Giorgio Contini trat erstmals seit seinem Ende als YB-Trainer an die Öffentlichkeit. Er redete dabei über sein Aus in der Hauptstadt – aber längst nicht nur.
Vorne sass er, gelassen, souverän, keineswegs schlecht gelaunt, im dunkelgrünen Hemd. Giorgio Contini trat erstmals ins Licht der Öffentlichkeit, seit ihn die Berner Young Boys Ende Oktober seines Amtes enthoben. Er tat es im Rahmen der Präsentation des Buches «Mensch Fussballstar» von Andreas Böni. Der blue Sport Chefredaktor sprach mit Contini und dem langjährigen Moderatoren und Kommentatoren Dani Wyler in der Buchhandlung Orell Füssli in Wil über die Abgründe und die Schattenseiten der Glamourwelt Fussball.
Wer hätte da besser gepasst als Contini, der seit 20 Jahren Trainer ist und seither so vieles erlebt hat: Siege, Niederlagen, Aufstiege, aber auch Entlassungen wie soeben in Bern? Contini wirkte keinesfalls geknickt, sondern aufgeräumt. Einer, der weiss, dass jeden Trainer das Schicksal einer Entlassung irgendwann trifft – ausser, er möge Ferguson, Klopp oder Guardiola heissen.
Gleichwohl sagte Contini auch offen: «Die Entlassung bei YB tut sehr weh.» Man wisse zwar, dass eine Entlassung ein Berufsrisiko sei, und doch sei sie auch eine persönliche Niederlage. «Man fragt sich natürlich auch, was man falsch gemacht hat», sagt Contini.
Nach einer persönlichen Analyse kam er jedoch zum Schluss, dass die Entlassung in Bern nicht zwingend selbstverschuldet gewesen sei, sondern mit Entscheidungen zu tun gehabt habe, die er nicht direkt habe beeinflussen können. Welche Entscheidungen er meinte, sagte er nicht. Schliesslich hat der Trainer auch noch einen Vertrag bis 2027 in Bern.
Der Sportchef und die Taktiktafel
Contini erzählte überdies, dass er ein Tagebuch führe, in dem er Erkenntnisse notiere: positive, negative, rein analytische. Das helfe, die eigene Arbeit zu beurteilen und aus der Distanz zu betrachten.
Und er erzählte, was ein Trainer fühlt, der ständig exponiert ist und dessen Arbeit unentwegt bewertet wird – von Fans, Medien, aber auch der nackten Tabelle. «Der ständige Druck von verschiedenen Seiten kann einen als Trainer, aber auch Menschen verändern.» Andreas Böni sprach dabei vom Trainer als «Einzelkämpfer».
Ein Trainer kann sich auch mal ohnmächtig und einsam fühlen. Das weiss auch Contini. So kann es schon mal vorkommen, dass ein Sportchef die Tafel hervorholt und vor dem Trainer über Taktik doziert. «Das kann demütigend sein und wie Mobbing wirken», sagt der Trainer.
Contini beteuerte allerdings, dass er darauf verzichte, Medien zu konsumieren, klassische wie auch soziale. Wohl nicht nur mangels Interesse, sondern auch aus Selbstschutz.
Böni zitierte danach aus einem Kapitel seines Buches, in dem der frühere Nati-Trainer Ottmar Hitzfeld über seine Depressionen sprach. Passagen, die nicht nur Contini beeindruckten.
Kritik an der Trainerausbildung
Und doch: Aufhören? Aufgeben? Nein. Zu sehr liebt Contini den Fussball, seinen Job. «Er ist schliesslich meine Passion», sagte er. Negative Aspekte müsse man da halt bewältigen. «Jetzt geht es für mich auch darum, noch mehr Abstand zu gewinnen.» Danach will der frühere Trainer von Vaduz, St. Gallen, Lausanne und GC wieder angreifen. Wichtig sei dabei das Umfeld. Contini sagt: «Es ist auch wichtig, dass man Freunde ausserhalb des Fussballs hat.»
Einen konkreten Verbesserungsvorschlag lieferte Contini auch noch – und zwar für die Trainerausbildung. Die stelle den Spieler primär als Fussballer, überspitzt gesagt als Schachfigur dar, zu wenig als Menschen. Ein grosses Versäumnis für Contini. «Es fehlt uns Trainern in der Schweiz die psychologische Ausbildung.»