Kostete 113-Millionen Euro

Romelu Lukaku, das neuste Beispiel für die Misswirtschaft der reichen Klubs

Von Sandro Zappella

22.6.2022

Stürmerstar Romelu Lukaku könnte bald wieder für Inter Mailand jubeln.
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Noch vor einem Jahr bezahlte Chelsea 113 Millionen Euro für Stürmerstar Romelu Lukaku. Weil er die Erwartungen nicht erfüllte, kehrt er nun leihweise zu Inter zurück. Er ist damit das neuste Exempel eines kostspieligen Fehleinkaufs. Ein Kommentar.

Von Sandro Zappella

22.6.2022

Romelu Lukaku kehrt mit grosser Wahrscheinlichkeit noch diesen Sommer vom FC Chelsea zu Inter Mailand zurück. Zwar nur leihweise und dennoch ist es eine bemerkenswerte Rückkehr. Schliesslich ist es erst ein Jahr her, als die Londoner 113 Millionen Euro für den belgischen Stürmer ausgegeben haben. Mit der Leihe nach Mailand ist quasi offiziell, was eigentlich schon längst allen klar war: Romelu Lukaku ist ein Chelsea-Missverständnis im dreistelligen Millionenbereich. 

Und so reiht sich Lukaku in die unrühmliche Liste der Fehltransfers im Hochpreis-Segment ein. 12 Spieler wechselten bisher für über 100 Millionen Euro den Verein, mindestens die Hälfte davon trägt den Stempel der Enttäuschung. 

Transfers über 100 Millionen Euro

  • 1. Neymar, 222 Millionen Euro 
    2017 von Barcelona zu Paris Saint-Germain
  • 2. Kylian Mbappé, 180 Millionen Euro
    2018 von Monaco zu Paris Saint-Germain
  • 3. Ousmane Dembélé, 140 Millionen Euro
    2017 von Borussia Dortmund zu Barcelona
  • 4. Philippe Coutinho, 135 Millionen Euro
    2017 von Liverpool zu Barcelona
  • 5. Joao Felix, 127,2 Millionen Euro
    2019 von Benfica zu Atlético
  • 6. Antoine Griezmann, 120 Millionen Euro
    2019 von Atlético zu Barcelona
  • 7. Jack Grealish, 117,5 Millionen Euro
    2021 von Aston Villa zu Manchester City
  • 8. Cristiano Ronaldo, 117 Millionen Euro
    2018 von Real Madrid zu Juventus Turin
  • 9. Eden Hazard, 115 Millionen Euro
    2019 vom FC Chelsea zu Real Madrid
  • 10. Romelu Lukaku, 113 Millionen Euro
    von Inter Mailand zum FC Chelsea
  • 11. Paul Pogba, 105 Millionen Euro
    2016 von Juventus Turin zu Manchester United
  • 12. Gareth Bale, 101 Millionen Euro
    2013 von Tottenham zu Real Madrid

Die Liste ist erschreckend. Denn ausser Neymar und Mbappé hat eigentlich keiner dieser «Mega-Transfers» die gewünschte Wirkung erzielt. Die Transfers und entsprechenden Ablösesummen wirken so, als hätte ein Teenager im Computerspiel «Fussballmanager» gewütet und nicht so, als hätte eine kompetente Klubführung diese Entscheidungen getroffen.

Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir so abgestumpft sind, dass wir Transfermeldungen wie die Rückkehr von Lukaku zu Inter mit einem Schulterzucken hinnehmen. Dabei wäre diese Fehleinschätzung eigentlich eine Sensation, ein marktwirtschaftliches Totalversagen, von dem sich Chelsea nicht so schnell erholen dürfte. Ach, der Konjunktiv ist etwas für Fussballromantiker und nicht für Realisten.

Denn Chelsea wird Lukaku nicht vermissen. Wenn sie es für nötig halten, werden sie auch diesen Sommer wieder zig Millionen in einen neuen Stürmer investieren, der den ominösen Fluch der «Neun» bei Chelsea weiterführen darf. Fernando Torres, Radamel Falcao, Alvaro Morata, Gonzalo Higuain und zuletzt Romelu Lukaku, sie alle trugen bei Chelsea die 9 und konnten die Erwartungen nicht erfüllen.

epa03450700 Chelsea's Fernando Torres (R) is sent off by referee Mark Clattenburg during the English Premier League soccer match between Chelsea and Manchester United at Stamford Bridge, London, Britain, 28 October 2012. EPA/GERRY PENNY DataCo terms and conditions apply. http//www.epa.eu/downloads/DataCo-TCs.pdf
Auch Fernando Torres lief es bei Chelsea mit der 9 nicht nach Wunsch.
KEYSTONE

Der Fall Lukaku

Romelu Lukaku ist nur das neuste Beispiel der schrecklichen Misswirtschaft, welche viele Topklubs, speziell diejenigen aus der Premier League und der Primera División, betreiben. Der Fall Lukaku steht auch sinnbildlich dafür, was die reichen Klubs dabei falsch machen.

Im August 2011 überweist der FC Chelsea 15 Millionen Euro nach Anderlecht, um den damals 18-jährigen Romelu Lukaku ein erstes Mal zu verpflichten. In seiner ersten Saison macht Lukaku gerade mal 8 Premier-League-Spiele und bleibt dabei ohne Tor. In der Folge wird der Stürmer ausgeliehen. Erst zu West Bromwich (38 Spiele, 17 Tore, 7 Assists), dann zum FC Everton (36 Spiele, 16 Tore, 8 Assists).

Schliesslich übernimmt Everton den Stürmer 2014 für die Ablöse von 35,36 Millionen Euro. Lukaku reift zu einem der besten Stürmer der Premier League und im Sommer 2017 schlägt dann Manchester United zu. Diesmal beträgt die Ablöse schon 84,7 Millionen Euro. Nach einer ordentlichen Debüt-Saison bei den «Red Devils» (51 Spiele, 27 Tore, 9 Assists) ist man in der Folgesaison nicht mehr zufrieden mit dem neuen Spielzeug. Nur 15 Tore in 45 Spielen, das ist zu wenig für die Anforderungen von Manchester United.

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Folglich wird Romelu Lukaku zu Inter Mailand verkauft. 74 Millionen Euro sind den Mailändern die Dienste des Stürmers wert und das zahlt sich sowas von aus. In zwei Saisons macht Lukaku 95 Spiele für Inter und kommt auf die überragenden Werte von 64 Toren und 16 Assists. In seiner zweiten Saison führt er Inter zudem zum ersten «Scudetto» seit über einer Dekade. 

Nach diesen Leistungen ist sich Chelsea sicher: Den Mann, den wir schon mal verstossen hatten, den brauchen wir. Und wie holt man sich einen Spieler, den man unbedingt will? Genau, mit viel Geld. 113 Millionen Euro fliessen von England nach Italien, im Gegenzug ist Lukaku jetzt wieder ein «Blue». Und weil man sich dessen Qualitäten so sicher ist, kriegt der Stürmer gleich einen gut dotierten Vertrag bis 2026. Den damaligen Chelsea-Stürmer Tammy Abraham, der aus dem eigenen Nachwuchs stammt und seine Sache sehr gut macht, verkauft man im Gegenzug zur AS Roma.

Wieder in London angekommen, merkt Lukaku, dass er sich nun doch gar nicht so wohlfühlt in seiner neuen alten Heimat. In einem komplett missglückten und vom Verein nicht autorisierten Interview beklagt sich der Belgier über mangelnde Einsatzzeit und lässt alle wissen, dass er eigentlich gerne zu Inter zurückkehren möchte. Das wiederum verärgert Chelsea-Trainer Thomas Tuchel, er streicht Lukaku vor dem Spitzenspiel gegen Liverpool kurzerhand aus dem Kader.

Lukaku wird in den folgenden Wochen zwar begnadigt, ist aber offenbar nicht frei im Kopf und trifft nach seinem verhängnisvollen Interview in zehn Premier-League-Spielen in Serie nicht mehr. Und auch der Rest seiner Saison ist nicht so unwiderstehlich, wie es das Preisschild von 113 Millionen Euro erhoffen lassen würde.

LONDON, ENGLAND - SEPTEMBER 11: Romelu Lukaku of Chelsea celebrates after scoring their side's third goal during the Premier League match between Chelsea and Aston Villa at Stamford Bridge on September 11, 2021 in London, England. (Photo by Chris Lee - Chelsea FC/Chelsea FC via Getty Images)
Der Kuss auf das Wappen täuscht: Nachhaltig gross war Lukakus Liebe zu Chelsea dann doch nicht.
Chelsea FC via Getty Images

Nun scheint die Rückkehr von Romelu Lukaku zu Inter beschlossene Sache. Die «Nerazzurri» sind bereit, den Stürmer für ein Jahr auszuleihen, dafür ist eine Gebühr von 8 Millionen Euro (mit möglichen 4 Millionen Euro Boni) fällig. Weil Lukaku so ein Herzensspieler ist, sei er sogar bereit, eine Gehaltseinbusse von 33 Prozent in Kauf zu nehmen. Er verdient in Mailand nur noch 8 statt 12 Millionen Euro. Netto natürlich.

Und was macht Chelsea? Denen schwirren Namen wie Richarlison, Robert Lewandowski, Raheem Sterling oder Gabriel Jesus im Kopf herum. Irgendeinen neuen Stürmer werden sie schon finden. Das Geld ist ja schliesslich kein Problem.