Novak Djokovic verlässt die von ihm mitbegründete Spielergewerkschaft PTPA. Tennis-Experte Heinz Günthardt analysiert für blue Sport den Rückzug des Serben.
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- Novak Djokovic ist zwar aus der von ihm mitgegründeten Spielergewerkschaft PTPA ausgetreten, doch diese verzeichnet erste Erfolge wie etwa höhere Preisgelder bei den Australian Open.
- Tennis-Experte Heinz Günthardt betont im Gespräch mit blue News, dass Djokovic mit seinem Engagement nicht gescheitert sei, sondern wichtige Missstände im Tennis-System sichtbar gemacht habe.
- Günthardt fordert bessere finanzielle Unterstützung für Spieler ausserhalb der Top 100, da der Einkommensunterschied trotz geringer Leistungsdifferenz enorm sei.
Novak Djokovic verlässt kurz nach dem Jahreswechsel die von ihm mitgegründete Spielergewerkschaft PTPA. Der 24-malige Grand-Slam-Champion hatte die Professional Tennis Players Association im August 2020 mit dem damaligen kanadischen Tennisprofi Vasek Pospisil gegründet. Die frühere Nummer eins der Weltrangliste wollte mit der Spielergewerkschaft erreichen, dass die Interessen der Profis besser vertreten werden.
«Von der Gewerkschaft sind einige Initiativen gekommen, welche gewisse Sachen genauer anschauen, das finde ich sehr positiv», meint Tennis-Experte Heinz Günthardt im Gespräch mit blue Sport.
Im Tennis gebe es aber sehr viele verschiedene Verbände. Und diese hätten Mühe, miteinander einen Konsens zu erarbeiten, von dem am Schluss der Sport profitiere. «Darum bin ich nicht sicher, dass es eine gute Idee war, nur einen zusätzlichen Verband zu gründen», so Günthardt.
Er glaubt, der Rückzug von Djokovic aus der PTPA «ändert nicht sehr viel». «Seine Worte sind immer wichtig, ob er jetzt Teil eines Verbandes ist oder nicht. Das macht keinen grossen Unterschied», findet Günthardt.
Neuer Verteilungsschlüssel
Der Serbe sei «nicht gescheitert» mit seinen Vorhaben, glaubt der 66-jährige Zürcher. «Er hat es ganz sicher fertiggebracht, dass viel mehr Leute aufmerksam geworden sind auf gewisse bestehende Probleme im ganzen System. Die oben in der Weltrangliste verdienen extrem viel und die Spieler zwischen 100 und 200 haben extrem Mühe, sich mit ihrer Sportart den Lebensunterhalt zu verdienen. Dies in einer Sportart, wo global so viel Geld verteilt wird», resümiert Günthardt.
Die PTPA hat 2025 derweil viele Klagen eingereicht – unter anderem auch gegen die grossen Tennis-Verbände ATP, WTA oder ITF, weil diese aus ihrer Sicht ein «Kartell» bilden, welches ein ausbeuterisches System aufrechterhält. Tennis Australia hat sich kurz vor dem Turnierstart der Australian Open mit der PTPA geeinigt. Ein grosser Etappensieg für die Gewerkschaft.
Beim ersten Major des Jahres wird nun ein Rekordpreisgeld ausgeschüttet. Insgesamt ist das Turnier umgerechnet mit rund 59,4 Mio. Schweizer Franken dotiert – ein Anstieg in Höhe von 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Angehoben wurden die Preisgelder – vor allem auf Druck der Gewerkschaft – auch für die Profis, die bereits in früheren Runden ausscheiden. Wer in der ersten Runde verliert, bekommt dennoch knapp 80'000 Schweizer Franken. Der neue Verteilungsschlüssel in Melbourne habe sicher «Signalwirkung» für die anderen Grand-Slam-Turniere. «Ich kann mir vorstellen, dass die anderen mitziehen werden», sagt Günthardt.
«Das ist eine sehr gute Entwicklung», betont Günthardt. Aus Schweizer Sicht habe man bei den Männern mit Leandro Riedi, Dominic Stricker und Jérôme Kym drei Spieler, die zwischen Rang 100 und 200 stehen. Es sei wichtig, dass solche Spieler bei einer Verletzung oder kleinen Formkrise auch ohne Druck weitermachen können. «Sie haben für ihre Karriere genügend geleistet, damit Hotelkosten oder ähnliche Sachen übernommen werden», unterstreicht Günthardt.
Das Dilemma für die Spieler ausserhalb der Top 100
Warum ist es im Tennis-Zirkus so schwierig, die Spieler ausserhalb der Top 100 zu unterstützen? «Die Preisgelder werden so verteilt, dass vorne extrem viel verdient wird», sagt Günthardt und ergänzt: «Jeder Turnierdirektor möchte die grossen Namen haben. Also versuchen sie, das Ganze so zu versüssen, dass dort auch gespielt wird.»
Das Dilemma sei, dass der Kuchen nur eine gewisse Grösse habe. Für diejenigen in den hinteren Rängen bleibe nicht mehr viel. Das System könne sich nur erneuern, wenn junge Leute die Möglichkeit haben, professionell Tennis zu spielen. Gewisse Verbände können die Spieler unterstützen, andere etwas weniger, erläutert Günthardt.
Für eine globale Sportart sei es wichtig, dass man eine gewisse Anzahl Spieler habe, die tatsächlich davon leben könne. Also bei einer Reise auch mal von der Ehefrau oder Familie begleitet werde. «Wenn ich nur Tennis spielen kann, aber keine Wohnung, kein Auto und sonst gar nichts habe und auch keinen Rappen auf die Seite legen kann, dann wird es schwierig», so der langjährige SRF-Experte.
Dem Trainer der Schweizer Fed-Cup-Mannschaft ist es deshalb ein Anliegen, dass die Leute zwischen 100 und 200 «gut versorgt» sind. «Man darf nicht vergessen, dass sie hervorragend Tennis spielen», unterstreicht Günthardt. Der Unterschied zwischen den Top 100 und den Spielern in den Rängen von 100 bis 200 sei viel kleiner, als sich die meisten Leute bewusst seien. «Aber der Unterschied finanziell ist enorm», konstatiert Günthardt.