«Niemand ist grösser als der Sport» – kommt Djokovics Einsicht zu spät? 

Luca Betschart

24.6.2020 - 12:05

Novak Djokovic spricht in seiner zweiten Stellungnahme von einem Fehler in der Organisation der Adria Tour.
Bild: Getty

Während sich die erste Stellungnahme eher wie eine Rechtfertigung anhört, räumt Djokovic in einem zweiten Statement Fehler in der Tourorganisation ein. Ob die späte Einsicht die teils aufgebrachte Tennisgemeinschaft wohl besänftigen kann?

«Unsere Turniere sollten Menschen zusammenbringen und ein Signal der Solidarität und des Mitgefühls für die ganze Region sein. Es sollte Spielern aus dem Südosten Europas eine Wettkampfgelegenheit gegeben werden. Und hinter all dem stand der philanthropische Gedanke, Geld für Menschen in Not zu sammeln.» So beschreibt Novak Djokovic in einer Stellungnahme auf Twitter die Absichten hinter der Idee, mitten in der coronabedingten Zwangspause eine neue Tennis-Tour zu lancieren. Nur: An der Umsetzung hapert es gewaltig, und was ab dem ersten Tag in Belgrad vor sich geht, hat wenig mit Solidarität zu tun.

Scheinbar unbekümmert und fernab einer weltweiten Pandemie vergnügen sich Djokovic und Co. – darunter mehrere Topspieler wie Zverev, Thiem oder Dimitrov – auf und neben dem Platz. Keine Spur von Social Distancing. Weil die Corona-Massnahmen in Serbien zu diesem Zeitpunkt bereits arg gelockert wurden, verstösst das Organisationskomitee der Adria Tour aber offiziell gegen keine Regeln. Und während international bereits die ersten Bilder der Tour für Kopfschütteln sorgen, entfachen die Aushängeschilder vor Ort grosse Begeisterung. Bis am Sonntag.

Djokovic: «Wir lagen falsch»

Dann verkündet Grigor Dimitrov als erster Teilnehmer, er sei positiv auf das Coronavirus getestet worden. Ab dem Moment verwandelt sich die Adria Tour innert Stunden zu einem potenziellen Corona-Hotspot. Nachdem auch Coric und Troicki ihre Ansteckung bekannt geben, erwischt es am Dienstag mit Mitorganisator Djokovic bereits den vierten Teilnehmer. Die Tour wird daraufhin per sofort abgebrochen – es ist ein chaotisches Ende.



Doch in seinem ersten Statement scheint sich Djokovic vor allem darauf zu konzentrieren, sich zu rechtfertigen. Er schreibt zwar, dass ihm jede einzelne ausgelöste Infektion leidtue. Auf ein eindeutiges Eingeständnis eines Fehlers verzichtet er aber. Man sei davon ausgegangen, die Bedingungen für eine Durchführung der Tour seien gegeben, macht Djokovic klar. «Leider ist das Virus noch immer da und es ist eine neue Realität, mit der wir immer noch lernen, umzugehen und zu leben.»

Einsichtiger zeigt sich die amtierende Weltnummer 1 dann in einem zweiten Statement auf Twitter. «Es tut mir sehr leid, dass unser Turnier Schaden angerichtet hat», bereut Djokovic. Obschon alles, was die Organisatoren und er im letzten Monat getan hätten, mit reinem Herzen und ernsthaften Absichten passiert sei, habe man die Situation falsch eingeschätzt. «Wir lagen falsch und es war zu früh. Ich kann nicht ausdrücken, wie leid mir das tut.»

«Niemand ist grösser als der Sport»

Ob das Eingeständnis die erhitzten Gemüter seiner Berufskollegen besänftigen kann, muss bezweifelt werden. Zu gross ist die Sorge, dass die Vorfälle der Adria Tour auch für die ATP- und die WTA-Tour Konsequenzen haben könnten. Unter den zahlreichen Genesungswünschen der Tennisprofis sind auch zahlreiche vorwurfsvolle Botschaften zu finden. Nick Kyrgios ist der Meinung, man könne ihn nun nicht mehr für seine «unverantwortlich» und «dumm» eingestuften Aktionen verurteilen. «Denn das ist die Krönung», schreibt der Australier.

Tennys Sandgren, im Januar Australian-Open-Viertelfinalist, bläst zum Angriff auf Djokovics Weltbild. Am Montag kündigte der US-Amerikaner in Anspielung auf Djokovics Aussagen an, Wasser mit positiven Schwingungen zu segnen, sollte Djokovic nicht infiziert sein. Als am Dienstag dann Gewissheit herrscht, schreibt Sandgren provokativ: «Ich sagte meinem Wasser trotzdem, es sei sehr schön.»

Landsmann Mitchell Krueger (ATP 195) sieht das Tennis hintergangen. «Es ist unvermeidlich, dass all diese Entscheidungen möglicherweise die US Open gefährden. (…) Niemand ist grösser als der Sport.» Und auch Noah Rubin sieht den Sport als wohl grössten Verlierer: «Es ist einfach nicht in Ordnung. Rücksichtslos und enttäuschend, dass sie dachten, Tennis verdiene ein solches Risiko.»

In der Tat werfen die Vorkommnisse auf der Adria Tour bezüglich der geplanten Wiederaufnahme des Spielbetriebs auf der ATP- und der WTA-Tour im August Fragen auf. Darauf macht auch die 18-fache Grand-Slam-Siegerin Martina Navratilova aufmerksam: «Das ist nicht gut und es ist ein Muster. Ich hoffe natürlich, Novak wird in Ordnung sein! Was jetzt, US Open? Roland Garros? Wir haben viel zu tun ...»


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