Die Turn- und Gymnastikwelt braucht nach den happigen Vorwürfen einen Re-Start

Von Syl Battistuzzi

1.11.2020

Die Schweizer Turnszene auf dem Prüfstand.
Bild: Keystone

Es ist harte Kost, was ehemalige Schweizer Sportlerinnen über die Zustände im Leistungszentrum in Magglingen berichten. Es wird höchste Zeit, ihnen endlich Gehör zu schenken. 

Wie am Samstag das «Magazin» (kostenpflichtig) aufzeigt, gehören im Kunstturnen und in der Rhythmischen Gymnastik Einschüchterungen, Erniedrigungen und Misshandlungen zum Alltag der jungen Mädchen.

Die beiden Sportarten haben gemäss den Autoren zwei Gemeinsamkeiten. Beide sind Kindersportarten (Mädchenkörper sind Frauenkörper gegenüber im Vorteil) und beide sind besonders häufig von Gewalt betroffen. 

Nachdem bereits in jüngerer Vergangenheit Vorwürfe laut wurden, «reagierte» der Schweizer Turnverband (STV) im Sommer und entliess schliesslich die Gymnastik-Nationaltrainerin Iliana Dineva, ausserdem wurde der Spitzensportchef Felix Stingelin suspendiert. Eine interne Untersuchung ist eingeleitet worden. Doch das Problem wurde damit nicht aus der Welt geschafft und liegt im System, wo sich der Verband selbst bewegt.



Die schlimmen Auswüchse

«Hoffnung ist das Einzige, was stärker ist als Furcht» erläutert der diktatorische Präsident Snow im Film «Tribute von Panem» auf die Frage, wieso er die «Hunger Games» durchführen lässt. Bei den jungen Menschen war es die Hoffnung, eines Tages bei Olympia teilnehmen zu können. Für diesen Traum lernten sie vom ersten Tag an zu leiden – und zu schweigen. 

Während die Betreuer und Trainer für den sportlichen Erfolg ihre Autorität missbrauchen, fügen sich die jungen Teenager ohne Aufbegehren ihren Unterdrückern. Die acht interviewten ehemaligen Sportlerinnen berichten im Nachhinein offen von Angst- und Essstörungen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen sowie Suizidgedanken.

Die frühere Spitzenturnerin Ariella Kaeslin war nach eigener Aussage in einem goldenen Käfig gefangen: «In Magglingen fühlte ich mich immer beobachtet. Ich war nie frei, nie. Obwohl ich jederzeit rausgehen konnte. Ich habe mir selbst ein Gefängnis gemacht. Ich hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, und habe mich dabei selbst beobachtet. Ich war paranoid. Es war schrecklich.» 

Junge Mädchen (hier Ariella Kaeslin 2010) waren im Turnen unmenschlichem Druck ausgesetzt.
Bild: Keystone

Irgendwann machte auch ihr Körper nicht mehr mit: «Es begann mit schleichenden Symptomen, nichts, das man sofort bemerkt: Milchige Scheibe vor dem Kopf, nicht mehr merken, was um einem herum passiert. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsse die Lösung finden, die Ärzte müssen bloss das richtige Medikament entdecken, dann geht es wieder. Ich habe so gesucht nach etwas, das mir hilft.»

«Dann kamen kognitive Störungen: Ich konnte keine Texte mehr lesen oder komplizierten Diskussionen folgen, ich habe mich immer so dumm gefühlt. Dann verschwanden Erinnerungen. Später verstand ich, dass Erinnerungen mit Emotionen verknüpft sind. Wenn man nichts fühlt, kann man sich auch an nichts erinnern. Als Turnerin denkst du: Wenn ich mir das Leben nehme, dann ist nicht nur alles endlich vorbei, du denkst auch: So kann ich dem Trainer eins auswischen», so die heute 33-jährige Luzernerin.

Austausch der Führungspersonen hat kein Fortschritt gezeigt

Dass die STV-Athletinnen jahrelang Opfer missbräuchlicher Verhaltensweisen wurden, liegt einerseits an den Exponenten. Das Entfernen einiger umstrittenen Personen genügte dazu offenbar nicht. Die kürzlich zurückgetretenen Kunstturnerinnen Lynn Genhart und Fabienne Studer kritisierten auch den aktuellen Frauen-Nationaltrainer Fabien Martin stark, dessen Vertrag vom STV vor kurzem bis 2024 verlängert wurde. Der Franzose hatte 2017 die Nachfolge von Zoltan Jordanov angetreten.

Laut Studer habe Martin ihr von Anfang an mit dem Rausschmiss gedroht. Dies sei Teil der Angstkultur, die in Magglingen herrsche. Und Genhart sagte: «Fabien hatte verschiedene Strategien, uns fertig zu machen.» Eine davon seien Kommentare zum Essverhalten und zum Körpergewicht der Athletinnen gewesen.

Dieses verhängnisvolle System hielten viele Personen in aktiven oder passiven Rollen am Laufen. Manchen war das toxische Umfeld sicher bewusst, andere realisierten die Dimensionen des Problems nicht. Ein Faktor liegt auch in der Sportart selbst. Ihre Wesensart mit ihrer strikten Disziplin zieht zwielichtige Figuren an, welche sich hier austoben können. Die Entwicklung des Turnens vom Frauen- zum Kindersport hat zudem die Problematik verschärft.

Die einst für die Wehrdienstertüchtigung junger Männer gegründete Eidgenössische Sportschule in Magglingen ist heute auf dem ganzen Gebiet der Schweizer Sportförderung tätig (Archivbild).
In Magglingen betreibt der Turnverband sein Leistungszentrum.
Bild: Keystone

Wie weiter?

Eine Erhöhung der aktuellen Altersgrenze wäre nur ein erster kleiner Schritt. Viel wichtiger: Die Veränderung vom Mädchensport- zum Frauensport muss rückgängig gemacht werden. Bestes Pro-Argument ist die Überturnerin Simone Biles, welche noch im fortgeschrittenen Turnalter von 23 Jahren aussergewöhnliche Leistungen zeigt. 

Die Geschichte der US-Amerikanerin unterstreicht aber auch, dass die Probleme in der Szene global vorhanden sind. So hat ihr ehemaliger Teamarzt Larry Nassar über 250 Mädchen – darunter Biles selbst – sexuell missbraucht. Die Dunkelziffer dürfte gemäss Ermittlern doppelt so gross sein. Dass sich so eine Tragödie im Turnsport ereignet hat, ist bezeichnend – aber leider wenig überraschend.

Deshalb muss auch die Turn- und Gymnastikszene in der Schweiz auf Herz und Nieren überprüft werden. Ein Neuanfang ist nicht nur nötig, sondern die einzige akzeptable Lösung. Sonst muss man die beiden Sportarten auf Leistungsniveau unbarmherzig streichen. Zu viele junge Menschen sind gefährdet. Zu viele Opfer hat es schon gegeben.


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