«Im Basislager des Mount Everest» – ein Schweizer Quartett für eine goldene Tennis-Ära?

Luca Betschart

13.10.2020 - 07:53

War bei den French Open der Junioren nicht zu bezwingen: Dominic Stricker.
Bild: Getty

Dank Dominic Stricker und Leandro Riedi stehen sich am Samstag erstmals überhaupt zwei Schweizer im Final eines Grand-Slam-Turnieres der Junioren gegenüber. Der Weg an die Weltspitze ist aber noch weit.

Im ersten Schweizer Grand-Slam-Final der Geschichte zwingt Dominic Stricker am Samstag Landsmann und Freund Leandro Riedi in die Knie und gewinnt die French Open der Junioren in Paris. Wenig später doppelt der Zürcher im Doppel an der Seite des Italieners Flavio Cobolli nach. Stricker ist damit der erste Junior seit 34 Jahren, der in Roland-Garros im Einzel und Doppel triumphiert.

«Ich spielte mein bestes Tennis. Es war ein unglaublicher Tag. Ich kann kaum beschreiben, was passiert ist», gewährt der 18-Jährige danach Einblicke in seine Gefühlswelt. Auch bei Finalverlierer Riedi überwiegt bereits kurz nach der Niederlage die Zufriedenheit: «Ich bin glücklich, dass ich ein Teil davon war, als Schweizer Tennisgeschichte geschrieben worden ist.»



Vielversprechende Aussichten

Anlass zur Freude haben die beiden allemal. Denn ein Blick zurück zeigt: Wer es in Paris bei den Junioren in den Final schafft, hat Potenzial. Von den letzten 20 Finalisten rangieren Stand jetzt 15 in den Top 300 der Weltrangliste, 5 Namen sind gar unter den besten 25 zu finden – angeführt von Dominic Thiem und Alexander Zverev. Sowohl dem Österreicher (2011) als auch dem Deutschen (2013) blieb der Titel allerdings verwehrt.

Ein Endspiel unter Landsmännern gab es zuletzt 2015, als Tommy Paul (heute ATP 58) das amerikanische Duell gegen Taylor Fritz (heute ATP 28) für sich entscheiden konnte. Zudem sind mit Stan Wawrinka und Marin Cilic auch zwei noch aktive Grand-Slam-Sieger in der Liste zu finden. Die Aussichten für Stricker und Riedi, die beide ab 2021 nicht mehr bei den Junioren spielberechtigt sind, wirken vielversprechend.

Auf der Suche nach Gründen für den Höhenflug macht Stricker darauf aufmerksam, dass er und Riedi nicht alleine sind. «Wir sind vier Spieler, die ziemlich gut sind, zusammen trainieren und uns antreiben», erklärt er sich das starke Schweizer Abschneiden und bindet damit auch Jeffrey von der Schulenburg und dem erst 17-jährigen Jérôme Kym ein Kränzchen.

An Vorbildern mangelt es dem Quartett nicht, wohl ebenfalls ein Erfolgsfaktor. «Jeder Schweizer Spieler schaut zu Roger und Stan auf», macht beispielsweise Kym klar und fügt an: «Es ist eine grosse Gelegenheit, zu ihnen aufzublicken und zu sehen, was sie erreicht haben.» Stricker erzählt, Federer habe ihn Anfang Jahr gar mit wertvollen Tipps versorgt: «Er sagte mir, ich müsse meinen Aufschlag verbessern, und das machte ich. Und der Service half mir in diesem Final enorm.»

«Der schwierigste Teil steht erst jetzt bevor»

Für die beiden French-Open-Finalisten beginnt ab sofort ein neues Kapitel, der Fokus gilt nun der ATP-Weltrangliste. Riedi liegt dort aktuell auf Platz 939, Stricker ist auf Rang 1148 zu finden. Um es bei Major-Turnieren in die Qualifikation zu schaffen, ist aber eine Platzierung unter den Top 250 nötig – nach wie vor ein steiniger Weg. Verbandstrainer Sven Swinnen betont denn auch: «Jemand formulierte es richtig: Sie haben jetzt das Basislager des Mount Everest erreicht», sagt Swinnen. «Viele schaffen es nicht einmal dorthin. Aber nun wird die Arbeit bestimmt nicht kleiner, im Gegenteil.»

Trainerkollege Yves Allegro pflichtet ihm bei: «Wir sind noch weit weg von der Weltspitze. Die Jungs sind jetzt beim ersten Prozent der Profikarriere, befinden sich in der Weltrangliste um Position 1000 und spielen wohl auf dem Level um Platz 350. Der schwierigste Teil steht erst jetzt bevor.»

Dennoch lebt nach den jüngsten Auftritten der Junioren die Hoffnung, dass dem Schweizer Tennis auch nach der Ära Federer/Wawrinka glorreiche Zeiten bevorstehen. Swiss-Tennis-Präsident René Stammbach meint nach dem «Doppelsieg» bei den French Open vielsagend: «Ich habe mit Roger Federer und Stan Wawrinka in meiner Amtszeit einiges erlebt, aber das ist selbst für mich etwas Neues, Aussergewöhnliches.»


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