Carlos Alcaraz und Jannik Sinner dominieren die Tennis-Szene – für Toni Nadal auch deshalb, weil die Konkurrenz schwächer geworden ist. Der frühere Erfolgstrainer sieht nur einen Spieler, der dem Duo gefährlich werden kann.
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- Toni Nadal sieht Alexander Zverev als einzigen Spieler, der Carlos Alcaraz und Jannik Sinner derzeit ernsthaft herausfordern kann, wenn er mutiger und aggressiver spielt.
- Zverev habe laut Nadal enormes Potenzial, scheitere aber oft mental in entscheidenden Momenten, obwohl er spielerisch alles mitbringt.
- Nadal und Ex-Profi Jo-Wilfried Tsonga sind sich einig, dass die Konkurrenz im Männertennis früher deutlich stärker war als heute.
Nach der Wimbledon-Enttäuschung im letzten Jahr (Aus in der Startrunde) ging Alexander Zverev nach Mallorca, um bei Toni Nadal zu trainieren und Rat zu suchen. Gern hätte er den Onkel und früheren Erfolgstrainer Rafael Nadals auch als Trainer engagiert, um ihn beim ersten Grand-Slam-Turnier des neuen Jahres in Melbourne an seiner Seite zu haben: «Ich würde mir wünschen, dass er mit mir nach Australien kommt», hielt der Deutsche im Herbst fest. Doch Toni Nadal wollte seine Hilfe nicht ausweiten und sagte Zverev ab. Er sieht sich nicht mehr als Coach.
In der Radio-Sendung «OndaCero» gab Toni Nadal vor und nach den Australian Open seine Einschätzung. Für ihn bringe Carlos Alcaraz aus Tennis-Sicht alles mit, so Nadal.
«Und obendrein hat Alcaraz Glück: Er hat schwächere Gegner. Und ich sage das nicht, weil ich der Onkel von Rafael Nadal bin – ganz und gar nicht. Ich versuche, unvoreingenommen zu sein», betont der 64-Jährige.
Er ergänzt: «Früher spielten Rafael oder Djokovic gegen Del Potro – und wenn Del Potro einen guten Tag hatte, konnte er sie schlagen. Früher trafen Rafael und Federer auf Wawrinka oder Murray, und man wusste, dass man leiden würde und dass das Spiel kompliziert werden würde.» So habe man einst gedacht, Spieler wie Andrej Rublev, Stefanos Tsitsipas, Daniil Medvedev sollten oben mitspielen, seien aber nun verschwunden.
Tsonga: «Konkurrenz war vor 10 Jahren grösser»
Auch der 2022 zurückgetretene Jo-Wilfried Tsonga resümierte kürzlich, dass die Konkurrenz vor mehr als zehn Jahren viel stärker war. «Ich würde gerne sehen, wie Alcaraz und Sinner nacheinander gegen einen jüngeren Novak Djokovic, Federer, Nadal, Murray und Del Potro antreten. Momentan sind es nur die beiden in ihrem Alter», so Tsonga.
Wer kann also die beiden Weltranglisten-Führenden Alcaraz und Sinner herausfordern? «Der einzige, der ihnen ein wenig Paroli bieten könnte, ist Zverev», glaubt Nadal.
Zverev muss mehr Risiko nehmen
Dafür müssten sich beim Deutschen aber einige Sachen ändern. «Wenn er bereit ist zu kämpfen ... », deutet Nadal an. «Zverev hat eine grossartige Ballkontrolle und einen sehr guten Aufschlag. Das habe ich Zverev gesagt, als er zum Training kam. Ich sagte: ‹Schau mal, du hast diesen Aufschlag – wie viele Breaks werden sie dir in einem Match abnehmen? Zwei? Dann spiel viel aggressiver.›» Denn du bist nicht wie Rafael, der um jeden Punkt kämpfen musste. Du weisst, dass sie dir in einem langen Match zwei Breaks abnehmen werden, also geh viel mehr Risiken ein», resümiert Nadal.
In Melbourne brachte Zverev im Halbfinal Alcaraz zwar an den Rand einer Niederlage, konnte den angeschlagenen Spanier aber nicht bodigen. «Zverev hat ein mentales Problem. Er ist besessen vom Gewinnen. Zverev hatte das Spiel in der Hand, er hatte die Chance, den zweiten Satz zu gewinnen, und als er zum Sieg aufschlug, wurde er gebreakt. Und sein bester Schlag ist sein Aufschlag. Er kommt zurück, um das Spiel im fünften Satz zu gewinnen, als er zum Matchgewinn aufschlägt und wieder ... in diesem Moment versagt», erläutert Nadal.
Für ihn ist Zverev heute «besser als Djokovic» «Wenn Zverev dieses Match gewonnen hätte, hätte er wahrscheinlich auch das Finale gewonnen. Das würde ihn verändern, weil es ihm zusätzliches Selbstvertrauen geben und ihm den Druck nehmen würde, einen Grand Slam gewinnen zu müssen», glaubt Toni Nadal.
Er sehe weder João Fonseca noch Jakub Mensik, die in ein oder zwei Jahren mit Carlos mithalten könnten. «Ich weiss nicht, ob bald einer auftauchen wird, aber im Moment kenne ich keine jungen Spieler im Alter von 18, 19 oder 17 Jahren, die bereits Anzeichen dafür zeigen, die Nummer eins zu werden», so Nadal, der nach seinem Neffen auch Félix Auger-Aliassime coachte. «Junge Spieler sorgen immer für Unruhe, so wie es Federer mit Nadal und Nadal mit Djokovic passiert ist», erklärt er.