Wimbledon-Blog Wimbledon-Blog: Spitznasige Höhlenbewohner und viel Kaffee

Aus Wimbledon: Roman Müller

3.7.2018

Ein gutmütiges Wesen, das in Wimbledon haust: Der Womble.
Ein gutmütiges Wesen, das in Wimbledon haust: Der Womble.
Bild: Getty Images

Er ist unser Mann in Wimbledon: Roman Müller berichtet in den kommenden zwei Wochen vom grössten, wichtigsten, ältesten und überhaupt bedeutendsten Tennis-Turnier der Welt. Hier auch in Form eines Blogs.

Montag, 2. Juli 2018, 7:30 Uhr. Ich hatte einen schrecklich nervösen Schlaf, bin x Mal aufgewacht und habe jeweils gehofft, dass es schon 7:30 Uhr ist, aber das war es erst etwa beim siebten Mal. Mein erster Wimbledon-Tag. Ich bin total kirre. Immerhin wache ich neben Audrey Hepburn auf, einem hübschen Filmstar aus vergangenen Tagen. Nicht falsch verstehen: Sie ziert das Kissen, das mir Judy, der weibliche Teil meiner herzlichen Gastfamilie, aufs Bett gelegt hat.

Mein Bett bei Joe und Judy. In der Mitte: Audrey Hepburn
Mein Bett bei Joe und Judy. In der Mitte: Audrey Hepburn
Bild: rom

Ausgewählt hat es aber bestimmt Joe, der männliche Teil der Gastfamilie, bekennender Cineast, Grappa-Connaisseur und laut seiner Frau in Wimbledon bekannt als der «Wimbledon Womble», wie sie mir am üppig gedeckten Frühstückstisch mit Cheddar und Himbeeren erzählt. Ich muss einen Schluck Kaffee nehmen. «Der was, bitte?» plus Schulterzucken von mir. Judy: «Echt jetzt, du kommst nach Wimbledon und weisst nicht, was der Wimbledon Womble ist?». Schulterzucken plus verlegenes Lächeln. Plus Kaffe trinken. Sie erklärt mir dann, dass die Wombles eine Art Fabelwesen sind – laut einem Online-Lexikon «Spitznasige, pelzige und Teddybär-ähnliche Höhlenbewohner» – die sich in Wimbledon tatkräftig für die Umwelt einsetzen. Und das tut der gute Joe eben auch regelmässig und geht in Parks aufräumen – völlig freiwillig natürlich.

Wimbledon im Dekofieber – Scharapowa hat keinen Bock

Nach dieser drolligen Umweltschutz-Frühstücksgeschichte geht’s los in Richtung Tennisanlage, mit kleinem Umweg durch das Wimbledon Village, quasi der Flaniermeile dieses Stadtteils. Dort dekorieren alle Geschäfte ihre Schaufenster und Fassaden jedes Jahr um die Wette. Federers Konterfei ziert dort das Skelett der Osteopathie.

Mein Favorit auf den Hauptpreis des Dekorations-Wettbewerbs: Die örtliche Osteopathie.
Mein Favorit auf den Hauptpreis des Dekorations-Wettbewerbs: Die örtliche Osteopathie.
Bild: rom

Das Thai-Restaurant hat seine gesamte Front mit Rasen verziert.

Vertikales «Urban Gardening»: Das Thai Tho Restaurant in Wimbledon ganz in Grün.
Vertikales «Urban Gardening»: Das Thai Tho Restaurant in Wimbledon ganz in Grün.
Bild: rom

Nur Maria Scharapowas Süssigkeitenladen «The Sugarpova Candy Lounge», welche bei den Anwohnern im Übrigen äusserst unbeliebt ist, sieht aus wie immer – ziemlich genierlich.

Total undekoriert, aber immerhin in weiss: Der «Schläckzüüg»-Laden von Maria Scharapowa.
Total undekoriert, aber immerhin in weiss: Der «Schläckzüüg»-Laden von Maria Scharapowa.
Bild: rom

Dann geht’s weiter die Church Road runter. Die Church Road runter! Und da ist sie, die riesige Anlage mitten im fast schon ländlich wirkenden Stadtteil Wimbledon.

Das ist die Church Road. Das ist die Anlage des All England Lawn Tennis And Crocket Club.
Das ist die Church Road. Das ist die Anlage des All England Lawn Tennis And Crocket Club.
Bild: rom

Den Rest des Tages, der ja dann erst richtig begann, muss ich im Schnelldurchlauf erzählen. Vorerst aber dies: Beim Eingang zweifelt die Torwächterin an, dass das «ue» im Namen meines Schreibens dasselbe ist wie das «ü» in meinem Pass. Ich kann mich dann letztlich dank meines ungehörigen Charmes durchsetzen. Danach erstmal Kaffe trinken. Dann der Supergau: Mein Arbeitsgerät ist im Eimer! Nach einem zweieinhalbstündigen Drama sagt mir der Computer-Mann (IT-Supporter): Entweder hilft dieses Update oder sonst: Einen neuen kaufen. Ist mein Wimbledon-Traum schon zu Ende bevor er richtig beginnt? Weil der Computer-Mann wie John Turturro aussieht, bleib ich positiv – zurecht! Hurra! Endlich arbeiten. Darauf trinke ich einen Kaffee.

Federers 300-Millionen-Dollar-Outfit

Wenig später bin ich zum Eröffnungsspiel Federers im Stadion. Gänsehaut und Augenwasser. Er läuft ein in einem japanischen Outfit, das angeblich 300 Millionen Dollar wert sei. Es folgt ein stilvoller Sieg. Danach analysieren, zusammenfassen, Kaffe trinken, Statistiken studieren, Pressekonferenzen beobachten, Meinungen einfordern, Kaffe trinken, Social Media durchforsten, Artikel aufsetzen, redigieren, platzieren, Kaffe trinken. Die Stunden vergehen. Gegen 21 Uhr schaue ich noch beim legendären «Henman Hill» vorbei, wo hunderte Leute ein Spiel auf Grossleinwand beobachten. Auffällig dabei: Es ist alles blitzeblank. So viele feuchtfröhliche Menschen und kein Müll, der rumliegt. Da fällt es mir wie die Schuppen von den Augen. Erstens: Diese Wombles gibt’s tatsächlich und Zweitens: Morgen weniger Kaffee trinken.

Der Henman Hill: Bummsvoll, aber pieksauber.
Der Henman Hill: Bummsvoll, aber pieksauber.
Bild: Getty Images

Über den Autor
Roman Müller arbeitet seit bald 20 Jahren als Sportjournalist. Er ist seit früher Kindheit mit dem Tennissport verbunden. Als Spieler hat er es nie über R8 herausgebracht, trotz seiner gefürchteten Vorhand und wohl auch wegen kaum vorhandener Trainingsdisziplin. Als Tennisfan ist er jedoch als N1 einzustufen. Er ist stolzer Besitzer von 36 Roger-Federer-Caps, die er nicht sammelt, sondern trägt und somit natürlich befangen ist, was das Thema RF anbelangt. Seine Lieblingsfarben sind Violett und Grün, seine Lieblingszahlen 15, 30 und 40.

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