blue Sport Schiedsrichter-Experte Urs Meier analysiert, warum dem Schiedsrichter beim Afrika-Cup-Finale das Spiel entglitten ist und was er besser hätte machen müssen.
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- Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala Ngambo verwehrte Senegal im Afrika-Cup-Final ein reguläres Tor und leitete damit eine dramatische Schlussphase ein.
- Laut Experte Urs Meier agierte der Unparteiische zu passiv, traf mehrere Fehlentscheide und verlor dadurch die Kontrolle über das Spiel.
- Besonders der umstrittene Elfmeterpfiff nach VAR-Eingriff und das mangelhafte Krisenmanagement sorgten für Chaos, das vor allem durch Spieler Sadio Mané beruhigt wurde.
Die Schlussphase beim Afrika-Cup ist Drama pur: Senegal wird zu Beginn der Nachspielzeit das vermeintliches 1:0 wegen eines angeblichen Fouls vom Schiedsrichter Jean-Jacques Ndala Ngambo aus der Demokratischen Republik Kongo nicht anerkannt.
«Es ist eher der Verteidiger, der das Foul macht. Der Verteidiger ist aktiv, er schaut gar nicht auf den Ball. Und der Stürmer macht im Prinzip genau das gleiche wie der Verteidiger. Also diese Aktion hätte man weiterlaufen lassen müssen», findet Urs Meier gegenüber blue Sport.
Die ganzen Probleme, die später folgen, wären mit der Anerkennung nicht aufgetreten, bedauert Meier. Der Schiedsrichter sehe die Aktion «unglaublich gut». Aber bei Szenen, bei denen es ein Tor gegeben könne, lasse man weiterlaufen. «So sind die Schiedsrichter instruiert. Und dann pfeift er ab und hat gar keine Möglichkeit mehr, den VAR zu konsultieren. Das war ganz sicher falsch vom Schiedsrichter – er hätte das komplett anders lösen müssen», tadelt Meier.
Nur kurz darauf kommt es zum Zweikampf zwischen Brahim Díaz und Senegals El Hadji Malick Diouf. Nach einem leichten Halten im Strafraum forderte Díaz energisch Elfmeter. Unter grossem Protest der Senegalesen schaut sich Ngambo die Szene nochmal am TV-Schirm an – und zeigt nach VAR-Entscheidung auf den Punkt.
Amschliessendes Chaos vermeidbar
«Das muss der Schiedsrichter auf dem Platz entscheiden», meint Meier und führt aus: «Er sieht die Intention. Er sieht, wie stark das Reissen ist. Ist das genug für einen Elfmeter oder ist es zu wenig? So muss man nicht umfallen, wenn nur der Arm auf den Schultern ist.»
Nach mehrmaligen anschauen der Bilder am Bildschirm werde die Szene immer schlimmer und er entscheide auf Elfmeter, den er wahrscheinlich auf dem Platz nicht gegeben hätte, glaubt der Aargauer. «Das war unglücklich und natürlich im Zusammenhang mit dem vorhergehenden Entscheid kommt es natürlich dann zur Explosion», so Meier.
Seiner Meinung nach hätte der Unparteiische präsenter sein müssen, wie man es auch in der FIFA, der UEFA oder im Schweizer Fussballverband lerne: «Wir sind die Spielleiter. Wir leiten die Aktionen. Wir sagen, was geht und was passiert, wenn sie vom Platz gehen.» Das sei Sache des Schiedsrichters, weil es niemand anderes gebe dafür. Ob der Schiedsrichter die hitzige Debatte mit seiner Passivität nicht einfach runterkühlen wollte, sei schwierig zu beantworten. Er sei aber Fan davon, wenn Unparteiische das Heft in die Hand nehmen.
Schiedsrichter hat das Kommando verloren
Senegals Spieler und Betreuer wüteten, Trainer Pape Thiaw beorderte seine Spieler sogar in die Kabine. Dort blieben sie zum Glück nicht lange. Sadio Mané forderte seine Teamkollegen als Erster auf, wieder auf den Rasen zurückzukehren. Als Díaz schliesslich ran durfte, entschied er sich für einen Lupfer in die Tormitte. Torwart Edouard Mendy blieb stehen und hielt den Ball mühelos fest.
Meier lobt das Verhalten vom ehemaligen Liverpool-Star. Und hätte sich gewünscht, dass sich Ngambo mit Mané austauscht. «Er muss wissen, welches die vernünftigen Leute sind, die gute Entscheidungen treffen. Dann kommt er eben auch schneller zum Resultat», unterstreicht der 66-Jährige.
Meier bemängelt auch die lang Dauer beim Díaz-Elfmeter. «Da kommt der Goalie, der schon einmal verwarnt war, noch einmal zum Ball. Natürlich versucht Senegal möglichst viel Unruhe reinzubringen. Er muss Klarheit schaffen, er muss sagen, dass es eine Gelbe Karte gibt», erläutert Meier. «Man hat gemerkt, dass bei ihm irgendwo auch die Kraft nicht mehr da war und ihm die Überzeugung fehlte», anaylisiert der frühere Spitzenschiedsrichter.