Degenfechter Heinzer bricht sein Versprechen und ist den Tränen nah

Von Richard Stoffel

30.7.2021

Degenfechter Max Heinzer hat sich in Tokio mehr ausgerechnet.
Bild: Keystone

Teamleader Max Heinzer kämpft im Interview nach dem Aus der Schweizer Degenfechter im Viertelfinal gegen die Tränen an und richtet emotionale Worte an seinen dreieinhalbjährigen Sohn.

Von Richard Stoffel

30.7.2021

Max Heinzer stockte im Interview mit dem Schweizer Fernsehen der Atem. Weniger wegen seines persönlich geplatzten Medaillen-Traums mit dem Degenteam, sondern wegen seines dreieinhalbjährigen Sohns Mael. «Ich hatte Dir versprochen, dass ich mit einer Medaille heimkomme. Ich habe es nicht geschafft. Es tut mir enorm leid.»

Wie in einer Schockstarre blickten die Schweizer Degenfechter nach der 39:44-Viertelfinal-Niederlage gegen Südkorea und dem Out im Kampf um Edelmetall ins Leere. Der Traum von der ersten Team-Olympia-Medaille der Schweizer Degen-Männer seit 1976 war in Luft aufgelöst. Eine 34:30-Führung vor dem Schlussgefecht von Benjamin Steffen gegen Rio-Olympiasieger Park Sang-Young reichte nicht zum Halbfinal-Einzug aus. Benjamin Steffen, der 2018 das Schweizer Team im WM-Final im chinesischen Wuxi bei weniger guter Konstellation, mit nur einem Treffer Vorsprung gegen Park mit einer imponierenden Plus-4-Bilanz noch zum Team-WM-Titelgewinn geführt hatte (36:31), fand kein Entrinnen aus seinem Tages-Tief.

Steffens missratener Abschied

«Es tut mir leid für das Team», sagte der 39-jährige Basler in einer ersten Reaktion mit gesenktem Kopf nach seinem letzten Wettkampf im Schweizer Nationalteam. Die nackten Fakten des Viertelfinals sprachen eine deutliche Sprache: Michele Niggeler mit einer Plus-6 und Max Heinzer mit einer Plus-3-Bilanz überzeugten. Steffen, der sich im Laufe seiner Karriere schon zigmal als enorm wertvoller Teamfechter erwiesen und zu grossen Erfolgen beigetragen hatte, fiel mit einer Minus-14-Bilanz ab. Schon das Startgefecht war Steffen mit einem 0:4 entglitten. Es war ein Tag zum Vergessen für den Linkshänder. «Ich kann mir vorstellen, dass er sich selbst zu sehr unter Druck gesetzt hat», orakelte Nationaltrainer Didier Ollagnon gegenüber blue News nach dem 8. Rang des Teams in Tokio.

Hätte man Steffen schon nach dem Startgefecht auswechseln sollen? Es gab einige Argumente dagegen. War nicht von Fussball-Nationaltrainer Vladimir Petkovic nach dem 0:3 gegen Italien vehement gefordert worden, er solle unter anderen Haris Seferovic leistungsbedingt herausnehmen? Seferovic war es dann, der im übernächsten Spiel als herausragender Einzelakteur und Doppeltorschütze gegen Frankreich das Weiterkommen gegen den Weltmeister im späteren Penaltyschiessen überhaupt erst ermöglichte.

Im Falle von Steffen hätte es sich so verhalten, dass er im Falle einer Auswechslung (Lucas Malcotti wäre gekommen) auch in den weiteren Gefechten des Tages nicht mehr eingesetzt hätte werden können. Es war ein enorm schwieriger Entscheid, den der scheidende Nationaltrainer Didier Ollagnon zu treffen hatte. «Es gab Anzeichen in der Box, dass Beni den Turnaround schaffen wird. Er wirkte positiv. Und zuviel hatten wir als Team schon in der Qualifikaton durchgestanden, als dass ich ihm so schnell nicht mehr vertraut hätte», sagte Ollagnon.

Steffen fühlte sich bereit

«Ich hatte keine Sekunde daran gedacht, dass es mein letzter Wettkampf war», stellte Steffen nach seinem verpatzten Karriere-Ausklang gegenüber blue News klar. Den vierfachen Team-Europameister und sechsfachen WM-Medaillengewinner mit dem Team nagt es enorm, dass er dies nun «nie mehr» gutmachen könne. «Ich mache mir deshalb selbst von allen am meisten Vorwürfe». Er hätte sich auch vor dem letzten Gefecht bereit gefühlt, wollte diszipliniert sein, versuchte sich gegen den enorm agilen Park auch im Gegen-Pressing. «In einer Situation stosse ich darüber. Dann verlor ich ein wenig den Rhythmus», schilderte er seinen Sturz ins Verderben.

Tatsache sei indes auch, dass es Gefechte gebe, «die man nicht heimbringt. Das ist auch schon anderen Teamkollegen passiert.» Vielleicht hätte er selbst unbewusst auch zu sehr an den verlorenen Olympia-Halbfinal im Einzel von Rio 2016 gegen Park gedacht, der ihm vor fünf Jahren den Weg in den Final und damit einer Medaille gekostet hatte. Im ersten Moment nach der monumentalen Enttäsuchung von Tokio hätte er seiner Frau gesagt, dass er nun doch weitermache. Die ehemalige Beachvolleyball-Olympiateilnehmerin Isabelle Forrer erinnerte ihn aber trocken an seinen nicht mehr beschwerdefreien Bewegungsapparat (u.a. Hüftprpobleme) und, dass er dann «an den Paralympics besser aufgehoben» sei.

Ohne Heinzer Olympia-Qualifikation wohl illusorisch

In den kommenden Tagen wird Ollagnon das Team noch zu einem Debriefing versammeln. Die Zukunft beziehungsweise künftige Zusammensetzung des Schweizer Teams ist nach dem Rücktritt von Steffen offen. Max Heinzer wird in den kommenden Wochen entscheiden, ob er weitermacht. Nichts gegen die anderen nachstossenden Fechter und den in Tokio gegen Südkorea so starken Michele Niggeler. Doch sollte der Teamleader aufhören, wird eine Olympia-Qualifikation der Schweizer Degen-Männer für Paris 2024 kaum realistisch sein.