1924 nimmt die Idee eines winterlichen Pendants zu den Olympischen Spielen im Sommer langsam Form an. Seither sorgen Schweizer Sportlerinnen und Sportler für viele Anekdoten.
Die erste Schweizer Goldmedaille der Olympia-Geschichte ist aus vielen Gründen eine unverhoffte. Ein Quartett aus drei Wallisern und einem Berner Oberleutnant läuft am 29. Januar 1924 in Chamonix zum Sieg in der Militärpatrouille. Captain dieser Staffel ist Denis Vaucher, der Grossvater des gleichnamigen aktuellen CEO der National League. Der Enkel erinnert sich, dass sein Grossvater erst kurzfristig dazu stösst, weil sich ein vierter Walliser verletzt und die anderen drei, Alfred Aufdenblatten, Alfons und Anton Julen, ihn aus dem gemeinsamen Militärdienst kennen und der Patrouillenführer gemäss Reglement ein Offizier sein muss. Auf eigene Kosten reist man in die Savoyer Alpen und schlägt den favorisierten Franzosen ein Schnippchen. «Sie fanden im Nebel das Ziel nicht», erzählt Vaucher über den Coup seines Vorfahren. Die Militärpatrouille ist der Vorläufer des modernen Biathlon, geschossen wird 1924 aus 150 Metern Entfernung auf Luftballons.
Unverhofft ist diese erste Olympia-Goldmedaille auch, weil Vaucher und seine Teamkollegen denken, sie nehmen an der «Internationalen Wintersportwoche» teil, quasi einem Vorprogramm der folgenden Sommerspiele in Paris. Erst zwei Jahre später, also vor hundert Jahren, erklärt das IOC die Wettkämpfe von 1924 offiziell zu den ersten Olympischen Winterspielen.
1948: Milchtransport statt Skitraining
Hedy Schlunegger ist der Inbegriff des früheren Ideals der Amateursportlerin. Die Tochter einer Familie von Bergführern, Wirten und Älplern startet nie im Ausland, ist aber ein Naturtalent auf den damals üblichen Holzski. Die Berner Oberländerin trainiert nicht für Rennen, doch sie fährt als Kind im Winter mit den Ski zur Schule und transportiert darauf auch die Milch ins Dorf Wengen. Talent und das sozusagen natürliche Training reichen, um schon 19-jährig Schweizer Meisterin zu werden und mit 24 Jahren an den ersten Olympischen Spielen der Nachkriegszeit – zum Glück in der Schweiz – zu starten. 1948 in St. Moritz kürt sich Schlunegger in der Abfahrt zur ersten Schweizer Frau, die in einer Einzeldisziplin Olympia-Gold gewinnt – trotz eines (damals nicht unüblichen) Sturzes. Haben die ersten Winterspiele im Oberengadin 1928 noch ohne Schweizer Sieg geendet, jubeln die Einheimischen diesmal dreimal. Neben Schlunegger triumphieren Edi Reinalter im Slalom sowie Felix Endrich und Fritz Waller im Zweierbob.
St. Moritz wird ausgewählt, weil es als einziger Austragungsort dank der bestehenden Anlagen und der Verschonung durch den Krieg in der Lage ist, den Anlass in nur 18 Monaten vorzubereiten. Stars der Spiele sind auch die Eishockeyaner, die angeführt vom legendären «-ni-Sturm» mit Richard «Bibi» Torriani und dem Brüderpaar Hans und Ferdinand «Pic» Cattini Bronze gewinnen.
1960: Weit mehr als der Namensgeber der Roger-Staub-Mütze
Heute ist Roger Staub in erster Linie dank Bankräubern bekannt, die gerne die nach ihm benannte Mütze benutzen. Nur noch wenige erinnern sich, dass der Zürcher einst der bekannteste Skifahrer der Schweiz (und mit dem EHC Arosa Schweizer Eishockey-Meister) ist. Seine Karriere dauert nicht sehr lang, ist jedoch mit dem grösstmöglichen Erfolg gekrönt. 1960 finden die Winterspiele zum zweiten Mal in den USA statt, im Retortenort Squaw Valley. Um das neu gebaute Skiressort in Kalifornien bekannt zu machen, kandidieren die Promotoren für die Olympischen Spiele – und gewinnen die Wahl überraschend.
Keine grosse Überraschung ist der Sieg von Roger Staub im Riesenslalom. Er triumphiert mit vier Zehnteln Vorsprung vor dem Österreicher Pepi Stiegler. Bald darauf wechselt er zu den Profis und macht sich gerade in den USA einen Namen als Skilehrer und Begleiter von Promis, bewegt sich im Jetset von Vail bis Las Vegas und ist mit der TV-Ansagerin, damals die «Schätzchen der Nation», Lilo Haussener verheiratet.
Als Staub 1974 im Wallis mit dem Deltasegler abstürzt und sich tödliche Verletzung zuzieht, ist die Abdankung im Zürcher Fraumünster ein riesiges Ereignis. Die nach ihm benannte Mütze hat er übrigens nicht als Erster getragen. Sie war für ihn einfach ein Glücksbringer. Und weil er sie in den Rennen trug, wurde sie berühmt. Squaw Valley heisst übrigens nicht mehr so, da der Begriff «Squaw» für die Ureinwohner beleidigend ist. Das Ressort heisst seit 2021 Palisades Tahoe. Dort finden auch wieder alpine Weltcup-Rennen statt, 2024 gewinnt Marco Odermatt als legitimer Nachfolger von Roger Staub.
1964: Das Debakel von Innsbruck als Sprungbett zu neuen Höhen
Der Schweizer Auftritt 1964 in Innsbruck ist regelrecht peinlich. 77 Sportlerinnen und Sportler reisen ins nahegelegene Tirol und kehren ohne eine einzige Medaille zurück. Das gibt es zuvor nie und danach nie mehr bei Olympischen Winterspielen. Das Debakel zieht weite Kreise, sogar die Politik schaltet sich ein. Der Ruf der Schweiz als Ziel für Wintertourismus und das Image der Wehrhaftigkeit, vor allem der Armee, stünden auf dem Spiel. «Niederlagen lassen den Bundesrat nicht gleichgültig», erklärt Paul Chaudet, Vorsteher des Militärdepartements.
Der Tiefpunkt wird so zum Startschuss für den Weg des Sports aus der Nische, eine Verbesserung der Strukturen und einen höheren Stellenwert in der Öffentlichkeit. Eineinhalb Jahre später veröffentlicht eine Studienkommission einen Bericht, der «die Grundlagen für die Förderung des Spitzensports und einer Professionalisierung der bisher ehrenamtlichen Führung schaffen soll». 1966 wird das Nationale Komitee für Elitesport (NKES) gegründet, 1970 folgt die Stiftung Schweizer Sporthilfe. Die Erfolge stellen sich schnell ein. 1968 an den Winterspielen in Grenoble gibt es immerhin sechs Medaillen (zweimal Silber, sechsmal Bronze), vier Jahre später begeistern die «goldenen Tage von Sapporo» die Schweiz.
1972: Jung, unbequem und unglaublich schnell
Japan ist für Marie-Theres Nadig ein Kulturschock. Als sie für die Olympischen Spiele 1972 nach Sapporo fliegt, ist das ihre erste grosse Reise. Sie ist ja auch erst 17 Jahre alt und ein fast völlig unbeschriebenes Blatt. Doch dann sorgt die junge Frau aus Flumserberg für den Startschuss der noch heute legendären «Goldenen Tage von Sapporo» mit zehn Medaillen, darunter vier goldenen, und dem 3. Platz in der Nationenwertung hinter den Staatsamateuren aus der Sowjetunion und der DDR.
Bernhard Russi fährt als Favorit zum Abfahrtssieg – im rot-schwarzen Dress. Bei den Frauen scheint Gold für die grosse Annemarie Moser-Pröll reserviert. Nadig ist aber 32 Hundertstel schneller – im blauen Anzug, denn die Frauen haben noch nicht den gleichen Status wie die Männer. Dass ihr Triumph in der Abfahrt alles andere als Zufall ist, beweist sie drei Tage später. Im Riesenslalom, damals noch in einem Lauf gefahren, distanziert sie Moser-Pröll sogar um 85 Hundertstel und die drittplatzierte Wiltrud Drexel um fast 2,5 Sekunden. Was für eine Machtdemonstration!
Zum «Schätzchen der Nation» taugt Nadig nicht. Dafür ist sie zu unbequem. «Ich war sehr direkt», gesteht sie kürzlich in einem Interview mit der SonntagsZeitung. «Schrieb mir einer etwas vor, machte ich das Gegenteil.» Auf den Ski fühlte sich die Sarganserländerin aber wohl. 1980 in Lake Placid gewinnt sie noch einmal Olympia-Bronze in der Abfahrt, mit 26 tritt sie zurück. Nach 24 Siegen im Weltcup und als Gesamtweltcup-Siegerin.
1976: Wenn der Familienfrieden kurz leidet
Kaum ein Schweizer Sportler strebt den Erfolg so konsequent an wie der Bobfahrer Erich Schärer. 1975 erstmals als Pilot Vierer-Weltmeister geworden – mit dem älteren Bruder Peter als Anschieber – strebt er 1976 in Innsbruck eine Olympia-Medaille an – mindestens. Das Problem: Die Startzeiten sind in jener Saison nicht mehr so gut. Vor dem letzten Trainingstag lässt Erich Schärer die Bombe platzen. Er wechselt in seiner Crew seinen Bruder und Werner Camichel gegen Ueli Bächli und Ruedi Marti.
«Aufgrund der Startzeiten war der Entscheid sehr schwierig, aber notwendig», steht Erich Schärer auch 50 Jahre später zu seinem Vorgehen. Der Vater akzeptiert den Entschluss aus sportlichen Gründen, die Mutter weniger. Im Nachhinein sagt Erich: «Ich hätte schon einen Tag früher wechseln sollen.» Die fehlende Abstimmung führt zu einem Fehler am Start des ersten Laufes, am Ende fehlen auf den Olympiasieger Meinhard Nehmer 46 Hundertstel. Für Schärer ist klar: «Sonst hätten wir gewonnen.»
Die Silbermedaille schenkt er seinem Bruder, der ihn überhaupt erst zum Bobsport gebracht hat. Dieser zeigt sich als fairer Sportsmann. «In unserer ursprünglichen Besetzung wären diese Startzeiten nicht möglich gewesen», sagt er damals der «Schweizer Illustrierten». Eine Woche später werden Erich und Peter Schärer zusammen in St. Moritz Europameister im Zweier, vier Jahre später holt der insgesamt siebenfache Weltmeister Erich mit dem «schnellsten Pöstler der Schweiz» Sepp Benz in Lake Placid doch noch das ersehnte Olympia-Gold. Überhaupt hängt der Haussegen nicht lange schief. Die Brüder wohnen heute beide in Herrliberg am Zürichsee und sehen sich täglich, wie Erich zufrieden sagt.
1980: Standing Ovation für eine Traum-Kür
Der 4. Platz wird gemeinhin als der undankbarste wahrgenommen. Es gibt aber Ausnahmen. Eine solche gelingt Denise Biellmann 1980 in Lake Placid. Mit einer fantastischen Kür reisst die damals 17-jährige Zürcherin das amerikanische Publikum von den Sitzen. Eine seltene Standing Ovation ist der verdiente Lohn, aber keine Medaille.
Biellmann belegt im (für sie zu spät abgeschafften) Pflichtprogramm den 12. Platz, doch nach dem zweitbesten Kurzprogramm stellt sie mit ihrer Kür alle Konkurrentinnen in den Schatten. Auch fast 46 Jahre später denkt sie gerne an die Tage in Lake Placid zurück. «Die ganze Welt hat zugeschaut. Es war für mich Werbung und Türöffner.» Die Zürcherin wird zum Star. Nach dem Sieg an der EM im Januar 1981 will der «Blick» jeden Tag eine Story von ihr, wie sie lachend erzählt. Eineinhalb Monate später gewinnt sie in Hartford, erneut in den USA, den WM-Titel und beendet anschliessend ihre Amateurkarriere.
«Ich hatte ein fantastisches Angebot von Holiday on Ice für den Fall, dass ich gewinne», erklärt sie. Der Druck ist deshalb natürlich gross. Zwischenzeitlich sagt sie ihrer Mutter gar, sie würde vielleicht lieber in New York shoppen gehen als anzutreten. Doch sie behält die Nerven und wird tatsächlich Weltmeisterin. Lake Placid bleiben ihre einzigen Olympischen Spiele, weil damals noch der strikte Amateurstatus gilt. Biellmann bereut ihren Entscheid dennoch nicht. Sie legt eine tolle Karriere mit Show-Auftritten hin, bei denen sie ihre kreative Ader ausleben kann, und wird elf Mal Profi-Weltmeisterin. Noch heute steht sie regelmässig auf dem geliebten Eis und freut sich auf die kältere Jahreszeit. «Für mich hat das super gestimmt», sagt sie. Der 4. Platz und das Leben danach.
1984: Im Pfeifkonzert ganz cool
Er hat erst ein Weltcup-Rennen gewonnen, die Favoriten im Olympia-Riesenslalom von 1984 sind andere. Pirmin Zurbriggen, Phil Mahre, Hans Enn, Joël Gaspoz oder Andreas Wenzel. Doch nun steht Max Julen im Starthaus des zweiten Laufs und blickt vom Berg Bjelasnica hinunter ins Tal. Was er sieht, könnte einschüchtern, 30’000 jugoslawische Fans, die gnadenlos pfeifen und buhen. Einer der Ihren führt, Jure Franko, und oben steht nur noch ein schmächtiger Oberwalliser, der knapp 23-jährige Max Julen. Er trägt nur Skibrille, die Haare flattern im Wind. Helme gibt es da im Riesenslalom noch lange nicht – und er hört alles.
Julen weiss, dass dies seine goldene Chance ist. Die Schneise im Wald ist steil, aber schmal und kurz, der Kurs zwangsläufig eng gesteckt. Ideal für ein wendiges Leichtgewicht wie ihn also. Die Pfiffe machen ihn nicht nervös, sondern motivieren ihn. Der Zermatter, der in der Heimat mittlerweile ein Hotel mit Matterhorn-Blick führt, gewinnt mit 23 Hundertsteln Vorsprung auf Franko. Dieser freut sich auch über Silber, gratuliert sofort und zeigt damit mehr Sportsgeist als seine Landsleute an der Piste. Tragisch: Nur acht Jahre später werden die Bewohner von Sarajevo im Jugoslawien-Krieg genau von diesem Berg aus beschossen und fast vier Jahre lang belagert.
1988: Der stille Tornado aus Elm
Die Wettkämpfe im Ski alpin bei den Spielen 1988 in Kanada werden von zwei Superstars geprägt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Alberto Tomba und Vreni Schneider. Der Italiener ist als Grossmaul und Partykönig bekannt, die Glarnerin strickt in der freien Zeit im Hotelzimmer. Begnadete Skifahrer sind sie beide, in Slalom und Riesenslalom sind sie nicht zu schlagen. Tomba gewinnt den Riesenslalom mit über einer Sekunde Vorsprung, Schneider den Riesenslalom mit 93 Hundertsteln und den Slalom mit sagenhaften 1,68 Sekunden Abstand – und das mit der Bürde der Topfavoritin bei ihren ersten Olympischen Spielen.
Eindrücklich und bald schon legendär sind die zweiten Läufe der Elmerin. Oft braucht es einen Rückstand, um die stille Glarnerin aus der Reserve zu locken. Nach enttäuschenden Spielen 1992 holt sich Schneider 1994 in Lillehammer einen weiteren Olympiasieg im Slalom, dazu Silber in der Kombination und Bronze in Riesenslalom. Mit je drei WM-Titeln und Gesamtweltcup-Siegen sowie insgesamt 55 ersten Plätzen im Weltcup ist Vreni Schneider die erfolgreichste Schweizer Skifahrerin der Geschichte und wird zurecht als Schweizer Sportlerin des 20. Jahrhunderts auserkoren.
Die Abwehrschlacht von Calgary
In den 1980er-Jahren ist das Schweizer Eishockey weit davon entfernt, erstklassig zu sein. An der WM 1987 in Wien steigt man mit 0 Punkten aus 10 Spielen ab, gegen die Sowjetunion gibt es ein 5:13, gegen Schweden ein 1:12 und gegen Westdeutschland ein 1:8. Entsprechend gering sind die Erwartungen an den Winterspielen im folgenden Jahr in Calgary.
Und dann dies: Gegen den späteren Silbergewinner Finnland gewinnen die Schweizer im ikonischen Saddledome das Eröffnungsspiel 2:1. Im Startdrittel überrascht das Team von Trainer Simon Schenk mit einem Kontertor von Peter Jaks und einem Slapshot von Köbi Kölliker und führt 2:0. Spätestens nach dem Anschlusstor der Finnen entwickelt sich eine Abwehrschlacht. Angeführt von den NLA-Stars Kari Eloranta (Lugano) und Rexi Ruotsalainen (Bern) drücken die Nordländer auf den Ausgleich, doch der überragende Davoser Richi Bucher im Schweizer Tor lässt sich nicht mehr bezwingen. Er wehrt 32 von 33 Schüssen ab. Die Schweizer schlagen dann auch noch Polen, verpassen aber die Finalrunde der besten sechs knapp.
1994: Sonny Schönbächlers norwegisches Wunder
Andreas Schönbächler, von allen Sonny genannt, ist einer der überraschendsten Schweizer Olympiasieger. Als die Skiakrobatik 1994 in Lillehammer ihr olympisches Debüt als voll anerkannte Sportart gibt, ist der Zuger bereits seit zehn Jahren im Weltcup aktiv – ohne jemals einen Wettkampf gewonnen zu haben. Die Qualifikation übersteht er als Zehnter gerade mal so. Am 24. Februar aber schwebt Schönbächler auf einer Wolke und zaubert zwei perfekte Sprünge über die Schanze. Die favorisierten Kanadier haben das Nachsehen und müssen sich mit Silber und Bronze begnügen.
Schönbächler trägt später mit seinem Sprungzentrum in Mettmenstetten im Zürcher Säuliamt massgeblich zu weiteren Schweizer Medaillen in der neuenglisch Aerials genannten Disziplin bei. Und er steht am Ursprung einer Tradition. Neue Sportarten sind für die Schweiz regelrechte Goldgruben. 1998 gewinnen die Curler mit Skip Patrick Hürlimann das erste Olympia-Turnier der Neuzeit, und Snowboarder Gian Simmen triumphiert in der Halfpipe. Unvergessen ist Tanja Friedens Goldcoup im ersten Snowboardcross-Event 2006, der «Goldplämpu von Turin». 2010 dominiert Mike Schmid das neu eingeführte Skicross. 2026 werden in Bormio erstmals Medaillen im Skitourenrennen vergeben. Auch hier gehören die Schweizer zu den Topfavoriten.
2010: Défagos Film ohne Schneesturm
Schon seit 22 Jahren und Pirmin Zurbriggens Sieg in Calgary wartet die Schweiz auf einen Abfahrts-Olympiasieger, als die Spiele 2010 nach Kanada zurückkehren. Sieben Schweizer haben die Selektionskriterien erfüllt, die Hoffnungen ruhen vor allem auf Didier Cuche, der in beiden Trainings Bestzeit fährt, und Carlo Janka. Der Bündner gewinnt später den Riesenslalom. Didier Défago muss sich hingegen erst teamintern durchsetzen und ergattert den vierten Schweizer Startplatz. Wegen eines Sturms mit Schnee und Regen muss die Abfahrt um zwei Tage verschoben werden. Als es dann ernst gilt, ist von Schneesturm nichts mehr zu sehen – weder am Himmel noch in Défagos Kopf. «Vor dem Start stellt man sich die Fahrt wie in einem Spielfilm vor und drückt auf ‹Play›. Dann aber läuft es fast nie genau nach Plan. Es gibt immer etwas Schnee im Bild», erklärt der Walliser. «Diesmal aber ging es fast perfekt auf.» Als er ins Ziel kommt und es grün als Zeichen für die Bestzeit aufleuchtet, weiss er, dass das «sicher für eine Medaille reicht» – nach fünf Weltmeisterschaften und zwei Olympischen Spielen ohne Edelmetall.
Défago gewinnt in seiner langen Karriere auch die Klassiker am Lauberhorn und in Kitzbühel, doch «bei Vorträgen ist allen der Olympiasieg präsent», stellt er fest. Dem Skisport bleibt der gelernte Hochbauzeichner auch nach dem Rücktritt vor gut zehn Jahren treu. Heute ist er Geschäftsführer in den Komitees der Weltcup-Rennen und der Weltmeisterschaft 2027 in Crans-Montana.
2014: Cologna gewinnt den Wettlauf mit der Zeit
2014 in Sotschi ist Dario Cologna im Zenit. Dennoch hängen seine Erfolge an einem seidenen Faden. Im November zieht er sich beim Joggen einen Bänderriss im rechten Sprunggelenk zu, die Genesung bis Olympia wird zum Wettlauf gegen die Zeit. Und dann läuft der Bündner aus dem Val Müstair im südöstlichsten Zipfel der Schweiz die ganze Konkurrenz in Grund und Boden. Vier Jahre davor gewinnt er bei seinen ersten Olympischen Spielen als erster Schweizer Langläufer Gold. In Russland setzt er sich im Skiathlon, in dem er amtierender Weltmeister ist, auf der Zielgeraden in einem Vierer-Sprint durch. «Das macht es schon noch einmal etwas spezieller und emotionaler», erinnert sich Cologna.
Über 15 km mit Einzelstart wiederholt er seinen in Vancouver errungenen Sieg mit fast einer halben Minute Vorsprung. Und es wäre noch mehr möglich gewesen. Auch in der Königsdisziplin 50 km ist er bis zum letzten Anstieg, der auf ihn zugeschnitten ist, auf Goldkurs, ehe er sich durch einen Sturz aller Chancen beraubt. Dennoch hat er den Spielen in Sotschi eindrücklich seinen Stempel aufgedrückt. «Es sind wunderbare Erinnerungen», sagt er. «Auch, weil in Russland viele Zuschauer an der Loipe standen.» Zudem sind seine Eltern und seine heutige Frau Laura vor Ort dabei, mit seinem Bruder Gianluca läuft er den Teamsprint und wird Fünfter. Vier Jahre später holt er in Südkorea sein viertes Olympia-Gold doch noch. Als erster Langläufer der Geschichte triumphiert er bei drei Spielen in Folge über die gleiche Distanz.