«Mein Traum wurde mir genommen» In nur einer einzigen Olympia-Disziplin dürfen keine Frauen antreten – warum?

Lea Oetiker

13.2.2026

«X» für X-Chromosom: Die Frauen protestieren vor den Rennen gegen den Ausschluss an den Olympischen Spielen
«X» für X-Chromosom: Die Frauen protestieren vor den Rennen gegen den Ausschluss an den Olympischen Spielen
Screenshot Instagram Annika Malacinski

Die Olympischen Spiele in Italien rühmen sich ihrer Geschlechtergerechtigkeit, doch in der Nordischen Kombination bleiben Frauen weiterhin ausgeschlossen. Seit Jahren kämpfen die Athletinnen vergeblich um ihre Teilnahme.

Lea Oetiker

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Sportlerin Annika Malacinski kritisiert öffentlich, dass Frauen in der Nordischen Kombination nicht an Olympia teilnehmen dürfen.
  • Das Internationale Olympische Komitee (IOC) verweist auf geringes Interesse und fehlende Breite im Frauensport.
  • Athletinnen protestieren und fordern Gleichberechtigung bis 2030.

«Hallo, ich heisse Anika und mein Traum von den Olympischen Spielen wurde mir genommen. Nicht wegen meiner Leistung, sondern wegen meinem Geschlecht», schreibt die 24-jährige Sportlerin Annika Malacinski auf Instagram.

Malacinski ist eine US-amerikanische Nordische Kombiniererin. Sie gehört zu den Top 15 der Welt. Auch ihr jüngerer Bruder Niklas übt diese Sportart aus. Sie setzt sich aus Skispringen und Langlauf zusammen und wird oft als «Königsdisziplin» des nordischen Skisports bezeichnet, denn sie verbindet zwei extreme Gegensätze.

Doch während Niklas den gemeinsamen Traum von Olympia auslebt, bleibt ihr nur der Blick vom Pistenrand. Der Grund dafür: Es ist die einzige olympische Disziplin, in der Frauen nicht antreten dürfen – und noch nie durften.

Die Geschwister haben seit ihrer Kindheit die gleiche Leidenschaft:

Zu wenig Zuschauer*innen

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) begründet den Ausschluss mit zu wenig Zuschauer*innen, insbesondere bei den Frauen. Ausserdem sei die Leistungsdichte zu gering, es seien also zu wenige Nationen vertreten. Die Rennen sind damit aus IOC-Sicht weniger attraktiv und damit schwer zu vermarkten.

In einem Interview mit dem «Guardian» widersprach Malacinski, dass es mehr als 40 Frauen gebe, die auf hohem Niveau antreten würden und auf eine Gelegenheit warten, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein.

Ähnliche Bedenken äusserte das IOC auch zu den Männer-Rennen in der Nordischen Kombination. Diese durften jedoch im Programm bleiben – das entscheidende Argument des IOC dabei: Die Männer hätten schon begonnen, sich auf die Spiele vorzubereiten, wie «BR 24» berichtet. In diesem Jahr nehmen 36 Athleten an den Olympischen Spielen in Italien teil, in Peking 2022 waren es noch 55.

Zudem verweist das IOC zur Begründung seiner Entscheide auf die noch junge Geschichte der Frauenwettkämpfe in der Nordischen Kombination. Tatsächlich ist sie deutlich kürzer als jene der Männer, die bereits 1924 bei den ersten Olympischen Winterspielen am Start waren. Doch in den vergangenen Jahren hat die Professionalisierung im Frauenbereich rasant an Tempo gewonnen.

Wettkämpfe im Weltcup für Frauen gibt es schon

Seit der Saison 2020/21 richtet der Internationale Skiverband (FIS) auch Wettkämpfe im Weltcup für Frauen aus. Im selben Winter wurde in Oberstdorf DE erstmals eine Weltmeisterin in der Nordischen Kombination gekürt.

2022 reichte der Weltverband einen formellen Antrag ein, die Disziplin bei den Winterspielen in Italien zuzulassen. Vergeblich. Schon vor Peking 2022 hatte es einen ähnlichen Vorstoss gegeben, auch dieser wurde abgelehnt.

«Seit Jahren sprechen meine Teamkolleginnen und ich uns aus, protestieren und kämpfen für die Chance, an derselben olympischen Startlinie wie die Männer zu stehen», sagt sie dem «Guardian». «Wir sind immer noch hier, wir kämpfen weiter, wir geben nicht auf.»

Die bisher geschlechtergerechtesten Winterspiele

Das IOC bezeichnet Mailand-Cortina als die bisher geschlechtergerechtesten Winterspiele: 47 Prozent der teilnehmenden Athlet*innen sind Frauen, 50 der 116 Wettbewerbe ausschliesslich weiblich. «In jeder Hinsicht sind wir geschlechterausgewogen», sagte IOC-Sprecher Mark Adams zu BBC.

Mit Blick auf die Nordische Kombination räumte er jedoch ein, dass die Disziplin bislang nur in wenigen Ländern verbreitet sei. «Sie muss universeller werden, das werden wir für die nächsten Winterspiele prüfen.»

«Wir haben unseren Platz verdammt nochmal verdient»

Malacinski ist nicht die Einzige, die sich öffentlich gegen den Ausschluss ausspricht. Auch die deutsche Nordische Kombiniererin Nathalie Armbruster setzt sich seit Jahren dafür ein, dass die Frauen endlich an Olympia teilnehmen dürfen.

«Wir wollen unseren Platz bei den Olympischen Spielen nicht nur, weil wir Frauen sind und Gleichberechtigung wollen, wir haben uns unseren Platz dort verdammt nochmal verdient, indem wir hochprofessionelle Weltklasse-Athletinnen sind und alle Anforderungen erfüllen, die das IOC einst festgelegt hat», schreibt sie kürzlich auf Instagram unter einem Beitrag.

«Ich habe geweint und es ist halt einfach auch sportlich gesehen absolut nicht nachvollziehbar. Es geht nur ums Geld und um Einschaltquoten und das ist richtig traurig», sagte Armbruster dem «BR 24», als sie von der IOC-Entscheidung 2022 erfuhr.

Neben der Enttäuschung wächst bei den betroffenen Atheltinnen auch der Portest. Mit symbolischen Aktionen wollen sie Druck auf das IOC ausüben. Einige malen sich deshalb vor dem Start ihrer eigenen Wettrennen Bärte ins Gesicht, andere strecken ihre Skistöcke übers Kreuz in die Höhe, als Zeichen für das weibliche X-Chromosom.

@annika.malacinski

No e❌ceptions Nordic Combined is in jeopardy. If we don’t stand together now and fight for equal opportunity, we risk losing an incredible sport that has shaped generations of athletes and communities. This only works if we do it together. #inequality #noexceptions #olympics #nordiccombined

♬ This Is the Beginning - Ely Eira

Doch an der Entscheidung des IOC hat auch der ganze Widerstand nichts geändert. Die Forderung nach Gleichberechtigung bleibt auch für die Spiele 2030. In Malacinskis Worten: «Wir kämpfen weiter, wir geben nicht auf.»


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