Statt einer Abschiedssaison mit dem Höhepunkt bei den Olympischen Spielen unweit ihres Wohnorts in Italien droht Lara Gut-Behrami das abrupte Karriereende. Die Tessinerin stürzt im Super-G-Training in Nordamerika, eine schwere Knieverletzung steht im Raum.
Lara Gut-Behrami ist am Donnerstag im Super-G-Training in Copper Mountain, Colorado, schwer gestürzt. Erste Abklärungen vor Ort deuten auf eine Verletzung am linken Knie hin, wie Swiss-Ski am Freitag mitteilt. Gemäss «Blick» soll sich die zweifache Gesamtweltcup-Siegerin beim Sturz eine Gehirnerschütterung zugezogen haben, ausserdem wird ein möglicher Kreuzbandriss und ein Meniskusschaden befürchtet.
Rainer Salzgeber, Rennchef von Gut-Behramis Ausrüster Head, hat ein Video des Sturzes gesehen und kennt die Details. Die 48-fache Weltcupsiegerin sei bei einer Bodenwelle mit der Hand an einem Tor hängengeblieben. «Danach überschlug sie sich. Ein kapitaler Sturz, wie man ihn auch bei anderen Athleten schon gesehen hat. Es war heftig», schildert Salzgeber dem «Blick».
Die Olympiasiegerin im Super-G werde so rasch wie möglich von Nordamerika in die Schweiz zurückkehren, um umfassende medizinische Untersuchungen durchführen zu lassen, heisst es in der Medienmitteilung von Swiss-Ski. Zum Ausmass der Verletzung werde erst nach diesen Untersuchungen eine Aussage möglich sein.
Sollten sich die Mutmassungen über eine schwere Knieverletzung bestätigen, wäre das für Gut-Behrami wohl gleichbedeutend mit dem Karriereende. Die 34-Jährige hat schon vor längere Zeit angekündigt, nach dieser Saison zurückzutreten. In ihrer Karriere gewann Gut-Behrami zweimal den Gesamtweltcup, Olympia- und WM-Gold sowie 48 Weltcup-Rennen.
Wieder das linke Knie
Es wäre nicht das erste Mal, dass Gut-Behrami die Schattenseiten des Skirennsports kennenlernt. Ihr linkes Knie war schon einmal von einer schweren Verletzung betroffen. An der Heim-WM 2017 in St. Moritz hatte sie sich beim Einfahren für den Kombinations-Slalom einen Riss des vorderen Kreuzbandes und eine Meniskus-Verletzung erlitten.
Dies war jedoch nicht ihre erste grosse Verletzung. Zuvor hatte Gut-Behrami die komplette Saison 2009/10 verpasst, nachdem sie in der Vorbereitung im Riesenslalom-Training in Saas-Fee nach einem Innenskifehler schwer gestürzt und sich eine Luxation an der rechten Hüfte zugezogen hatte.
Vorbild der Achtsamkeit
Die nun drohende Zwangspause trifft eine Athletin, die in den vergangenen Jahren wie kaum eine andere gelernt hat, auf ihren Körper zu hören. «Das Risiko ist zu hoch. Ich will nicht, dass eine Verletzung meine Karriere beendet», hatte Gut-Behrami im Oktober 2024 gesagt, als sie sich in Sölden nach dem Einfahren kurzfristig gegen einen Start entschied. Damals waren viele Kleinigkeiten zusammengekommen – Knieprobleme, eine Grippe, mentale Müdigkeit. Es brauchte Mut, als Vorjahressiegerin zurückzuziehen und offen einzugestehen, sich nicht bereit zu fühlen.
Für Gut-Behrami war dieser Schritt Teil eines Lernprozesses: zu akzeptieren, dass im Spitzensport nicht immer alles möglich ist. «Es war ein Schlüssel, um langfristig Erfolge zu feiern, denn es half mir, im Kopf gesund zu bleiben», sagte sie rückblickend. Dass es nun ausgerechnet sie trifft, die ihre Grenzen so bewusst wahrnimmt und sich sonst konsequent schützt, verleiht dem Sturz in Colorado zusätzliche Tragik.
Mit Podestplatz gestartet
Ihre letzte Saison war für Gut-Behrami gut angelaufen. Ende Oktober beim Weltcup-Start in Sölden fuhr die 48-fache Weltcup-Siegerin im Riesenslalom als Dritte auf Podest. Nun wollte sie sich bei optimalen Bedingungen in Nordamerika auf den Speed-Auftakt in der zweiten Dezember-Woche in St. Moritz vorbereiten.
Vor den zwei Abfahrten und einem Super-G im Engadin macht der Frauen-Weltcup allerdings noch in Copper Mountain, Colorado, und im kanadischen Tremblant Halt. An diesen zwei Stationen hätten für Gut-Behrami total gleich drei Riesenslaloms auf dem Programm gestanden.