Kein gutes Vorbild?

Gilles Simon: «Man hebt Federer höher, als er sein kann»

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27.11.2020

LONDON, ENGLAND - JULY 08:  Roger Federer of Switzerland celebrates at the net after winning his Gentlemens Singles Quarter Final match against Gilles Simon of France during day nine of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Lawn Tennis and Croquet Club on July 8, 2015 in London, England.  (Photo by Shaun Botterill/Getty Images)
Gilles Simon (rechts) sorgt mit seiner Biografie für viel Wirbel.
Bild: Getty Images

Mit seinen kritischen Worten über Roger Federer sorgte Gilles Simon in seiner Biografie für Aufregung. Jetzt erklärt sich die Weltnummer 63. Und sagt, warum Federers Erfolg nicht gut für die französische Jugend ist.

«Federer hat uns bereits 20 Jahre gekostet. Es wäre gut, wenn er uns nicht noch 20 weitere kostet.» Mit solchen Sätzen sorgte Gilles Simon vor wenigen Wochen in seiner veröffentlichten Biografie für Verwirrung. «Wer kann sagen, dass er den wirklichen Federer kennt, jener, der sich hinter seiner Konstruktion versteckt?», gab sich der Franzose misstrauisch und lästerte weiter: «Man erklärt, dass Federer Blinde heilen kann, und da übertreibe ich nur ein wenig.»

Ein ganzes Kapitel in seinem Buch «Ce sport qui rend fou» (Dieser Sport, der verrückt macht) widmete Simon dem 20-fachen Grand-Slam-Sieger. Und der Schweizer kam dabei nicht nur gut weg, weshalb Simon den Unmut der Federer-Fans zu spüren bekam. Gegenüber «Blick» erklärt Simon nun, dass er kein Problem mit Federer habe: «Ich habe absolut nichts gegen ihn. Wie die Mehrheit aller Menschen bewundere ich Roger Federer.»



«Unsere Jugend wird nach Roger gezüchtet»

Der 14-fache ATP-Turniersieger empfiehlt, das ganze Buch zu lesen und nicht nur die Ausschnitte, die in den Medien zitiert «und womöglich auch falsch übersetzt» wurden. Explizit erörtert Gilles Simon seinen Vorwurf, Federer würde dem französischen Tennisnachwuchs nicht guttun: «Nicht Roger ist das Problem, die Franzosen sind das Problem. Ich versuche, zu erklären, was ihnen fehlt, um wieder ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen – ohne dass dem Modell Federer gefolgt werden muss.»

In Frankreich suche man schon lange nach einem Tennisspieler mit der Eleganz und Kühnheit Federers. «Denn seine Art entspricht genau dem französischen Ideal», so Simon. «Für unsere Jugend ist das problematisch. Sie wird nach Roger gezüchtet – wir sehen kein anderes Vorbild mehr. Dabei vergessen wir, dass es fast unmöglich ist, ein Federer zu werden.»

Er wisse, wovon er rede. Schliesslich sei er selbst mit den Erwartungen aufgewachsen, wie ein französischer Grand-Slam-Sieger zu spielen habe. «Ich fand es schrecklich, es raubte mir furchtbar viel Energie, denn ich sollte etwas machen, das ich nicht konnte. (...) Aber wer nicht so genial wie Roger war, konnte sich nicht durchsetzen.»

Simon erklärt Doping-Vorwurf gegen Federer

Simon versucht auch, seine vermeintlichen Doping-Anschuldigungen gegen den Maestro zu erklären. In seinem Buch stellt er sich die Frage, warum noch nie jemand über Federers Körper gesprochen habe: «2017 spielte er mit 35 Jahren in Australien fünf Sätze gegen Nadal. Das ist aussergewöhnlich. Aber darauf hat noch nie jemand hingewiesen.»

Hintergrund der Aussagen sind die Doping-Vorwürfe gegen Rafael Nadal. Frankreichs Ex-Sportministerin Roselyne Bachelot behauptete 2016, der Spanier sei vier Jahre zuvor bei einer Dopingkontrolle positiv getestet worden, ohne allerdings Beweise dafür aufzubringen. «Für einige ist es schwer zu begreifen, dass Rafael Nadal ein besserer Tennisspieler als Roger Federer ist», schrieb der bekennende Nadal-Fan Simon in seiner Biografie und stellte deswegen den Vergleich mit Federer auf.

«Wer kann sagen, dass er den wirklichen Federer kennt?», fragte Simon in seinem Buch und erklärt nun, dass er damit meinte, dass der Baselbieter gezwungenermassen anders dargestellt wird, als er eigentlich ist: «Man hebt ihn höher, als er sein kann. Egal, wie er lebt, was er macht – er bleibt der Beste. Das ist sicher nicht völlig erfunden und gelogen – er hat ja grosse Klasse. Aber das Bild entspricht ihm bestimmt nicht zu hundert Prozent.»

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