Sechs Jahre nach dem Abstieg in die Challenge League krönt sich der FC Thun als Aufsteiger zum Schweizer Fussball-Meister! blue Sport blickt auf den Weg der Berner Oberländer zurück.
Mai 2020: Der Abstieg
Der 10. August 2020 ist für den FC Thun ein schwarzer Tag. Ein 4:3-Heimsieg im Barrage-Rückspiel gegen den FC Vaduz reicht den Berner Oberländern nicht zum Ligaerhalt. Thun steigt nach 10 Jahren aus der Super League ab und muss den Gang in die Challenge League antreten.
Am nächsten Tag ruft der damalige Präsident Markus Lüthi den Sportchef Andres Gerber an. Er erklärt ihm, dass er nicht mehr könne. Der ewige Kampf um das finanzielle Überleben hat Lüthi zugesetzt, für den Neustart in der Challenge League reicht die Kraft nicht mehr. Als Gerber das hört, kommen ihm die Tränen, wie er im Podcast «Anderi Liga» erzählt: «Da dachte ich: Jetzt ist alles kaputt, den FC Thun gibt es nicht mehr.»
Denn Lüthi ist nicht der Einzige, der sich verabschiedet. Zahlreiche Leistungsträger suchen neue Herausforderungen, und nach nur einem Punkt aus drei Runden in der Challenge League tritt auch Trainer Marc Schneider zurück.
Gerber bleibt als fast Einziger zurück und kämpft als neuer Präsident ums Überleben des Klubs. Er versucht händeringend, Investoren zu finden und die Fans trotz Zweitklassigkeit ins Stadion zu locken. Als «Hardcore-Praktikum» bezeichnet Gerber diese Zeit heute. Dass schliesslich Leute gefunden werden, die an das Projekt glauben, verbucht er als seinen grössten Verdienst.
Barrage-Frust und Bernegger-Trennung
Als Nachfolger von Schneider übernimmt Carlos Bernegger das Traineramt und führt die Thuner in der Abstiegs-Saison hinter GC auf Platz 2 – und damit in die Barrage. Mit dem sofortigen Wiederaufstieg will es für Thun aber nicht klappen. In der Barrage geht das Team von Bernegger gegen den FC Sion im Hinspiel mit 1:4 unter und fängt sich so eine zu grosse Hypothek ein – auch wenn der Unterklassige das Rückspiel auswärts mit 3:2 für sich entscheiden kann. «Es ist eine grosse Enttäuschung», räumt Bernegger ein.
Die noch grössere Enttäuschung ist dann aber das Abschneiden in der anschliessenden Saison. Mit nur 17 Siegen aus 36 Spielen landen die Thuner auf Tabellenplatz 5, worauf Bernegger den Klub wegen «unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich der Umsetzung der Spielphilosophie» verlässt. Sein Nachfolger: Mauro Lustrinelli.
Start in die Lustrinelli-Ära
Mit «Lustrigol» an Bord läuft es dem FCT aber nicht auf Anhieb besser. In der ersten Saison unter dem Tessiner holt sein Team aus den 36 Spielen gar nur 12 Siege und landet auf dem enttäuschenden 6. Schlussrang. Dennoch hält man an Lustrinelli fest – und wird dafür belohnt.
In der Saison 2023/24 meldet sich Thun im Aufstiegskampf zurück. Mit nur 6 Niederlagen und 76 Punkten aus 36 Spielen spielt Lustrinellis Team eine ganz starke Saison. Weil der FC Sion allerdings noch drei Zähler mehr ergattert, verpassen die Thuner den direkten Aufstieg und müssen erneut in die Barrage.
Diesmal trifft der FCT in den beiden Relegationsspielen auf die Grasshoppers und bietet dem Oberklassigen in beiden Partien Paroli. Im Hinspiel ist Thun gar lange auf Siegeskurs, ehe GCs Morandi in der 97. Minute per Penalty noch zum Ausgleich trifft. Im Rückspiel deutet alles auf eine Verlängerung hin – bis die Hoppers erneut in der Nachspielzeit zuschlagen. Asumah Abubakar erlöst GC mit seinem 2:1-Siegtreffer – und lässt die Thuner Aufstiegshoffnungen platzen. Vorerst.
Mai 2025: Der Aufstieg ist perfekt
Ein Jahr später ist es geschafft! Fünf Jahre nach dem Abstieg macht der FC Thun die Rückkehr in die oberste Liga schon am viertletzten Spieltag perfekt – mit einem 2:1-Heimsieg gegen Verfolger Aarau. Der Jubel nach dem Schlusspfiff in der Stockhorn Arena kennt keine Grenzen und Präsident Andres Gerber ist im Interview mit blue Sport den Tränen nah: «Es ist eine Riesengenugtuung. Wir waren wirtschaftlich wie sportlich vor dem Tod. Aber wir haben gekämpft und überlebt. Es ist wie in einem Traum.»
Ein Aufsteiger auf Meisterkurs
Als Aufsteiger verblüfft Thun in dieser Saison die Super League. Am 23. Spieltag reist der Tabellenführer mit 8 Punkten Vorsprung auf die Konkurrenz nach Genf und schlägt da Servette mit 3:1. Kein Wunder, muss Andres Gerber immer mehr Fragen zu einem möglichen Meistertitel beantworten. Und er gibt im Gespräch mit Manuel Rothmund zu: «An Meisterprämien haben wir gar nicht gedacht.»
Der erste Meistertitel
Am 3. Mai 2026 ist das Thuner Märchen vollendet. Viele der Meister-Helden sind zum Klub gestossen, um hier einen neuen Anlauf zu starten. Exemplarisch dafür steht Elmin Rastoder, der sich bei GC nicht durchsetzen konnte und ablösefrei zum FC Thun wechselte, wo er zum Topskorer wurde. Auf dem Portal «Transfermarkt» hat sich Thuns geschätzter Kaderwert von 9,1 Millionen Euro beim Saisonbeginn auf aktuell 22,4 Millionen Euro erhöht.
Während sich die Konkurrenz fragen muss, wie es passieren konnte, dass ein Aufsteiger mit einem vermeintlich einfachen Spielsystem die ganze Liga düpieren konnte, können es die Thuner nun geniessen. Sie haben gezeigt, dass Erfolg nicht erkauft werden muss, sondern mit Mentalität und Teamgeist erreicht werden kann.