Zeit lang da ist, versteht man auch immer mehr, dass sich dieser Klub doch ein bisschen von anderen unterscheidet.

Überrascht es Sie, dass Union Berlin auch ohne Fans so gut spielt?

Für mich ist es eine riesengrosse Überraschung, dass Union so gut damit klarkommt. Weil ich wirklich erlebt habe, wie das Publikum zum Faktor in Spielen wird. Umso höher ist die Leistung aller Beteiligten einzuschätzen. Wirklich sehr beeindruckend. Und ich glaube sogar, dass es die Beteiligten selbst etwas überrascht hat.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie hat Sie dieses Projekt verändert?

Sicherlich hat sich in vielerlei Hinsicht mein Blick auf das geändert, was im Fussball passiert. Vielleicht am meisten in Bezug auf die Spieler. Ich würde sagen, dass ich etwas nachsichtiger mit Spielern geworden bin. Weil ich verstanden habe, unter welch grossem Druck sie stehen. Druck innerhalb einer Mannschaft, sich durchzusetzen, um überhaupt spielen zu können. Der Druck da rauszugehen und eine tolle Leistung abzuliefern. Normalerweise während einem 20-, 30-, 50-, 80-tausend Fans anschreien, während einem Kameras zuschauen, während jeder Fehler tausendmal wiederholt wird. Das hat mich schon beeindruckt, das aus der Nähe mitzubekommen.

Aber ich habe auch verstanden, was die Belohnung dafür ist. Und ich meine nicht nur die finanzielle. Es gibt wenig grössere Sachen als in einem vollen Fussballstadion ein grossartiges Spiel zu entscheiden. Ich glaube, das ist ein Rauscherlebnis, was einem keine legale und auch keine illegale Droge verschaffen kann.

Zurück zur StartseiteZurück zum Sport