08.06.2017 - 21:10, wer

Gammenthaler: «Ich bin skeptisch, was die Sauberkeit unseres Sports betrifft»

Das Tour-Feld 2015 auf dem Weg von Unterterzen nach Sölden.
Bild: EQ Images

 

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Die Favoriten für die Tour de France ziehen die noch bis am Sonntag dauernde Dauphiné-Rundfahrt der am Samstag beginnenden 81. Tour de Suisse traditionellerweise vor. Die Schweizer Rundfahrt wird deshalb erneut zum Treffen der Spezialisten für Eintagesrennen. Wir haben mit dem Radsport-Experten Henri Gammenthaler (76) über die bevorstehende Rad-Woche gesprochen.



Henri Gammenthaler: Sie erlebten Ihre erste TdS 1950 als 10-jähriger Junge. Was hat sich seither verändert?

Die Tour von damals lässt sich nicht mit dem heutigen Rennen vergleichen. Wie vieles ist auch die Tour de Suisse zu einem kommerziellen Grossanlass geworden, der in erster Linie hervorragend organisiert ist. Wir haben abgesicherte Strassen und professionelle Motorradfahrer, die das Rennen schützen. Zudem schaffen die teuren TV-Verträge den Organisatoren die Grundlage, um das Rennen zu vermarkten und Geld zu verdienen. Früher haftete den wagemutigen Fahrern so etwas wie ein Heldenstatus an, heute spreche ich gerne auch von einer «Schweizer Schoggi-Tour», bei der den Top-Fahrern von der Streckenplanung bis hin zu den Mahlzeiten gerne jeder Wunsch erfüllt wird.  

Der Radrennsport von heute ist aber kaum ungefährlicher als vor 65 Jahren.

Das nicht, nein, aber er hat viel von seinem Mythos verloren. Schuld daran sind natürlich auch die Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte, als der Sport immer wieder negative Schlagzeilen lieferte.  

Sie sprechen das systematische Doping an, das den Radsport in Verruf brachte und ihm heute noch anhaftet. Was hat sich geändert?

Ich bin immer noch skeptisch, was die Sauberkeit unseres Sports betrifft. Mit dem heutigen Wissen ist es möglich, einen Rennfahrer in Mikrodosen mit verbotenen Substanzen zu präparieren, ohne dass er positiv getestet werden kann. Zudem gibt es Sperrfristen für die Kontrolleure. Sie dürfen von 23 Uhr bis 5 Uhr morgens keine Tests machen. In dieser Zeit lassen sich Dinge tun, die danach nicht mehr nachgewiesen werden können. 

Gewinnt die Tour also, wer am geschicktesten dopt?

Keinesfalls. Mit Doping alleine gewinnt kein Fahrer die Tour de Suisse, die über 17’490 Höhenmeter und eine Gesamtdistanz von über 1’100 Kilometer führt. Da braucht es viel Talent und noch mehr Wille.

Wer sind die diesjährigen Favoriten auf den Gesamtsieg?

Eintagesspezialisten und Kletterer haben gute Aussichten. Weltmeister Peter Sagan etwa oder der Olympiasieger Greg van Avermaet. Natürlich darf Giro-Sieger Tom Dumoulin im engen Kreis der Favoriten nicht fehlen. Mit Philippe Gilbert ist auch der Sieger der Flandern-Rundfahrt am Start. 

Was trauen Sie den Schweizern zu?

Stefan Küng will den Prolog und das Zeitfahren gewinnen. Sébastien Reichenbach kann in den Bergen seine Chancen auf einen Tagessieg packen. Mathias Frank träumt von einem Spitzenplatz im Gesamtklassement. Ich halte den einen oder anderen Exploit durchaus für realistisch.  

An der Tour wird auch dem grössten Schweizer Radfahrer der Geschichte, Ferdy Kübler, gedacht. Der dreifache Tour-de-Suisse-Sieger verstarb Ende des letzten Jahres 97-jährig. Beim diesjährigen Rennen wird jener Fahrer mit dem Titel «Le fou pédalant» ausgezeichnet, der am Ende der Tour am meisten Fluchtkilometer gesammelt hat. Eine schöne Sache, oder?

Jein. Die Idee dahinter ist durchaus attraktiv, wird aber Ferdy nicht gerecht. Diese fragwürdige Bezeichnung erlangte Kübler damals, als er 1947 von Bellinzona über den Furka bis nach Sitten während 200 Kilometern solo fuhr. Er nahm den Rad-Legenden Gino Bartali und Fausto Coppi über dreieinhalb Minuten ab. Eine unglaubliche Leistung, die eher die Bezeichnung «Pédaleur avec une volonté de fer» verdient hätte – denn es war Ferdys eiserner Wille und nicht etwa seine Verrücktheit, um dieses Rennen so fahren zu können.

Bildstrecke: Ferdy Kübler

  • SCHWEIZ RAD FERDY KUEBLER TOT
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--> Hommage an Ferdy Kübler

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Über Henri Gammenthaler:

Henri Gammenthaler (76) ist ausgewiesener Radrennsport-Experte und dem Sport seit Jahrzehnten verbunden. Früher als Amateur-Radrennfahrer erfolgreich, wechselte er nach seiner sportlichen Karriere die Seiten und ist seither mitunter als freischaffender Sportreporter tätig. Henri Gammenthaler kennt das Metier wie kein Zweiter, war jahrelang Reporter der Tour de Suisse und kommentierte hunderte Rennen mit unvergleichbarer Expertise, Humor und Fachkompetenz. Er berichtet auf bluewin.ch über den Radsport in der Schweiz.  

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