Hoher Flug, tiefer Fall? Vorsicht, FC Thun: Die Gefahren des sensationellen Meistertitels

Jan Arnet

8.5.2026

Grosse Gefahren nach dem Titel? Thun-Präsident Gerber hat keine Angst

Grosse Gefahren nach dem Titel? Thun-Präsident Gerber hat keine Angst

03.05.2026

Der sensationelle Meistertitel des FC Thun bewegt die Leute. Aber Achtung: Nicht nur das Beispiel von Leicester City zeigt, wie schnell ein Klub nach dem Coup fallen kann. Was sagt Thun-Präsident Andres Gerber dazu?

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Manuel Rothmund, Jan Arnet

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Meistertitel ist für den FC Thun ein Meilenstein. Doch die eigentliche Arbeit beginnt jetzt. Die Gefahren lauern in jeder Transferperiode und jeder Vertragsverhandlung.
  • Die Beispiele von Leicester und Kaiserslautern zeigen: Erfolg kann trügerisch sein. So manch ein Vereinsverantwortlicher verlor den Kopf und sah sich plötzlich im Geschäft der Grossen mitspielen.
  • Thun-Präsident Andres Gerber ist sich den Gefahren bewusst, glaubt aber nicht, dass im Berner Oberland die Erwartungen jetzt ins Unermessliche steigen. «Wir bleiben am Boden», sagt er.

Der FC Thun hat Historisches geschafft. Als Aufsteiger holt das Team von Mauro Lustrinelli den Meistertitel. Kleines Budget, grosser Teamgeist! Fussballromantikern kommen die Tränen. Eine Geschichte, wie sie der Schweizer Fussball noch nie geschrieben hat.

Doch der Blick in die Vergangenheit und auf einige Beispiele zeigt: Auf den Höhenflug kann ein tiefer Fall folgen. Das hat auch der FC Thun schon selbst erlebt.

1. FC Kaiserslautern

1998 wurden die Pfälzer als Aufsteiger, wie der FC Thun, Meister. Unter Trainer Otto Rehhagel und Captain Ciriaco Sforza schrieb der Klub Fussballgeschichte.

Danach wollte der Verein oben bleiben. Es wurde viel Geld investiert. Teure Transfers. Hohe Gehälter. Spieler wie der französische Weltmeister Youri Djorkaeff spielten für «die roten Teufel». Kurzfristig ging das gut. 1999 erreichte Kaiserslautern das Viertelfinale der Champions League, 2001 das Halbfinale im UEFA-Cup.

Ciriaco Sforza stemmt 1998 die Meisterschale in die Höhe.
Ciriaco Sforza stemmt 1998 die Meisterschale in die Höhe.
Keystone

Doch wirtschaftlich wurde es immer enger. Die Ausgaben stiegen. Die Einnahmen hielten nicht Schritt. Um die Jahrtausendwende dann war das Konstrukt nicht mehr zu finanzieren. Skandale kamen hinzu. So sollen Steuern in zweistelliger Millionenhöhe am Finanzamt vorbeigeschleust worden sein.

2000 übernahm der Schweizer René C. Jäggi das Ruder. Er sollte retten, was noch zu retten war. Doch die Probleme waren bereits zu gross. Schulden und Chaos bereiteten dem roten Teufel auf dem Betzenberg Kopfzerbrechen.

2003 stand der Klub kurz vor der Insolvenz. Nur harte Sparmassnahmen verhinderten den Kollaps. Das Stadion wurde verkauft. Der Verein überlebte, aber mit ungewisser Zukunft.

René C. Jäggi tröstet die Kaiserslautern-Profis nach dem Abstieg aus der Bundesliga.
René C. Jäggi tröstet die Kaiserslautern-Profis nach dem Abstieg aus der Bundesliga.
Keystone

2006 folgte der Abstieg aus der Bundesliga. Später ging es bis in die 3. Liga. Der Meister von 1998 wurde zum Sanierungsfall. Mittlerweile spielt der 1. FC Kaiserslautern in der 2. Bundesliga und scheint auf dem Weg der Besserung.

Leicester City

2016 gewann der Klub völlig überraschend die Premier League. Ein Wunder. Das kleine Leicester zeigte es den Goliaths der Liga. In der Saison zuvor fast abgestiegen, flog man nun förmlich durch die Premier League.

Doch auch hier folgte der schleichende Niedergang. Nach dem Titel investierte der Klub massiv. Ziel war es, dauerhaft im Konzert der grossen Vereine aus Manchester, Liverpool und London mitzuspielen. Doch viele Transfers funktionierten nicht und Schlüsselspieler der Meistersaison wie Mahrez oder Kanté wurden verkauft. Nicht zu vergessen, auch der Schweizer Gökhan Inler war Teil dieser Meistermannschaft.

Claudio Ranieri führte Leicester City 2016 sensationell zum Meistertitel.
Claudio Ranieri führte Leicester City 2016 sensationell zum Meistertitel.
Keystone

2018 überschattete ein Unglück die Vereinshistorie. Bei einem Helikopterabsturz unweit des Leicester-City-Stadions kamen sechs Menschen ums Leben. Unter den Opfern war auch der Eigentümer des Premier-League-Klubs, Vichai Srivaddhanaprabha (61).

2021 ein letzter Höhepunkt in der jüngeren Vereinsgeschichte. Leicester City wurde FA-Cup-Sieger. Dieser Erfolg täuschte jedoch über die allarmierende Situation Hinweg.

Zwei Jahe später stieg der Verein aus der Premier League ab. Es gelang zwar die sofortige Rückkehr in die oberste Spielklasse, doch in der vergangenen Saison reichte es nur zu sechs Siegen in 38 Spielen. Der erneute Gang in die Zweitklassigkeit folgte.

«3 Abstiege in 4 Jahren – Schämt euch!»: Die hohen Erwartungen der Leicester-Fans konnten nicht erfüllt werden.
«3 Abstiege in 4 Jahren – Schämt euch!»: Die hohen Erwartungen der Leicester-Fans konnten nicht erfüllt werden.
Keystone

Die Talfahrt war allerdings noch nicht zu Ende. Jetzt steigt Leicester City in die Drittklassigkeit ab. Der Grund ist unter anderem ein Punkteabzug aufgrund finanzieller Probleme. Eine unabhängige Kommission stellte fest, dass Leicester eine zulässige Verlustgrenze um knapp 21 Millionen Pfund überschritten hatte. In drei Spielzeiten verbuchte der Klub Verluste von zusammen mehr als 200 Millionen Pfund.

FC Thun

Die Berner Oberländer wissen selbst ganz genau, wie es ist, hoch zu fliegen und dann tief zu fallen. 2005 qualifizierte sich Thun als Vizemeister sensationell für die Champions League, spielte gegen Arsenal London, Ajax Amsterdam und Sparta Prag.

Das brachte dem kleinen Klub hohe Einnahmen und weckte gefährliche Begehrlichkeiten. Funktionäre, Spieler, Staffmitglieder, Berater – alle wollten ein Stück vom Kuchen haben. Und im Umfeld stiegen die Erwartungen.

Unvergessen: Der FC Thun misst sich in der Königsklasse mit Thierry Henry und dem FC Arsenal.
Unvergessen: Der FC Thun misst sich in der Königsklasse mit Thierry Henry und dem FC Arsenal.
Keystone

Doch so schön der neue Ruhm war, so brutal war der Fall zurück auf den Boden der Realität. 2007 sorgte zunächst ein Sex-Skandal für Schlagzeilen.  Mehrere aktuelle und ehemalige Thun-Spieler sollen sexuelle Handlungen mit einer minderjährigen Frau gehabt haben, so der Vorwurf. Auch sportlich folgte eine Krise, 2008 stieg Thun schliesslich in die Challenge League ab. Der plötzliche Glanz im Berner Oberland war wieder verschwunden.

Andres Gerber war damals noch als Spieler hautnah dabei. «Damals war der FC Thun noch nicht so solid aufgestellt, der Klub war fast amateurhaft unterwegs», erinnert sich der heutige Vereinspräsident bei blue Sport. «Heute sind wir viel weiter. Wir haben riesige Erfahrung gesammelt. Ich bin seit 23 Jahren beim FC Thun, (Sportchef) Dominik Albrecht seit 15 Jahren und auch viele Leute im Staff sind schon lange dabei.»

Deshalb glaubt Gerber nicht, dass man im Berner Oberland jetzt wieder naiv wird und den Erfolg als selbstverständlich betrachtet. «Wir werden nicht müde, die Leute zu sensibilisieren und die Erwartungen nicht zu hoch anzusetzen.»

Der Präsident ist sich bewusst, dass das möglicherweise nicht alle Leute gleich auffassen. Und so will Gerber auch nicht die Spassbremse sein, wenn der eine oder andere Fan bereits von der Rückkehr in die Champions League träumt: «Wir bleiben am Boden, gleichzeitig wollen wir ambitioniert sein und uns auch zutrauen, vielleicht sogar noch ein weiteres Märchen zu schreiben.»

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