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«Wenn Messi spielt, kann man die Kinder aus der Schule nehmen»
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Gastkolumne aus Argentinien

«Wenn Messi spielt, kann man die Kinder aus der Schule nehmen»

  • Familie Milesi geniesst eine argentinische Picada. Wer kein Trikot anhat, tut dies aus Aberglaube.
  • Andere machen Ferien in Argentinien, sie geniessen ihren Urlaub in der Schweiz.
  • Vamos Argentina!
  • Götti Andy liess sich überreden, ein Argentinien-Trikot anzuziehen ...

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Familie Milesi geniesst eine argentinische Picada. Wer kein Trikot anhat, tut dies aus Aberglaube.

Bild: zVg

Wenn WM ist, drehen in Argentinien alle durch. Patricia Böni wohnt seit 17 Jahren in der Hauptstadt des Landes. Eine Gastkolumne aus Argentinien über Schulfrei bei Spielen, Messis Katar-Umhang und glückliche Metzger.

Patricia Böni

Patricia Böni

11.07.2026, 17:28

Ich bin Patricia Böni, wuchs als kleine Schwester des blue Sport Chefredaktors und eines weiteren Bruders im beschaulichen Bazenheid mit 3500 Einwohnern und Dutzenden Kühen auf. Heute wohne ich seit 17 Jahren in der Millionenstadt Buenos Aires. Meine Familie ist halb argentinisch, das Spiel am Sonntag trennt uns eigentlich mehr als es eint. Und eines kann ich sagen: Die spinnen, die Argentinier, wenn es um Fussball geht.

2009 kam ich nach Argentinien, als Praktikantin bei einem Reisebüro, das von einem Schweizer geführt wurde. Ich blieb ein Jahr, ein zweites, wurde festangestellt, verliebte mich im dritten Jahr. Mein Mann Juan Milesi und ich wurden Eltern von einem Jungen und einem Mädchen. Ich rede mit ihnen Schweizerdeutsch, damit sie sich auch mit der Familie in der Schweiz unterhalten können.

Nun, wenn es um Fussball geht, dann ticken hier die Uhren anders. Vor der WM kam ein Schreiben der Schule: Wer seine Kinder während der WM aus der Schule nehmen will, darf das. Die restlichen Schüler dürfen das Spiel zusammen in der Schule anschauen. Pflicht war ein Argentinien-Shirt. Fünf Kinder in der Klasse meines Sohnes verabredeten sich, das Spiel in der Schule zu sehen. Die 21 anderen kamen nicht.

Teaser image

Es gibt sogar eine «Colonia Suiza»

Die Schweiz und Argentinien verbindet so viel mehr, als du denkst

Als Argentinien 3:2 gegen Ägypten gewann, weinte der Kommentator live im TV. Es fliessen immer Tränen, wenns um die Nationalmannschaft geht. Selbst ruhigere Menschen wie mein Mann rennen auf die Strasse, um Goals zu beschreien. Plötzlich hängt an jedem Kiosk oder im Supermarkt ein Fernseher.

Die Fans luden nach dem Sieg gegen Ägypten sofort die Bilder von 2022 auf Instagram hoch, als fünf Millionen Menschen am Obelisken den Weltmeister-Titel feierten. Viele verkauften hier ihr Auto oder nahmen Kredite auf, um in die USA zu reisen. Von 100'000 Fans sprach man in Kansas, und rund ums Spiel wird es vor dem Teamhotel eine «Banderazo» geben, wo sie ihre Spieler aufheizen gehen.

«Picada» und «Asado»

Die Metzger hier freuen sich riesig über die WM, weil sie dann mehr Fleisch verkaufen: Erst gibt es überall «Picada», dann «Asado» – das heisst, erst eine kalte Fleischplatte und dann noch viel mehr Fleisch vom Grill. Die Leute geben dafür viel Geld aus, obwohl das Land in der Krise steckt.

Der Fanatismus kennt keine Grenzen. So dürfen die Kinder im Training des Fussballvereins zum Beispiel keine Trikots von Boca Juniors, River Plate oder anderen Klubmannschaften tragen. Zu viel Respekt vor Diskussionen und Streitereien. Erlaubt ist einzig das Nationaltrikot von Argentinien.

Als Messi nach dem WM-Titel in Katar den schwarzen Umhang über die Schultern gelegt bekam, war der Aufschrei in Europa gross. Bei uns nicht. Im Gegenteil. Die schwarzen Umhänge wurden überall verkauft und bei Geburtstagspartys eingesetzt. Das Geburtstagskind durfte ihn jeweils tragen.

Messi und der Bischt – in Europa viel kritisiert, in Argentinien durchaus beliebt.

Messi und der Bischt – in Europa viel kritisiert, in Argentinien durchaus beliebt.

EPA


Ich wollte nicht, dass die Schweiz gegen Argentinien spielt. Weil Du Dich der Liebe und der Leidenschaft hier zum Sport und Messi nicht entziehen kannst. Messi und die Scalonetta, wie sie in Anspielung auf Trainer Lionel Scaloni genannt wird, löst so viel Liebe aus. Messis Vater plagten zudem gesundheitliche Probleme, wie es heisst. Das berührt die Menschen, wie auch der Fakt, dass es seine letzte WM ist. Alle wollen Messi nochmals mit dem WM-Pokal sehen.

Gespalten ist das Land nur bei der Frage, ob Diego Armando Maradona oder Lionel Messi der grösste Fussballer aller Zeiten ist. Für die unter 35-Jährigen ist es Messi, für die über 45-Jährigen Maradona. Für mich und viele andere ist es sportlich gesehen Messi. Und am Ende ist man vor allem stolz, dass zwei der drei grössten Fussballer aller Zeiten (der dritte ist für die Leute hier Pelé) aus Argentinien kommen.

Mein Mann ist wie meine Tochter für Argentinien. Mein Sohn für beide (aber dafür, dass Argentinien gewinnt) – seinen anfänglichen 5:0-Tipp hat er auf 5:3 korrigiert.

Einige Argentinier sind froh, dass nicht Kolumbien der Gegner ist. Weil sie hart spielen und weil es in Buenos Aires mehr Kolumbianer als Schweizer gibt. Die Schikane bei einem Ausscheiden würden sie nicht aushalten.

Ich liebe die Schweiz. Aber auch Argentinien. Ein Freund sagte mir, ich könne nur gewinnen. Ich sei schon im Halbfinal.

02:33

Zubi: «Die Argentinier wissen, wie stark die Nati ist»

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