Michelle Gisin: «Die Menstruation soll nicht länger tabuisiert werden»

SB10

28.11.2020 - 13:01

Michelle Gisin hat als Spitzensportlerin an vielen Fronten zu kämpfen – als Frau des Öfteren auch mit ihrem eigenen Körper.
Bild: Keystone

Jahrelang hat die Skirennfahrerin Michelle Gisin ihren Zyklus ignoriert. Die Olympiasiegerin erläutert, warum sie nun seit rund einem Jahr ihren Zyklus genau analysiert und sogar ihr Training darauf abstimmt. 

Der weibliche Zyklus ist im Leistungssport immer noch ein Tabuthema. Dabei ist es ein wichtiger Faktor, wie auch Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor im «Tages Anzeiger» kürzlich festhielt, als er die Häufung der Kreuzbandrisse analysieren musste: «Eine Frau, die ihre Periode hat, hat laut wissenschaftlichen Studien schwächere Bänder. Das müssen wir im Auge behalten».

Auch Michelle Gisin unterschätzte lange den Einfluss ihres Körpers: «Als junge Athletin konnte ich mehrmals meine Trainingseinheit nicht wie vorgesehen absolvieren, weil ich so starke Unterleibsschmerzen hatte. Heute weiss ich, dass ich damals ganz einfach die Zusammenhänge nicht kannte. Es war mir nicht bewusst, welche Auswirkungen der Zyklus auf meine Leistungsfähigkeit als Spitzensportlerin hatte. Klar, starke Menstruationsbeschwerden kenne ich schon lange, einen Zusammenhang mit meinem Leben als Skirennfahrerin stellte ich damals jedoch nicht her», so die 27-Jährige in einem Blogbeitrag bei «Swiss Olympics».

«Wenn ich mich müde fühlte, sagte ich mir: ‹Dann musst du dich heute aber besonders anstrengen.› Und das machte ich dann auch. Ich ging an diesen Tagen absichtlich ans Limit, wollte die Leistungsfähigkeit erzwingen. Vor allem im Kraftraum wurde das deutlich. Ich machte sogar mehr Wiederholungen als geplant und versuchte, extra noch mehr Gewicht zu stemmen. Ich arbeitete gegen meinen Körper und unterdrückte oder überhörte dessen Signale.»

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Michelle Gisin muss oft an ihre Grenzen gehen.
Bild: Keystone

Positives Fazit – und Wünsche für die Zukunft

Der Preis dafür seien heftige Bauchkrämpfe gewesen, meint die Obwaldnerin. Nach einem Interview mit der ehemaligen Snowboarderin Ursina Haller machte sie einen Sinneswandel durch. Seit rund einem Jahr verfolge sie einen anderen Ansatz: «Ich will mit meinem Körper arbeiten und nicht gegen ihn. Deshalb analysiere ich seither den Verlauf meines Zyklus genau. Ich sammle quasi Daten und werte diese mit meinen Betreuungspersonen aus.»

Bisher mit einem positiven Fazit: «Mein Eindruck ist, dass ich noch mehr aus den einzelnen Einheiten rausholen kann als in den Jahren zuvor. Und dass ich mich vor allem vor und während der Mens viel besser fühle. Das Wissen über meinen Zyklus trägt bei zum Blick auf das grosse Ganze als Spitzensportlerin.»

Sie sei über sich selbst erstaunt, warum sie erst so spät sich mit dem Thema intensiver beschäftigte: «Es wird sehr wenig darüber gesprochen. Das kann damit zu tun haben, dass in unserer Sportart Ski alpin die meisten Trainer und Betreuungspersonen männlich sind.» Doch dies sei sicher nicht der einzige Grund, schliesslich sei es auch in Sportarten mit einem höheren Frauenanteil ähnlich.

Auch sei nach Gesprächen mit ihren Trainern rasch gehandelt worden, schliesslich sei eine Leistungssteigerung auch in ihrem Interesse. Der Verband helfe ebenfalls, hält sie fest. Ihr Traum ist klar: «Diese Punkte sollen künftig ein ganz natürlicher Teil in der Trainingsplanung sein und die jüngeren Sportlerinnen sollen von diesem offeneren Umgang profitieren können. Der Zyklus und die Menstruation sollen nicht länger tabuisiert werden.»

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