Gut-Behrami: «Wahrscheinlich wird die Müdigkeit meine Karriere beenden»

pat

26.9.2021

Lara Gut-Behrami spricht über ihre bisherige Karriere und die Zukunft.
Bild: Keystone

In einem Interview mit «Le Temps» spricht Lara Gut-Behrami offen über ihre bisherige Karriere und die Schattenseiten im Spitzensport. Nicht alles ist Gold, was glänzt.

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26.9.2021

Gut-Behrami ritt im vergangenen Winter auf einer Erfolgswelle. An der WM in Cortina war sie die ganz grosse Figur, holte Gold im Riesenslalom und im Super-G sowie Bronze in der Abfahrt. Einzig die Krönung in Form des Triumphs im Gesamtweltcup blieb ihr vergönnt. Fährt sie in der neuen Saison in ihren Disziplinen ähnlich stark, wie im letzten Winter, so dürfte sie auch im Kampf um die grosse Kristallkugel nur schwer zu stoppen sein – mehr dazu hier.

Die 30-jährige Tessinerin kennt aber nicht nur die Sonnenseite des Geschäfts. Nach ihrem Kreuzbandriss im Jahr 2017 gab es viele Rückschläge und Enttäuschungen zu verdauen, nur noch selten stiess sie in die Spitzenränge vor. 2019 stand dann alles auf der Kippe, der Rücktritt wurde zum Thema: «Viele Leute haben mir geraten, aufzuhören. Irgendwie wäre es einfacher gewesen, alles einfach wegzuwerfen. Aufgeben oder alles ändern. Es erfordert Mut, weiterzumachen, wenn es nicht gut läuft, und überzeugt zu bleiben, dass man in die richtige Richtung geht. Ich lese keine Zeitungen und keine sozialen Netzwerke, daher weiss ich wohl nur zwei Prozent von dem, was alles gesagt wurde.»

«Ich bin glücklich in meinem Job, ja. Aber es ist mit Opfern verbunden, die mich, wie ich sagen muss, immer mehr belasten.»

Winner Lara Gut-Behrami of Switzerland poses with the crystal globe after the podium ceremony for the women's Super-G overall standings at the FIS Alpine Skiing World Cup finals, in Parpan-Lenzerheide, Switzerland, Thursday, March 18, 2021. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)

Lara Gut-Behrami

Im letzten Winter wurde sie reich belohnt für ihren unbändigen Willen. Was war der Schlüssel ihrer Wiederauferstehung? Vieles spielte sich zwischen den Ohren ab, ihre Einstellung zum Sport und zum Leben hat sich verändert. «Ich habe ein besseres Gleichgewicht gefunden. Ich bin meiner Familie näher gekommen. Ich habe meinen Mann kennengelernt. Ich habe mich mit meinem besten Freund aus Kindertagen wieder getroffen. Jetzt treibe ich Sport. Es ist nicht mehr der Sport, der mich auffrisst.»

Sie sei glücklich, wenn sie Ski fahre, aber auch wenn sie das Meer sehe oder Zeit mit ihrer Familie und ihrem Mann verbringe. «Ich bin glücklich in meinem Job, ja. Aber es ist mit Opfern verbunden, die mich, wie ich sagen muss, immer mehr belasten.» Mit 20 habe sie es noch toll gefunden, fünf Wochen nach Nordamerika zu gehen. Inzwischen ist das anders: «Nach einer Weile hat man genug von Flughäfen und Hotels. Ich würde gerne mehr Zeit zu Hause verbringen.»

Klingt im ersten Moment nicht so, als würde sie dem Skisport noch ewig erhalten bleiben. Gut-Behrami sagt dazu: «Wahrscheinlich wird die Müdigkeit meine Karriere beenden. Körperlich fühle ich mich gut. Auch in technischer Hinsicht. Ich höre auf, wenn mich die Lust auf etwas anderes überkommt. Das wird vermutlich innerhalb weniger Jahre sein.»