Griechisches WM-Silber

Die unfassbare Geschichte des AJ Ginnis 

zap/SDA

20.2.2023 - 06:45

Gisin über AJ Ginnis: «Grosses Kino vom Griechen»

Gisin über AJ Ginnis: «Grosses Kino vom Griechen»

Im Slalom konnten die Schweizer Athleten nicht überzeugen. Henrik Kristoffersen gewinnt vor AJ Ginnis und Alex Vinatzer. Ski-Experte Marc Gisin analysiert das Rennen.

19.02.2023

Henrik Kristoffersen stürmt in Courchevel von Platz 16 zu WM-Gold im Slalom. Die ganz grosse Geschichte des Rennens schreibt aber ein Grieche.

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20.2.2023 - 06:45

Ihn hatten nach dem ersten Lauf wohl nicht mehr allzu viele auf der Rechnung. Kristoffersens Rückstand auf die Bestzeit hatte zwar nur 91 Hundertstel betragen, doch Platz 16 war nicht Argument genug. Beim Werweissen um die möglichen Medaillengewinner fiel sein Name kaum mehr.

Doch das Drehbuch für den Final war ein anderes. Aus dem Statisten Kristoffersen wurde ein Hauptdarsteller. Er fuhr Bestzeit – und mit jedem Konkurrenten, der an seiner Vorgabe scheiterte, wurde seine Rolle tragender und wurde offensichtlicher, dass er mit seiner zweiten Fahrt etwas sehr Gutes gezeigt hatte.

Das sehr Gute war gut genug, um am Ende der Beste zu sein am WM-Schlusstag in Savoyen. Kristoffersen gewann zum zweiten Mal Gold an einer Weltmeisterschaft, nachdem ihm dies vier Jahre zuvor schon im Riesenslalom gelungen war. Kristoffersen mit dem Walliser Jörg Roten im Trainerstab machte auch seinen neuen Ausrüster zu einem Gewinner. Er sorgte für den ersten Titelgewinn auf Ski der Marke Van Deer und somit für einen weiteren Meilenstein in der noch jungen Geschichte des von Marcel Hirscher gegründeten Unternehmens. Edelmetall für die Firma des einstigen Dominators hatte es in Frankreich bereits im Team-Wettkampf gegeben. Kristoffersens Landsmann Timon Haugan war Teil des Quartetts, das die Silbermedaille gewann.

Standhafter Aussenseiter

Im Slalom am Sonntag brauchte es dieses sehr Gute von Kristoffersen im zweiten Lauf auch, um die ganz grosse Sensation zu verhindern, den ersten WM-Titel eines Alpinen aus Griechenland. Für die grossen Schlagzeilen sorgte AJ Ginnis trotzdem. WM-Platz 2 für einen Fahrer aus einem vorab als Destination für Strandferien und Kultur bekannten Land ohne Ski-Tradition – bis gestern unvorstellbar.

Ausgerechnet Ginnis vermochte als Einziger der Fahrer ganz vorne in der Zwischenrangliste seine Position zu verteidigen. Manuel Feller, der Führende? Rang 7. Lucas Braathen, zeitgleich mit Ginnis Zweiter? Gemeinsam mit Feller Rang 7. Linus Strasser, Vierter? Zusammen mit Ramon Zenhäusern Rang 9. Zwei Wochen nach seinem ersten Coup, als er im Weltcup-Slalom in Chamonix hinter Zenhäusern und vor Daniel Yule Platz 2 belegt hatte, schrieb Ginnis das noch grössere Ski-Märchen.

Griechenland, Österreich, USA

Der heute 28-jährige Alexandros Ioannis Ginnis, wie er mit vollem Namen heisst, kam in der Nähe von Athen als Sohn eines Griechen und einer Amerikanerin zur Welt. Sein Vater führte im Parnass-Gebirge in Zentralgriechenland eine Skischule, der Filius war von klein auf mit dem Alpin-Virus infiziert. Einen Teil seiner Jugend verbrachte Ginnis in Kaprun in Österreich, bevor die Familie in die USA übersiedelte. AJ war damals 15 Jahre alt. Er besuchte die Green Mountain Valley School in Waitsfield, Vermont, wo skisportliche Talente gefördert werden.

Talent hatte Ginnis. Bald war er Teil des Entwicklungsteams des nationalen Verbandes. Ginnis hatte aber auch sehr grosses Verletzungspech. Allein fünf schwere Havarien erlitt er im linken Knie, dazu gesellte sich der noch viel schwerere private Schicksalsschlag, als sein Vater an Herzversagen starb. Er verlor damit auch seinen grössten Förderer, und auf den Verlust folgte der Entscheid der Verbandsverantwortlichen, auf die Unterstützung des verletzungsanfälligen Ginnis zu verzichten.

Der Nationenwechsel

Im Sommer vor zwei Jahren nahm Ginnis einen Nationenwechsel vor. Seither geht er für Griechenland an den Start. Die Karriere als Aktiver seines Geburtslandes stand bald einmal unter einem schlechten Stern. Zwölf Monate nach der Rochade zog er sich einen weiteren Kreuzbandriss zu, diesmal im rechten Knie. Die vergangene Saison war für ihn gelaufen, bevor sie begonnen hatte.

Seine ersten Weltcup-Punkte sicherte sich Ginnis noch als Vertreter der USA. Im Dezember 2016, zwei Jahre nach seinem Debüt auf dieser Ebene, reichte es ihm im Slalom in Madonna di Campiglio zu Platz 26. Es sollte mehr als vier weitere Jahre dauern bis zum nächsten zählbaren Ergebnis. In Flachau überraschte er, nun als Grieche, mit Rang 11. Seither kamen nur noch zwei Klassierungen in den Punkte-Rängen dazu.

Das bisher letzte Mal war ebendieser Rang 2 in Chamonix. Mit Startnummer 45 hatte er sich vorerst auf Platz 23 vorgekämpft, um dann mit Bestzeit 21 Positionen gutzumachen – und für ein erstes dickes Ausrufezeichen zu sorgen.

Ginnis blieb trotz seines Vorstosses mitten in die Weltelite mit Blick auf den WM-Slalom ein Aussenseiter. Auf der Rechnung hatte ihn für diesen Sonntag kaum einer gehabt.

zap/SDA