«Bist du einverstanden, extra zu verlieren, änderst du dein Profilbild»

lbe

17.12.2019 - 14:30

Die Wettmafia wirft einmal mehr einen langen Schatten auf den Tennissport. 
Bild: Getty

Nach Informationen von «ZDF» und der Zeitung «Die Welt» wird der Tennissport vom nächsten Wettskandal erschüttert. Demnach sollen mehr als 135 Profis involviert sein, darunter auch ein Spieler aus den Top 30.

In einer Reportage berichtet «ZDF» am Sonntag von einem erneuten, weltweiten Wettskandal in der Tennisbranche, in den mehr als 135 professionelle Spieler involviert sein sollen. Die Untersuchungen der belgischen Ermittler erstrecken sich demnach auf viele Länder, darunter auch Spanien, Frankreich, die USA und Belgien. Auch die US-Bundespolizei FBI sei mit den Ermittlern in Kontakt.

«In diesem Fall geht es um das Netzwerk einer armenischen Wettmafia, das sich über sieben Länder in Europa ausgebreitet und hochintelligent und im grossen Stil betrogen hat», sagt Eric Bisschop, Vize-Generalstaatsanwalt Belgiens und beteiligter Ermittler. In enger Absprache mit den Spielern seien teilweise Hunderte kleinere Beträge auf manipulierte Matches gesetzt worden – so kämen in der Summe pro Spiel Zehntausende Euro zusammen. Die Ermittlungen sollen kurz vor dem Abschluss stehen.

Recherchen des deutschen Rundfunksenders muten zudem an, dass auch ein Spieler aus den Top 30 der Weltrangliste, der schon drei ATP-Titel auf seinem Konto hat, involviert sei. Namen werden keine genannt – mit einer Ausnahme: Der Deutsche Max H. habe eingeräumt, dass derzeit ein Ermittlungsverfahren gegen ihn laufe. Öffentlich will er sich jedoch nicht dazu äussern.

Fehlende Unterstützung für «Whistleblower»

In Anbetracht des Beispiels von «Whistleblower» Marco Trungelliti ist das verständlich. Der Argentinier spricht seit geraumer Zeit offen über das Thema, nachdem er 2015 in seiner Heimat selbst unmoralische Angebote erhielt. «Man kann nicht sagen, es wird nur in den unteren Bereichen betrogen. Nein, es passiert auf allen Ebenen», sagt Trungelliti gegenüber «ZDF». Zudem nennt der 29-Jährige die angebotenen Summen: «Bei einem Spiel auf niedrigster Ebene (Future Event) werden 1'000 US-Dollar geboten, pro Spiel auf der Challenger Tour 5'000 bis 10'000 und bei einem ATP-Turnier rund 25'000 Dollar».



Trungelliti wendet sich mit all seinen Informationen an den Weltverband, klagt unter anderem drei Profis an – aber fast nichts passiert. Stattdessen wird sein Name öffentlich, worauf er mehrfach Morddrohungen erhält und aus Angst mit seiner Familie ins Exil nach Europa flieht. «Die offiziellen Organisationen blieben einfach still. Keiner hat mir geholfen. Ich dachte, ich könnte etwas zum Positiven verändern. Aber ich war plötzlich der Aussenseiter. Und es kamen immer mehr Drohungen.»

Erst in diesem Jahr sperrt die zuständige «Tennis Integrity Unit» (TIU) aufgrund der Aussagen von Trungelliti drei argentinische Spieler – viel zu wenig, findet Trungelliti: «Es bleibt dabei: Sie kümmern sich nur um die Spitze, dass diese wirklich sauber bleibt. Für mich ist das bloss eine grosse Farce.»

Durchdachtes Vorgehen

Auch ein Schweizer Tennisspieler wagt den Gang an die Öffentlichkeit: Joss Espasandin. Er hatte zeitweise ebenfalls Kontakt zur Wettmafia und sagt: «Der Wettbetrug hat riesige Ausmasse und betrifft enorm viele Spieler. Die meisten wissen auch davon, aber verschliessen die Augen oder hören weg.» Das Vorgehen der Betrüger ist durchdacht. «Wenn du auf einen Deal eingehst und das Bargeld annimmst, hörst du nichts mehr von ihnen. Sondern du kommunizierst nur über soziale Netzwerke. Bist du einverstanden, ein Spiel extra zu verlieren, änderst du dein Profilbild auf Facebook. Das ist das Zeichen.»

In diesem Jahr hat die TIU gegen mehr als 20 Frauen und Männer Strafen ausgesprochen – allerdings dürften weit mehr Profis in Wettbetrug verwickelt sein. Denn der Tennissport ist aus zwei Gründen besonders anfällig darauf: Erstens ist es einfacher, Spiele in einer Einzelsportart zu manipulieren. Zweitens fliessen im Tennis mittlerweile enorme Summen, was das Wettangebot direkt beeinflusst. Erst kürzlich sorgt ein Spiel des ITF-Turniers in Doha für Skepsis, weil der Ukrainer Artem Bahmet in seiner Partie gegen Krittin Koaykul keinen einzigen Punkt gewinnt – und im Anschluss Kommentare im Netz auftauchen, die auf Betrug hindeuten.



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