1984 wurde Michela Figini, 17-jährig, mit Abfahrts-Gold zur Olympia-Sensation. Heute führt sie ein Padel-Center im Tessin. Hier erinnert sich die 59-jährige Tessinerin an die verrückten Tage um Sarajevo, redet über ihr neues Leben, Lara Gut-Behrami und ihre künstlichen Hüftgelenke.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Michela Figini war einst das grosse Ski-Wunderkind der Schweiz. Schon mit 24 Jahren ist die Olympiasiegerin von 1984 zurückgetreten, hat sich aus der Öffentlichkeit quasi komplett zurückgezogen.
- Die Skilegende führt mittlerweile ein Padel-Center in Biasca. blue News hat die jüngste alpine Olympiasiegerin aller Zeiten im Tessin besucht und mit ihr über die goldenen Tage von Sarajevo geredet. «Ich brauchte Jahre, um zu realisieren, was da passiert ist.»
- Figini redet auch über die aktuellen Olympischen Spiele und die Verletzung von Lara Gut-Behrami. Sie sagt: «Jede Sportlerin und jeder Sportler will gerne den Zeitpunkt selbst bestimmen, wann Schluss ist. Ich glaube deshalb, dass ihre Karriere so vielleicht noch nicht fertig ist.»
Michela Figini, die ganze Schweiz kennt dich als Skifahrerin. Jetzt hast du einen Padelschläger in der Hand …
Michela Figini: … Das ist jetzt meine neue Welt. Der Skisport war einst jahrelang mein Leben. Als dann meine zwei Kinder erwachsen geworden sind, hatte ich plötzlich mehr Zeit für mich. Darum habe ich zusammen mit meinem guten Kollegen Marlon mit dieser Padel-Halle ein neues Projekt in Angriff genommen.
Spielst du selbst viel Padel?
Im Moment nicht. Ich habe gesundheitliche Probleme. Meine beiden künstlichen Hüftgelenke wären kein Problem. Aber vor zwei Jahren habe ich mir das Kreuzband und das Innenband gerissen sowie den Meniskus beschädigt.
Wo ist das passiert?
Ausgerechnet auf der Skipiste. (schmunzelt). Als Rennfahrerin war ich nie schwerer verletzt und dann passiert mir das als TV-Expertin bei der Besichtigung auf der Frauenabfahrt in St. Moritz.
Wie oft fährst du noch Ski?
Sehr wenig. In der letzten Saison stand ich nur einmal in Flachau auf den Skiern, dieses Jahr bisher zweimal in Flachau. Ich habe es sehr genossen, wieder einmal bei einem Weltcup-Rennen dabei zu sein, das war wahnsinnig schön. Zwei Tage auf der Piste, aber nur sehr langsam.
1984 in Sarajevo warst du die Schnellste. Mit 17 wurdest du Abfahrts-Olympiasiegerin. Damit bist du bis heute die jüngste Alpin-Siegerin der Olympia-Geschichte.
Von einem Tag auf den anderen hat für mich damals ein neues Leben begonnen. Für mich war’s schon eine Überraschung, qualifiziert zu sein. An Olympia zu starten, war für mich schon eine Goldmedaille. Dann holte ich das richtige Gold und bin in der grossen Skiwelt angekommen und von einem Moment auf den anderen erwachsen geworden.
Was ist dir noch vom Rennen präsent?
Praktisch nichts mehr. Ich weiss noch, dass ich zweimal starten musste, weil beim ersten Mal das Wetter nicht mitgemacht hat. Und dann natürlich an die vielen Menschen und Journalisten danach, die alle etwas von mir wollten. Es war für mich wie ein Traum. Dann der grosse Empfang im Tessin. Das war wahnsinnig emotional. Die Menschen haben auf mich gewartet – alle waren da, meine Familie, alle Freundinnen und Freunde. Ich habe damals nicht wirklich realisiert, was ich da erreicht habe.
Wann wurde es dir bewusst?
In den Jahren danach habe ich erst realisiert, was in Sarajevo passiert ist.
Bis zu Lara Gut-Behrami waren Doris De Agostini und du die einzigen Weltklasse-Skifahrerinnen aus dem Tessin …
… Doris war mein grosses Vorbild. Sie war eine super Frau und eine super Skifahrerin. Dann ist Lara gekommen, sie hat Erfolge um Erfolge gefeiert. Was für eine fantastische Sportlerin und Skifahrerin.
Sie verpasst die Olympischen Spiele verletzt. Hast du mitgelitten, als du von ihrer Verletzung erfahren hast?
Ja. Das ist wahnsinniges Pech. Sie wollte nach dieser Saison ihre grossartige Karriere beenden. Jede Sportlerin und jeder Sportler will gerne den Zeitpunkt selbst bestimmen, wann Schluss ist. Ich glaube deshalb, dass ihre Karriere so noch nicht fertig ist.
Du hast das Gefühl, dass du noch eine Saison anhängst?
Wir werden es sehen. Nur Lara selbst wird das entscheiden.
Blicken wir nach vorne. Wen siehst du als grosse Favoritin für die Olympia-Abfahrt?
Ich werde vor dem TV hier im Padel Lab mitfiebern. Eine Favoritin will ich nicht nennen. Die Olympiasiegerin wird in einem einzelnen Rennen bestimmt. Da kannst du die beste Abfahrerin der Welt sein und einfach einen schlechten Tag erwischen. Darum lasse ich mich überraschen. Aber ich hoffe, dass alles gut läuft und vor allem, dass es ein sehr schönes und faires Rennen wird, mit Sonne und ohne Wind. Ein reguläres Rennen, in welchem die Besten die Medaillen holen.
Du bist mit erst 23 Jahren vom Skisport zurückgetreten und hast dich jahrelang aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Warum?
Ich habe immer gesagt, dass Skifahren ein Kapitel meines Lebens ist. Und wenn diese Zeit zu Ende geht, öffnen sich andere Türen. Ich habe mich nach meinem Rücktritt meiner Familie gewidmet, ich wollte da sein für meine Kinder. Mein Leben war perfekt, ich brauchte die Öffentlichkeit nicht mehr.
Hast du noch Kontakt mit deinen ehemaligen Ski-Kolleginnen oder Konkurrentinnen von damals?
Maria Walliser ist schon ein paarmal hier vorbeigekommen. Und mit Vreni Schneider telefoniere oder schreibe ich manchmal. Mit anderen eher wenig. Meine Welt ist jetzt hier. Ich reise nicht mehr so viel. Ich investiere derzeit viel Zeit in unsere Sporthalle, für anderes sehr wenig.
Wo sind eigentlich deine Olympia-, WM-Medaillen und Gesamtweltcupkugeln ausgestellt?
Die habe ich bei mir zuhause. Aber wer weiss, vielleicht mache hier einen Ausstellungsraum, wo man sie sich ansehen kann. Mir schwebt vor, hier ein kleines Museum für alle Tessiner Sportlerinnen und Sportler zu machen, die unseren Kanton in die Welt hinausgetragen haben.
Dann wird vielleicht auch schon bald dein legendäres schwarz-pinkes Renndress von Olympia 1984 ausgestellt?
Ja, das habe ich ebenfalls noch zuhause. Ganz so viele Erinnerungen habe ich aus meiner Aktivzeit aufbewahrt, aber von Olympia habe ich fast alles behalten.