Misshandlungen beim STV

Amherd zum Missbrauchsskandal beim STV: «Ich war schockiert und konnte nicht glauben, dass das in unserem Land möglich ist»

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16.11.2020

Beim Turnverband herrsche eine «Kultur der Angst», sagt Sportministerin Viola Amherd.
Bilder: Keystone

In einem ausführlichen Interview spricht Bundesrätin Viola Amherd erstmals über den Missbrauch-Skandal beim Schweizerischen Turnverband STV und zeigt sich schockiert.

«Die Berichte haben mich erschüttert. Im Leistungszentrum des Schweizerischen Turnverbands wurden Mädchen und junge Frauen erniedrigt und in ihrer Würde angegriffen. Das hat mich sehr beschäftigt», sagt Amherd im Interview mit den Tamedia-Zeitungen. «Ich war schockiert, als ich davon las, und konnte nicht glauben, dass das in unserem Land möglich ist.»

Ende Oktober hatten mehrere frühere Turnerinnen im «Magazin» von erschreckenden Zuständen im Leistungszentrum Magglingen berichtet, wo ein «System der Gewalt» herrschen soll. 



Am meisten erstaunt habe Amherd, dass sich die Frauen erst trauten, etwas zu sagen, als sie nicht mehr aktive Athletinnen waren. «Dass man Kinder in eine Situation bringt, in der sie nicht mal mehr den Mut oder die Kraft haben, sich an jemanden zu wenden – das stimmt mich traurig», sagt die Sportministerin. «Kinder und Jugendliche müssen in einem vertrauensvollen Umfeld aufwachsen dürfen, sonst ist das für die Gesamtentwicklung schädlich.»

«Der Turnverband muss jetzt aufräumen»

Die Kultur der Angst, die in Magglingen herrsche, sei nicht tolerierbar, sagt Amherd. «Da müssen wir grundlegend über die Bücher. Es geht nicht an, dass auf Kinder und junge Menschen in der Pubertät so unglaublich Druck ausgeübt wird, dass sie total verunsichert sind und kein Selbstvertrauen mehr haben.» 



Natürlich würden die jungen Talente ihren Traum verfolgen und vieles dem Erfolg unterordnen. Doch der Respekt vor dem Menschen habe beim STV klar gefehlt, meint die Bundesrätin. Schliesslich gehe es auch darum, wie auf dieser Stufe Leistung beurteilt wird. «Geht es nur um Erfolg, nur um Medaillen? Der Verband will Erfolg haben, damit er von der Politik Geld bekommt, der Trainer will Resultate, damit er den Job behält. Aber wenn das so weit führt wie in diesem Fall, dann sind dies die falschen Parameter. Dann ist das ein ungutes System.»

Amherd fordert einen Neustart: «Der Turnverband muss jetzt aufräumen. Er muss einen Kulturwandel und eine neue Geisteshaltung entwickeln. Und das kommt nicht von unten – das muss von oben kommen!» So müssten künftig bei der Verteilung von Fördergeldern unbedingt auch ethische Vorgaben mitspielen. «Sonst besteht das Risiko, dass wir diese Kultur und dieses Fehlverhalten nicht wegbekommen.»

Keine finanziellen Folgen für STV

Eine Kürzung von Fördergeldern muss der Turnverband trotz allem nicht befürchten. «Damit würden wir auch Tausende junge Turnerinnen und Turner bestrafen.» Bei einem nächsten Fall seien die finanziellen Folgen aber naheliegend. «Es scheint, als sei Geld die einzige Sprache, die einige verstehen», so die Sportministerin.

Nach dem grossen Wirbel hat der Turnverband reagiert und sich von einigen langjährigen Funktionären getrennt. «Ich begrüsse diese Rücktritte explizit», sagt Amherd. «Wenn ein Verband sich grundlegend verändern will, ist es wichtig, dass das auch personelle Folgen hat. Dass ein Neuanfang nicht mit Leuten bestritten wird, die verantwortlich waren, als solche Missstände auftraten.»


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