Die Debatte um den besten Formel-1-Fahrer aller Zeiten beschäftigt Motorsport-Fans aus aller Welt bereits seit Jahrzehnten. In den Top-Ten von Reporter-Legende Roger Benoit schafft es Michael Schumacher nur auf Platz 5. Das sind die Gründe.
«Formel Wahnsinn»
Die «Blick»-Reporterlegende Roger Benoit kennt die Formel 1 wie kaum ein anderer. In «Formel Wahnsinn» schaut er zurück auf über 825 Grand Prix und sein verrücktes Leben. Dabei verrät er einzigartige Anekdoten, unglaubliche Skandale und tragische Geschichten. Das Buch, geschrieben vom stellvertretenden «Blick»-Sportchef Daniel Leu, ist seit dem 16. April 2026 auf beobachter.ch/shop und in allen Buchhandlungen der Schweiz erhältlich.
In fast jeder Sportart gibt es in Fan- und Expertenkreisen eine Frage, an der sich die Geister scheiden: Wer ist der Beste aller Zeiten? Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo. Lebron James oder Michael Jordan. Roger Federer, Novak Djokovic oder Rafael Nadal. Eine einheitliche Meinung gibt es oft nicht – egal, ob der eine mehr gewonnen hat als die anderen.
Die Frage nach dem «GOAT» (eng. Greatest of All Time) stellt sich auch in der Formel 1. Mit einem Blick in die Statistiken würde man dazu neigen, die Auswahl auf zwei Namen zu reduzieren: Lewis Hamilton oder Michael Schumacher? Beide sind siebenfache Weltmeister – der Nächstbeste hat fünf WM-Titel. Gemessen an den Rennsiegen sind sie die Nummern 1 und 2 – Hamilton 105, Schumacher 91. Der drittbeste Fahrer hat 71 GP-Siege auf dem Konto.
In einer Sportart, die sich seit ihrer ersten Saison im Jahr 1950 massiv weiterentwickelt hat, spielen jedoch neben Zahlen auch andere Faktoren eine Rolle. Nur schon, weil heute in einer Saison dreimal so viele Rennen ausgetragen werden wie noch im ersten Jahr.
Wohl auch aus diesen Gründen sieht F1-Reporter-Legende Roger Benoit weder Hamilton noch Schumacher als Besten aller Zeiten. Und wenn jemand diese Meinung vertreten darf, dann wohl einer, der seit 1970 über 820 GPs als Journalist vor Ort abgedeckt hat. Kaum ein anderer kennt die Königsklasse des Motorsports so gut wie Roger Benoit.
Roger Benoits Top-10
Hamilton und Schumacher schaffen es in seiner Liste in die Top-5, das Rennen gewinnt aber ein anderer: Juan Manuel Fangio. «Es leben kaum noch Leute, die ihn live erlebt haben, aber wer fünf WM-Titel auf vier verschiedenen Autos (Alfa Romeo, Maserati, Mercedes, Ferrari, d. Red.) geholt hat, ist der Grösste der Geschichte», wird Benoit in seinem neuen Buch «Formel Wahnsinn» zitiert. Fangio hat zwischen 1950 und 1958 51 Rennen bestritten und stand 35-mal auf dem Podest, 24-mal auf dem obersten Treppchen. Er hat bis heute die beste Siegesquote (47,06 %) und hält den Rekord des ältesten Weltmeisters (46 Jahre und 41 Tage).
An zweiter Stelle setzt Benoit einen Fahrer, den heute noch viele Rennfahrer als Idol nennen: Ayrton Senna. Der Brasilianer mit dem «vielleicht grössten Talent der Geschichte» holte drei WM-Titel und 41 GP-Siege. Am 1. Mai 1994 verstarb er bei einem schweren Unfall während des Grand Prix in Imola. Eine Statue unweit der Unfallstelle erinnert heute noch an die brasilianische Legende.
Knapp auf das Benoit-Podest schafft es Lewis Hamilton. Dahinter folgt der vierfache Weltmeister Alain Prost, einer der ärgsten Rivalen Sennas. Der Franzose stand insgesamt 51-mal zuoberst auf dem Podest.
Benoit: «Hatte er grosse Konkurrenz?»
Michael Schumacher ist für Roger Benoit nur die Nummer 5 in der ewigen Rangliste – ein Stich ins Herz eines jeden Ferrari-Tifoso. «Für viele Fans der Beste der Geschichte. Doch hatte er wirklich grosse Konkurrenz?», argumentiert der 77-Jährige seinen Entscheid, den Deutschen auf die Fünf zu setzen.
Dieses Argument kann insbesondere für Schumachers erfolgreichste Zeiten (zwischen 2000 und 2004 fünf Titel in Serie) beim italienischen Traditionsteam geltend gemacht werden, als die anderen Teams etwas hinterherhinkten und sein grösster Konkurrent oftmals nur Teamkollege Rubens Barrichello war. Dieser musste dem Deutschen das eine oder andere Mal auch den Vortritt lassen, wie zum Beispiel beim GP in Österreich 2002. Dort wurde Barrichello per Stallorder zurückgepfiffen und musste Schumacher, der mit dem Entscheid des Teams nicht einverstanden war, den Sieg quasi auf der Ziellinie überlassen. Auf dem Podium wurden sie ausgebuht und der Deutsche übergab seinem Teamkollegen den Siegerpokal.
Trotz seiner Meinung bezüglich der GOAT-Frage findet Benoit, der mit dem siebenfachen Weltmeister nach den Rennen oft Zigarren rauchte oder in Hockenheim Backgammon spielte, für Schumacher lobende Worte: «Ich hatte immer Respekt vor seiner Leistung. Wie er bei Ferrari gearbeitet hat, war einmalig. Er hockte regelmässig bis Mitternacht in der Box, eine unglaubliche Arbeitseinstellung.»
Benoits Top-10 der besten F1-Fahrer der Geschichte
- 1. Juan Manuel Fangio, ARG, 5 WM-Titel, 24 GP-Siege
- 2. Ayrton Senna, BRA, 3 WM-Titel, 41 GP-Siege
- 3. Lewis Hamilton, GBR, 7 WM-Titel, 105 GP-Siege*
- 4. Alain Prost, FRA, 4 WM-Titel, 51 GP-Siege
- 5. Michael Schumacher, GER, 7 WM-Titel, 91 GP-Siege
- 6. Max Verstappen, NED, 4 WM-Titel, 71 GP-Siege*
- 7. Jim Clark, GBR, 2 WM-Titel, 25 GP-Siege
- 8. Stirling Moss, GBR, 0 WM-Titel, 16 GP-Siege
- 9. Sebastian Vettel, GER, 4 WM-Titel, 53 GP-Siege
- 10. Fernando Alonso, ESP, 2 WM-Titel, 32 GP-Siege*
- *Stand 16. April 2026
«Schummel-Schumi»
Benoit ist vor allem Schumachers erster Streich im Jahr 1994 ein Dorn im Auge. «Den Titel müsste man ihm eigentlich abziehen, da er diesen nur wegen seines Fouls an Damon Hill gewonnen hat», meint die Reporter-Legende. Schumacher fährt beim Saisonfinale in Adelaide in Führung liegend bei einer Linkskurve zu weit und kracht in die Wand. Er kehrt zurück auf die Strecke und blockt Hill, den Zweitplatzierten und einzig verbliebenen Konkurrenten um die WM-Krone. Als der Brite bei einer Rechtskurve vorbeiwill, lenkt der Deutsche ein und trifft seinen Rivalen. Schumacher fliegt in den Reifenstapel und muss den Rest des Rennens zuschauen. Hill schafft es an die Box, muss aber wegen einer kaputten Radaufhängung aufgeben. Schumacher wird mit einem Punkt Vorsprung zum ersten Mal Weltmeister.
Es war der finale Eklat von Schumachers Saison, in der er wegen mehrerer Vergehen gar zwei Grand Prix aussitzen musste. In Silverstone überholte der Deutsche seinen Kontrahenten Damon Hill auf der Aufwärmrunde, sein Benetton-Team und er ignorierten die aufgebrummte Strafe sowie im Anschluss auch noch die mit der Disqualifikation verbundene schwarze Flagge. Die Strafe für das regelwidrige Überholen nahm Schumacher im Rennen noch wahr, das war aber zu wenig, um die Zwei-GP-Sperre noch abzuwenden.
In jener Zeit verpasste Benoit dem Deutschen den Übernamen «Schummel-Schumi». «Das vergesse ich dir nie», sagte er ihm Jahre später. «Doch er selber wusste ja auch, dass vor allem während seiner Benetton-Zeit nicht alles reglementskonform war. Damals war es so, dass Schumi viele Anhänger, aber auch viele Kritiker hatte. Egal, was ich schrieb, ich bin bei der Hälfte der Menschen immer in den Hammer gelaufen», so Benoit.
Seinen ersten Titel durfte Schumacher behalten und sammelte bis zu seinem definitiven Karriereende 2012 – der Deutsche trat bereits 2006 zurück, kehrte 2010 allerdings noch einmal zurück – sechs weitere. Das macht ihn diskussionslos zu einer Legende dieses Sports. Der Beste aller Zeiten ist er aber nicht. Zumindest nicht für Benoit.