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Jetzt meldenNick Alpiger ist Familienvater, Zimmermann und Vizekönig. Gelingt ihm beim Eidgenössischen Schwingfest in Mollis der Sprung auf den Thron? Der Aargauer hat blue Sport die Türen seines Elternhauses geöffnet.
Nick Alpiger gehört im Schwingsport zu den ganz Grossen. Mit seinen 186 Zentimetern Körpergrösse schaut er zwar zu so manch einem Gegenüber empor, dennoch lehrt er seiner Konkurrenz immer wieder das Fürchten. Der Aargauer hat schon viele Kolosse im Sägemehl vergraben.
In seiner Karriere hat Alpiger 65 Kränze gesammelt, zwei davon an Eidgenössischen. 2016 in Estavayer-Le-Lac hievte er sich zum Eidgenossen. In Zug musste er aufgrund einer Verletzung nach vier Gängen seine Segel streichen. In Pratteln wurde er Zweiter und stieg zum Vizekönig auf. Gelingt ihm bei seiner vierten Teilnahme der nächste Streich?
«Ich mache mir selbst keinen Gefallen, wenn ich sage, dass ich Schwingerkönig werden will», sagt Alpiger, der blue Sport vier Monate vor dem Saisonhöhepunkt in Mollis in seiner alten Wohnstube willkommen heisst.
Als er an jenem Donnerstagmorgen im Garten seines Elternhauses in Staufen AG sitzt, hat Alpiger bereits ein Intervall-Training hinter sich. Volle Belastung, volle Intensität – das eine Stunde lang. Umringt von den Bäumen seiner Brüder Rico und Gian und ihm selbst, kommt der Spitzenschwinger ins Plaudern.
«Mir geht es gut», hält Alpiger fest. In der noch jungen Schwing-Saison hat er bereits vier Feste absolviert. Zwei davon hat er gewonnen. Sein Fazit: «Ich bin super zufrieden. Ich konnte gut schwingen. Es darf so weitergehen.»
Sein Erfolg kommt nicht von ungefähr. Er ist das Resultat von harter Arbeit im und neben dem Sägemehl. Dass er sein Arbeitspensum auf das eidgenössische Jahr hin von 80 auf 60 Prozent reduzieren konnte, spielt ihm in die Karten. Mehr Flexibilität bei den Trainings, mehr Zeit für Erholung und Familie. «Das ist ein grosses Stück Lebensqualität, das ich mir erarbeitet habe.»
Trotz der freien Tage dienstags und donnerstags ist der Alltag von Alpiger durchgetaktet. «Ich lebe nicht gerne in den Tag hinein.» Er wisse gerne, wann was anstehe. Zu weit in die Zukunft schaut Alpiger deswegen nicht. Beim Training guckt er von Woche zu Woche, einen Monatsplan gibt es nicht.
Alpiger steht zweimal die Woche im Schwingkeller, stemmt an drei Tagen unter der Anleitung von Trainer Giovanni Gewichte und rollt freitags die Yoga-Matte aus. «Das Yoga gibt mir eine Ruhe.» Mit dem inneren Frieden seien auch der Fokus auf den Moment und die Beweglichkeit positive Resultate aus seiner wöchentlichen Praxis. Nebst all den Hunden, Kühen und Katzen (Namen von gängigen Yoga-Haltungen) findet Alpiger einen Ausgleich bei den Fischen. Auf dem See wirft er regelmässig die Angelrute aus.

Nick Alpiger beim Yoga. Hier inmitten der Haltung «Camatkarasana» (Wild Thing).
z.Vg.
Alpiger hat nicht immer so trainiert, wie er es jetzt tut. Er erinnert sich an junge Jahre zurück: «Früher habe ich immer trainiert. Kein Training? Gab es nicht. Heute kann ich aber auf mich hören und auch mal ein Training auslassen.» Entscheidet er sich aber für das Trainieren, gibt er Vollgas. Nebst dem Erlernen, eine Einheit auch mal sausen zu lassen, kam auf dieses Jahr hin das Krafttraining neu dazu. «Ich wollte früher nie Krafttraining machen. Als ich noch als Maurer arbeitete, bewegte ich tagtäglich Tonnen.» Heute ist das anders: Als Zimmermann sei die körperliche Belastung nicht mehr so gross wie noch zuvor als Maurer.
Ausschlaggebend für den Schritt in die Welt des Krafttrainings war aber nicht der Beruf, sondern sein Kreuzbandriss im September 2023. Während seiner Verletzungsphase realisierte er: «Ich brauche mehr Spannung in den Oberschenkeln.» Ein Krafttrainer musste her. Er fand ihn in Giovanni.
Der Kreuzbandriss war die Initialzündung für weitere Entwicklungsschritte in seiner Karriere. Früher als üblich nach einer solchen Verletzung stand Alpiger am 1. Juni 2024 wieder im Sägemehl und wurde beim Aargauer Kantonalen gleich Zweiter.
Er war voller Tatendrang, wollte mehr. Bei drei aufeinanderfolgenden Festen setze er sich auf die Teilnehmerliste. Sein Arzt bremste ihn. Die Belastung für das Knie wäre brutal. Alpiger zeigte Einsicht und zog seine Teilnahme beim Nordwestschweizer Schwingfest zurück – etwas, das seine jüngere Version nicht gemacht hätte. «Ich habe als Mensch nie Nein gesagt. Ich bin aber froh, dass ich dies zu diesem Zeitpunkt gemacht habe und auf das Fest verzichtet habe.» Ein Prozess des Lernens für Alpiger.
Mit seiner neu erlernten Fähigkeit, Nein zu sagen, lernte er seine Familie noch mehr zu schätzen. «Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir vorher zu wenig Zeit für meine Familie genommen.» Seine Familie mit Frau Nadja und seinen beiden Töchtern Lara (9 Monate) und Tina (2) war ein ausschlaggebender Faktor, warum er sein Arbeitspensum reduzierte.
Alpiger ist ein Intuitiv-Schwinger. Er kann seine Gegner jederzeit überraschen. «Bei mir passiert vieles aus einem Reflex.» Einem Reflex, den er sich antrainiert hat – mit Trainieren sowie Stift und Papier.
Das Schreiben hilft ihm, das Gelernte im Training oder an den Schwingfesten zu verinnerlichen. Die verschriftlichen Inhalte gehen mittlerweile aber weit über das Sägemehl hinaus. In einem seiner Büchlein bringt er seine Innenwelt in die 3D-Welt. «Ich schreibe meine Gedanken nieder, weil es mir guttut und ich diese dann loslassen kann. Ich habe keine Ahnung, ob ich es jemals wieder lesen werde.»

Nick Alpiger vor dem «Eidgenossenweg» – ein Geschenk seines Nachbarn nach seinem ersten eidgenössischen Kranz 2016.
blue Sport
In der Gedankenwelt Alpigers ist das Eidgenössische in Mollis omnipräsent. «Kürzlich habe ich mich im Kopf darüber gestritten, dass ich hinsichtlich Mollis noch nicht alles weiss.» Schlafplatz und andere Dinge seien noch ungewiss. Er will aber den Fokus auf dem Jetzt wahren und so wenig wie möglich gedanklich in der Zukunft herumschwirren. «Ich studiere unbewusst immer um Mollis herum. Aber ich kann mir auch immer sagen, dass es noch weit weg ist.»
Ende August gilt es ernst. «Das wird eine grosse Sache. Ich freue mich riesig. Ich versuche in der besten körperlichen und psychischen Form zu sein und mein Bestes zu geben. Ich will Gang für Gang schauen.»
Gang für Gang: Das wollte er auch schon in Pratteln tun. «Ich wollte damals in jedem Gang mein Bestes geben. Das ist mir im Nachhinein nicht ganz gelungen.» Trotzdem wurde er 2022 im Baselland Zweiter.
Sollte es in Mollis also besser gehen als in Pratteln, gibt es nur noch eines: Den Königstitel. Mit diesem Begriff will sich Alpiger aber nicht gross befassen. «Wenn ich König werde, sage ich sicher nicht nein.» Sich selbst die Last aufzubinden, vom Festsieg als Ziel zu sprechen, will er nicht. Seiner Chance ist er sich aber bewusst.