«Es können nicht beide existieren» – Federer und Djokovic auf Kriegsfuss

Jan Arnet

31.8.2020

Roger Federer und Novak Djokovic haben verschiedene Ansichten, wie es mit dem Tennis weitergehen soll.
Bild: Getty

Novak Djokovic will mit einer neuen Spielervereinigung das Tennis revolutionieren. Roger Federer und Rafael Nadal kritisieren dies scharf. «Bluewin» erklärt, was es mit dem Streit der Topspieler auf sich hat.

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Worum geht es?

Vor ziemlich genau einem Jahr kehrten Roger Federer und Rafael Nadal völlig überraschend in den Spielerrat der ATP zurück. Die beiden Superstars waren mit den Entwicklungen des Tennissports unzufrieden und wollten ihre Meinung wieder einbringen. Anfang Jahr wurde ein neues ATP-Management ins Leben gerufen, das die Strukturen des Herrentennis verbessern soll. Der Spielerrat stimmte dem einstimmig zu.

Novak Djokovic, der als Präsident des Spielerrats in den letzten Monaten immer mehr unter Beschuss geriet, hat nun bekannt gegeben, dass er eine neue Spielervereinigung formen möchte. Er legte deshalb sein Präsidentenamt im alten Rat ab. Die ebenfalls im Council vertretenen Vasek Pospisil und John Isner folgten dem Beispiel des Serben.

«Professional Tennis Players Association» (PTPA) soll die neue Vereinigung heissen. Laut einem Bericht der «New York Times» wurde den Spielern ein Dokument mit Plänen überreicht und man möchte Unterschriften dafür sammeln. «Das Ziel der PTPA ist es nicht, die ATP zu ersetzen, aber die Spieler mit einer selbstregierenden Struktur, unabhängig von der ATP, zu versehen und direkter Ansprechpartner der Spieler zu sein», heisst es laut der «New York Times» in dem Dokument.

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Die Absicht von Djokovic

Die Weltnummer 1 plant mit der neuen Spielervereinigung nicht weniger als eine Revolution im Tennis. «Wir sind einer der wenigen weltweiten Sportarten, die keine eigene Spielerorganisation haben, sondern nur Spieler», begründet Djokovic sein Vorpreschen. «Deshalb wurde die neue PTPA zu einem Thema. Es wurde diskutiert und es wurde seit Langem von vielen Spielern gewünscht.» 

Über 30 Spieler haben sich der PTPA bereits angeschlossen. Djokovic hofft, dass sich die Mehrheit der Top 500 im Einzel und der Top 200 im Doppel der neuen Spielervereinigung anschliessen würde.

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Die Kritik von Federer und Nadal

Djokovics Aktion stösst bei Roger Federer und Rafael Nadal auf Kritik. «Die Welt durchlebt eine schwierige und komplizierte Zeit», schreibt der Spanier via Twitter. «Es ist Zeit für Einigkeit und nicht für eine Spaltung.» Der Schweizer teilt diese Meinung: «Dies sind unsichere und herausfordernde Zeiten. Aber ich glaube daran, dass es sehr wichtig für uns ist, als Spieler zusammenzustehen.»



Der Tennisjournalist Jon Wertheim veröffentlicht am Samstag einen Brief – unterzeichnet von Federer, Nadal, Kevin Anderson, Sam Querrey, Jürgen Melzer und Bruno Soares –, in dem der Spielerrat die anderen Tennisprofis davon abhalten will, Djokovic zu folgen. Es würde dem neuen Management der ATP die Chance rauben, seine Vision des Sports zu verwirklichen. «Eine neue Spielervereinigung und die ATP können nicht nebeneinander existieren», sind sich die Mitglieder des Spielerrats sicher.

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Viele offene Fragen

Der Spielerrat moniert in seinem Brief, dass die PTPA viel mehr Fragen aufwerfe, als sie beantworte: «Was passiert, wenn sich die Turniere gegen uns stellen? Warum wissen wir nicht, was der genaue Plan dieser neuen Spielervereinigung ist und was als Nächstes kommt? Was soll das den Spielern überhaupt bringen? Und wie werden die Spieler geschützt, wenn es schiefgeht?»

Am meisten scheint Federer, Nadal und Co. aber zu stören, dass der Spielerrat nicht einbezogen wurde, als entschieden wurde, neue Wege zu gehen: «Wenn es der Zweck sein soll, die Interessen aller Spieler zu repräsentieren, warum wurden sehr viele Spieler gar nicht mit einbezogen? Warum wurde der Spielerrat nicht einmal gefragt?»

Der Spielerrat sei nicht gegen ein neues Konzept, die Strukturen des Tennis zu erneuern, wird im Brief betont. «Aber das ist genau das, woran das neue Management der ATP seit Januar hart arbeitet. Und der Spielerrat hat einen Zeitplan dafür angenommen.» Man sei nicht gegen die Spieler, aber mit so wenig Informationen sei es ein zu grosses Risiko, diesen neuen Pfad zu beschreiten. «Wir sind gegen diesen Vorschlag, weil wir nicht sehen können, wie er den Spielern wirklich weiterhelfen kann. Und er bringt unser Leben auf der Tour und unsere Sicherheit in grosse Gefahr.» 

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So geht es jetzt weiter

Der Standpunkt von Djokovic lautet derweil: «Wir appellieren nicht an einen Boykott. Denn wir sind keine Gewerkschaft. Wir kreieren keine Parallel-Organisation.» Über den Zeitpunkt liesse sich vielleicht streiten, aber: «Es ist, wie ein Baby zu haben – entweder ist dafür nie die richtige Zeit oder immer die richtige Zeit.»

Djokovic sagt auch, dass er es «lieben würde, wenn Roger und Rafa mit an Bord» wären. Es ist allerdings kaum damit zu rechnen, dass die beiden Superstars der Szene dem Management der ATP den Rücken kehren und der PTPA folgen.

Während in New York mit den US Open das erste Grand-Slam-Turnier nach der Coronapause über die Bühne geht, entfacht hinter den Kulissen ein Machtkampf. Das letzte Wort scheint dabei noch lange nicht gesprochen.


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