Vor eineinhalb Jahren erfüllte sich Christian Fassnacht den Traum England. Dort wurde er allerdings mit einer harten Realität konfrontiert. Mit blue Sport redet der YB-Rückkehrer über seine Erfahrungen auf der Insel.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Nach anderthalb Jahren in England ist Christian Fassnacht zurück bei YB. Mit blue Sport spricht der 19-fache Nati-Spieler über seine Zeit in Norwich und die Rückkehr nach Bern.
- Nach gutem Start wurde es für Fassnacht schwierig in Norwich. «Es ist schon so: Auf den kleinen Schweizer hat niemand gewartet», sagt er. «Und man hat als Schweizer vielleicht noch ein bisschen mehr Schwierigkeiten.»
- Irgendwann sei klar gewesen, dass sich die Wege trennen müssen: «Ich merkte, dass ich in einer Situation bin, die ich nicht mehr beeinflussen kann», so der 31-Jährige.
Es ist ein Comeback, das bei den Fans der Berner Young Boys und ihm selbst für romantische Gefühle sorgt: Christian Fassnacht (31) trägt eineinhalb Jahre nach seinem Abgang nach England zu Norwich wieder das gelb-schwarze Dress – und gleich in seinen ersten drei Spielen traf er zweimal. Die Berner errangen dabei die ersten drei Siege der Rückrunde und die ersten unter Neu-Trainer Giorgio Contini (51). Der Meister kommt ins Rollen – auch dank Fassnacht.
Hinter dem Offensivmann liegt allerdings auch eine lehr- und entbehrungsreiche Zeit. «Fasi», in Bern beliebt und erfolgreich, musste sich in der Championship durchbeissen, der knochenharten zweiten englischen Liga. Land, Leute, Kultur und Sprachen waren neu – und er noch ein unbeschriebenes Blatt.
«Es ist schon so: Auf den kleinen Schweizer hat niemand gewartet», sagt Fassnacht. «Und man hat als Schweizer vielleicht noch ein bisschen mehr Schwierigkeiten.» Klischees spielen dabei eine Rolle, wie er glaubt: «Man ist der liebe Schweizer, man kommt aus einem kleinen Land. Das macht das Business im Ausland knüppelhart», sagt Fassnacht.
«Ich bin wohl der Bilderbuchschweizer»
Dazu kam, dass Fassnacht tatsächlich vieles verkörpert, was man Schweizern im Ausland zuschreibt – besonders das zurückhaltende Naturell. «Ich bin wohl in dieser Hinsicht ein bisschen der Bilderbuchschweizer», sagt er. Nach dem Prinzip: «Man leistet zuerst, bevor man den Mund aufmacht», so Fassnacht.
«Manchmal wäre es besser, etwas forscher zu sein. Aber das ist meine Persönlichkeit.» Das äussere sich auch neben dem Rasen: «Ich bin auch privat nicht der, der sagt: Hey, da bin ich jetzt, hört mir zu, ich bin der Chef.» Auch wenn er bleibe, wie er sei, habe er in England viel mitgenommen, sagt Fassnacht. «Ich habe sehr viel lernen und mich weiterentwickeln können.»
«Irgendwann gabs den Negativ-Cut»
Trotz seines eher zurückhaltenden Naturells: Fassnacht machte 50 Pflichtspiele, war in der ersten Saison Stammkraft. Und er schoss sechs Tore, das erste schon im zweiten Liga-Spiel. Fassnacht kam beim Auswärtsspiel in Southampton als Joker – und schoss das Tor zum 4:3 (Endstand: 4:4).
«Das war unglaublich. Auch noch direkt vor dem Gastsektor. Da habe ich gezeigt, dass ich da bin, dass der kleine Schweizer doch etwas kann», so Fassnacht. Und: «Es fing allgemein sehr gut an. Ich schoss auch schon im ersten Testspiel ein Tor.» Irgendwann aber ging es abwärts. «Das ist im Rückblick das Verwirrende für mich: Der Start war optimal, und plötzlich gabs einen Negativ-Cut», so Fassnacht.
Viel kam in kurzer Zeit zusammen: Fassnacht plagten Verletzungen, vor allem an der Achillessehne. Trainer David Wagner, der ihn von YB kannte, wurde gefeuert. Das Team geriet in eine Negativspirale. Plötzlich wurden ihm andere vorgezogen – auch jüngere Spieler. Fassnacht sagt: «Irgendwann habe ich gemerkt, dass es komisch wird. Ich war nicht mehr im Aufgebot. Und ich tat mich schwer, das einzuordnen.»
«Mit Wagner ging etwas kaputt»
Mit dem Abgang von Wagner habe das aber nichts zu tun gehabt. Im Gegenteil: «Ich habe die Zeit mit Dave sehr geschätzt und ihn als Menschen sowieso. Aber irgendwann kam der Moment, als rein in der Beziehung Trainer/Spieler etwas kaputt ging und ich froh war, dass etwas Neues kommt.»
Der neue Trainer hiess Johannes Thorup und hatte andere Pläne – er forcierte auch auf Betreiben des Klubs die Jugend. Zudem war Fassnacht im Herbst 2024 oft verletzt. Das Momentum war nicht auf seiner Seite, zumal sein Vertrag im Sommer ausgelaufen wäre.
Vor Weihnachten dann gabs Gespräche. Fassnacht sagt: «Ich merkte, dass ich in einer Situation bin, die ich nicht mehr beeinflussen kann.» Schliesslich bahnte sich die Rückkehr zu YB an, die nun alle glücklich macht.
Als gescheitert sieht sich Fassnacht trotz des vorzeitigen Abgangs aber nicht. «Wenn man alles Revue passieren lässt, merkt man: Ich habe 50 Pflichtspiele gemacht, habe meine Tore geschossen, wir haben den Aufstieg nur knapp in den Playoffs verpasst. Und ich war lange Stammspieler. Ich glaube, gescheitert ist anders.»
Am Samstagabend trifft Fassnacht mit den Young Boys auswärts auf Schlusslicht Winterthur. blue Sport überträgt die Partie live, Anpfiff ist um 20.30 Uhr.
Sa 15.02. 20:15 - 23:10 ∙ blue Sport Live ∙ UHD HDR FC Winterthur - BSC Young Boys
Event ist beendet