Vreni Schneider über Tod von Ulli Maier «Warum gerade Ulli? Sie war die einzige Mutter im Weltcup»
Am 29. Januar 1994 starb die Österreicherin Ulrike Maier bei der Abfahrt von Garmisch tragisch. Vreni Schneider erinnert sich an die schlimmste Zeit ihrer Karriere, verrät, wie stark sie der Tod ihrer Rivalin und guten Kollegin aus der Bahn warf und wie sie selbst dann wieder in die Spur fand.
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- Vor 32 Jahren starb die Österreicherin Ulrike Maier bei der Abfahrt von Garmisch tragisch.
- Im Olympia-Talk «Legenden für die Ewigkeit» erinnert sich Vreni Schneider an die schlimmsten Wochen ihrer Karriere und verrät, wie stark sie der Tod ihrer grossen Konkurrentin und guten Kollegin aus der Bahn geworfen hat.
- «Die ganze Ski-Familie stand unter Schock», erzählt Schneider. «Wir haben nicht begriffen, warum es gerade sie trifft, die einzige Mutter im Weltcup.» Sie selbst hätte danach mehrmals mit dem Gedanken gespielt, aufzuhören.
Es war bei einem Rennen in Frankreich, als Ulrike Maier nervös wurde. Daran erinnert sich Vreni Schneider beim Talk «Legenden für die Ewigkeit» noch ganz genau. Das Rennen damals wurde wegen schlechten Wetters immer mehr hinausgezögert – was Maier, die sonst so souveräne Doppelweltmeisterin aus Österreich, offensichtlich bekümmerte. «Ich fragte sie, was los sei», erzählt Schneider. «Und Ulli sagte mir: Weisst du, mein Flieger wartet. Ich muss schnell heim zu Melanie.»
Melanie war Maiers kleine Tochter, 1989 geboren, und das Wichtigste in ihrem Leben. «Ich sagte Ulli dann: Das musst du machen, das ist das einzig Richtige. Und ich spürte, dass sie froh um meine Bestätigung war.» Am Ende, sagt Schneider, sei sie selbst dann ebenso nervös geworden wie Maier. Auch sie wollte, dass Maier möglichst rasch zu ihrer Tochter kann.
Ulrike Maier und Vreni Schneider, die beiden Spitzen-Athletinnen, kämpften gegeneinander um Siege, Medaillen und Kristallkugeln. Privat aber waren sie sich in Respekt und Freundschaft verbunden. Bis zuletzt. Bis zum verhängnisvollen 29. Januar 1994.
Warum ausgerechnet Maier?
Damals verunglückte Maier bei der Kandahar-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen tödlich; ihr Ski verkantete, und sie verlor bei einem Tempo von 104 km/h die Kontrolle. Und ihr Leben. Melanie, ihre kleine Tochter, sah daheim am Fernsehen zu. Gerade mal 26 Jahre war Maier alt.
«Die ganze Ski-Familie stand unter Schock», erzählt Schneider. «Wir haben nicht begriffen, warum es gerade sie trifft, die einzige Mutter im Weltcup.» Es begann ein langer Kampf für Schneider und die anderen Athletinnen: mit der Trauer und sich selbst. Nach Garmisch zog der Weltcup in die Sierra Nevada weiter. Allen stellte sich die Frage, ob sie davor an der Abdankung von Maier in Österreich teilnehmen wollen. Schneider entschied sich dagegen.
«Heute kann ich nicht mehr nachvollziehen, dass ich nicht an der Abdankung teilgenommen habe. Die Familie riet mir auch davon ab.» Vor allem um sich auch selber zu schützen. «Es wäre extrem eingefahren, bei der Abdankung dabei zu sein und beim Leichenzug.» Zum Schluss blieben die österreichischen Sportlerinnen und Sportler unter sich. Die anderen, wie Schneider, gedachten ihrer gestorbenen Freundin in Spanien.
Auch so drängte sich die Frage auf, ob Schneider weiterkämpfen soll. «In der Sierra wusste keine Fahrerin, ob sie fahren soll.» Auch die Trainer liessen es den Fahrerinnen offen. «Kein einziger sagte mehr vor dem Rennen: Gebt alles.» Wie gelähmt muss der Ski-Tross gewesen sein.
Als die österreichischen Sportlerinnen nachstiessen, machten sie sich gegenseitig Mut. «Die Eder-Geschwister (Elfi und Sylvia) oder Anita Wachter halfen mir. Wir sagten uns: Bis zu ihrem Tod war Ulli glücklich. Und es würde nichts ändern, wenn wir alle aufhören würden.»
Bei der Verarbeitung dachte Schneider immer auch an ihre Mutter, die früh an Krebs starb. Bis zu diesem Moment habe sie sich mehrmals gefragt, ob sie weiterhin bereit sei, um Hundertstel zu kämpfen, gesteht die Elmerin. «Ich habe mir mehrmals überlegt, ob ich zurücktreten soll.»
Die innere Zerrissenheit blieb. In der Sierra lag Schneider nach einem ersten Lauf auf Platz zehn. «Ich hatte nicht gekämpft. Ich war da, aber abwesend.» Als sie dann aber merkte, wer alles vor ihr lag, Athletinnen auch, die sie bei allem Respekt nicht vor sich sah – da sagte sie sich: «Das geht auch nicht.» Schneider wurde vom Ehrgeiz gepackt und fuhr noch zum Sieg. «Es war vielleicht mein bestes Rennen.» Zwischen den Läufen aber dachte sie vor allem an eines: an Ulrike Maier.
Die Kehrtwende in Norwegen
Darum war alles anders, als Schneider und die anderen nach Lillehammer aufbrachen, an die Olympischen Spiele 1994. «Ich fuhr wie ferngesteuert dahin, hatte den olympischen Gedanken nicht mehr in mir.»
Irgendwann aber gabs die «Kehrtwende», wie Schneider sich erinnert. «Die Norweger haben sich so gefreut, ohne aber übertrieben euphorisch zu sein.» Zudem bekam Schneider einen Anruf aus der Heimat, dass ihr Bruder Vater geworden sei. «Das war entscheidend.» Und in Form war sie ohnehin. Bloss musste sie sich eingestehen, dass sie trotz aller Trauer weiter um Siege fahren darf und kann – ohne sich ein Gewissen machen zu müssen.
Der Rest ist Geschichte: Schneider holte in Lillehammer den gesamten Medaillensatz – Gold im Slalom, Silber in der Kombination und Bronze im Riesen. «Ich hatte mir gesagt: Ich kämpfe weiter. Aber wenn es keine Medaille gibt, gibt es trotzdem Wichtigeres.» Oder anders: «Es ist nicht alles Gold, was glänzt.»