Der Artikel von blue News über kollektive Straftrainings bei den FCZ-Junioren schlägt hohe Wellen. Auch Ex-FCZ-Nachwuchschef Heinz Russheim und Ex-Talentmanager Ivano Sicuro halten nicht mit Kritik zurück.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Bei den FCZ-Junioren wird nach Niederlagen mit kollektiven Straftrainings gearbeitet. Dies bestätigt auch der FC Zürich selbst, der von Winnermentalität schreibt und erklärt, man wolle damit die Resilienz der jungen Spieler stärken.
- Der ehemalige FCZ-Nachwuchschef Heinz Russheim reagiert auf den Artikel von blue News und schreibt auf LinkedIn, dass es bedauerlich sei, dass es immer weniger Menschen gebe, die sich gegen Unrecht und klare Grenzüberschreitungen auflehnen.
- Der ehemalige FCZ-Talentmanager Ivano Sicuro kommentiert: «Resilienz entsteht nicht durch Druck oder Demütigung, sondern durch Vertrauen, Haltung und Vorbilder, die Stärke vorleben statt Macht demonstrieren.»
blue News macht am Mittwoch publik, dass beim FCZ-Nachwuchs mit kollektiven Straftrainings gearbeitet wird. Die Teenager müssen nach Niederlagen intensive Laufeinheiten absolvieren. Je höher die Pleite, desto mehr muss gerannt werden. Verliert eine FCZ-Nachwuchsmannschaft mit drei oder mehr Toren, muss sie sogar am spielfreien Sonntag für Strafläufe antraben.
Andy Benz, langjähriger Erziehungswissenschaftler und im Bildungsrat des Kantons St. Gallen, sagt dazu: «Kollektive Straftrainings sind ein No-Go, besonders in der Jugendabteilung». Eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit könne damit nicht erreicht werden, so Benz weiter. «Sie sind unverhältnismässig und kontraproduktiv.»
Der FC Zürich liess blue News eine schriftliche Stellungnahme zukommen. Darin steht: «Es stimmt, dass wir im Rahmen von temporären Zusatztrainings die Winnermentalität und die Resilienz der jungen Spieler stärken wollen. Es ist wichtig zu wissen, dass es im Gegenzug bei guten Leistungen auch immer wieder Belohnungen wie gemeinsame Teamessen, freie Tage oder Regenerationswochen gibt.» Die Teams der Frauen-Abteilung des FCZ sind von diesen temporären Zusatztrainings nicht betroffen.
Verschleierung von inakzeptablen Zuständen?
Der Artikel hat in der Szene hohe Wellen geschlagen. So schreibt der ehemalige FCZ-Nachwuchs-Chef Heinz Russheim auf LinkedIn: «Wer immer diese Stellungnahme abgegeben hat, sollte sich bewusst sein, dass er aktiv diese sehr tiefe pädagogische Niveaustufe unterstützt und sich an der zumindest fragwürdigen Legalität beteiligt.»
Weiter schreibt Russheim, dass es Fakt sei, dass aktive Trainer und Spieler diese «temporären Zusatztrainings» in keiner Weise als solche identifizieren, sondern als «Massregelung durch schwache Persönlichkeiten» taxieren. Zudem könne niemand bestätigen, dass gute Leistungen, wie vom FCZ geschrieben, belohnt werden. Diese Aussage sei von verschiedenen Leuten als «Lüge» abgetan worden und sei wohl zur Verschleierung der inakzeptablen Zustände entstanden.
Für Russheim ist es verständlich, dass sich Eltern und Spieler in Anbetracht einer möglichen Profikarriere nicht trauen, sich zur Wehr zu setzen. Ebenso verständlich sei es, dass kein Trainer, Stufen- oder Bereichsleiter den Mut habe, diesen Beitrag zu liken, zu gross sei die Angst identifiziert zu werden: «Gleichzeitig ist es sehr bedauerlich, dass es immer weniger Menschen gibt, die sich gegen Unrecht und klare Grenzüberschreitungen auflehnen.»
Russheim nimmt dann auch die Trainer, Stufen- oder Bereichsleiter in die Verantwortung: «Wer sich nicht wehrt, heisst solche Anordnungen gut, macht sich indirekt zum mitschuldigen Mittäter. Die Leidtragenden der mangelnden Zivilcourage sind die Spieler und Mit-Funktionäre.» Sich zur Wehr setzen habe nichts mit Loyalität gegenüber Vorgesetzten zu tun, es würde lediglich bedeuten, dass Werte nicht nur grossspurig erzählt, sondern wirklich gelebt und verteidigt würden, so Russheim. Sich standhaft zu wehren, wäre ein klares und mutiges Zeichen gegen Unterdrückung und Angstmacherei. Dass in diesem Umfeld der Verlust der «Traum»-Stelle der zu bezahlende Preis darstellen könnte, sei selbstredend: «Autoritäre Gefüge tolerieren in der Regel keine Widerrede, Kritiker könnten konsequent ausgemerzt werden.»
Ex-Talentmanager: Verantwortung mit Macht verwechseln
Auf den Beitrag von Russheim reagiert auch der ehemalige FCZ-Talentmanager Ivano Sicuro. Er schreibt: «Man kann vieles schönreden, sogar Straftrainings. Neu heisst das dann Resilienzförderung oder Stärkung der Winnermentalität.»
Sicuro ergänzt zudem, dass Resilienz seiner Meinung nach nicht durch Druck oder Demütigung entstehe, sondern durch Vertrauen, Haltung und Vorbilder, die Stärke vorleben statt Macht demonstrieren. Der grösste Fehler in diesem Spiel sei es, Verantwortung mit Macht zu verwechseln.