Schlechtes Gewissen nach Olympia-Gold Vreni Schneider: «Sie sass da, wie ein Häufchen Elend – das tat mir so leid»
1988 in Calgary kurvt Vreni Schneider – das «tapfere Schneiderlein» im Kopf – zur ersten Olympischen Goldmedaille. Im Ziel plagte sie dann vor allem ein schlechtes Gewissen, sagt «Gold-Vreni» und verrät, weshalb.
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- Im Olympia-Talk «Legenden für die Ewigkeit» erinnert sich Vreni Schneider an Calgary 1988 und ihre erste Olympische Goldmedaille zurück.
- «Gold Vreni» verrät, warum sie im Ziel ein schlechtes Gewissen geplagt hat und sie der Spanierin Blanca Fernandez Ochoa aus dem Weg gehen wollte. «Blanca war die Beste an diesem Tag und dann sitzt sie da an der Bande, wie ein Häufchen Elend.»
- Fernandez Ochoa schied 2019 im Alter von 56 Jahren freiwillig aus dem Leben. «Ich schaute zu Blanca auf. Sie war ein Traummädchen.»
Am Schluss wurde es knapp. Vreni Schneider, die spätere Doppel-Olympiasiegerin von Calgary 1988, hätte die Spiele in Kanada beinahe verpasst. «In den Weltcup-Rennen davor war ich immer ausgeschieden», erinnert sie sich im Talk «Legenden für die Ewigkeit». «Ich fuhr oft kopflos. Mal lag ich nach sechs Toren kopfvoran im Schnee.»
Erst am Wochenende vor Beginn der Spiele in Saas-Fee sicherte sich ihren Platz im Olympiakader – mit zwei zweiten Plätzen im Riesen und im Slalom. Nach der Ankunft in Kanada fühlte sich Schneider besser. «Ich wusste, dass ich eigentlich in einer Bombenform war», sagt sie.
Eigentlich! Denn auch in der Kombination schied sie aus – nachdem sie auf Medaillenkurs gewesen war. Sie bewahrte sich jedoch ihren Optimismus. Das fiel ihr in früheren Karrierejahren noch leichter. Schneider war damals 23 Jahre alt. «Das war auch jugendlicher Leichtsinn. Ich war fasziniert von Olympia und dankbar, dass ich überhaupt mitgehen durfte», sagt sie.
«Ich sagte mir: ‹Schneiderlein, reiss dich zusammen!›»
Dann schlägt im Riesenslalom erstmals an Olympischen Spielen ihre grosse Stunde. Sie liegt zur Pause auf Platz fünf; Blanca Fernandez Ochoa deutlich an der Spitze. Im zweiten Lauf dreht Schneider auf. Ohne zu wissen, wie gut sie fährt.
«Es drehte unsinnig, es war aggressiver Schnee und so langsam. Ich dachte, ich stehe fast», erzählt Schneider. «Dann sagte ich mir selber: ‹tapferes Schneiderlein, reiss dich zusammen! Komm jetzt. Du musst schieben.›» Trotzdem denkt sie nicht an Gold. «Ich hatte gar kein gutes Gefühl, als ich ins Ziel kam. Erst dann merkte ich, dass auch die anderen Probleme hatten.»
Es beginnt das bange Warten auf die Konkurrenz. Maria Walliser, Catherine Quittet aus Frankreich und Małgorzata Mogore-Tlałka sind langsamer. Dann Fernandez Ochoa. «Für mich war klar, dass sie Gold holen wird», sagt Schneider. «Sie startete auch super. Dann aber gab's einen Chlapf.» Fernandez Ochoa scheitert, Schneider bleibt auf dem Thron.
«Blanca war ein Traummädchen»
Eine Olympia-Siegerin mit schlechtem Gewissen! «Ja, Blanca war am Boden zerstört. Dabei war sie klar am besten gefahren.» Schneiders Unbehagen geht so weit, dass sie der Spanierin im Zielraum aus dem Weg gehen will. «Ich musste zu einem Fernseh-Interview. Sie sass da, an eine Bande gelehnt, wie ein Häufchen Elend. Und ich hätte genau an ihr vorbeigemusst. Ich wollte aussen herum.»
Ihr Vorhaben scheitert – Fernandez Ochoa erspäht die Schweizer Siegerin. «Sie sah mich, wir hatten Augenkontakt. Dann kam sie auf mich zu, und sie wusste genau, was ich dachte: ‹Tut mir leid, das darf doch nicht wahr sein.›» Fernandez Ochoa gratuliert fair.
Das sei typisch gewesen für die damalige Zeit, sagt Schneider. «Wir waren eine grosse Skifamilie. Tolle Weiber, Pardon: Frauen (lacht). Wir reisten zusammen um die Welt.» Alle wollten gewinnen, akzeptierten aber auch die Niederlage. «Wir hatten ehrlichen Respekt voreinander.» Typisch auch für Schneider selbst, ein gutes Verhältnis zu ihren Konkurrentin ist ihr immer wichtig.
Und Fernandez Ochoa? «Sie war ohnehin ein Traummädchen. Gerade, wie sie sich gab. Mit ihr kamen wir alle gut aus.» Auch ihrer Klasse wegen bewunderte Schneider die Spanierin, die 2019 im Alter von 56 Jahren freiwillig aus dem Leben schied. «Ich schaute zu Blanca auf.»