Der grosse Jahresrückblick im Sport Dummheiten à la Adeyemi, Comebacks der Marke Kilde und Tränen von Yann Sommer

Jan Arnet

31.12.2025

Einer der emotionalsten Sportmomente des Jahres: Freudetränen bei Yann Sommer nach dem Erreichen des Champions-League-Finals.
Einer der emotionalsten Sportmomente des Jahres: Freudetränen bei Yann Sommer nach dem Erreichen des Champions-League-Finals.
imago

Das Sportjahr 2025 lieferte Tore, Fouls, Schlagzeilen, Lacher, Peinlichkeiten und vieles mehr – blue Sport hat eine Auswahl zusammengestellt.

Michael Schifferle

Scott McTominay – Das Tor des Jahres

Schon unsere Grossväter erzählten in launiger Runde nicht ohne Stolz, dass sie früher ihren Gegenspielern rustikal begegnet seien. «Schottisch halbhoch» nannten sie es schon vor 60 Jahren, wenn sie einem Spieler lieber ins Standbein flogen als ihn zu umdribbeln.

Schotten und technische Raffinesse? Das beisst sich bis heute. Eigentlich. Zuletzt aber erbrachte Scott McTominay, Mittelfeldspieler der SSC Napoli, den ultimativen Gegenbeweis. Er brachte Schottland im Spiel um den Gruppensieg in der WM-Quali gegen Dänemark in Führung – mit einem Fallrückzieher, der selbst Pelé oder Diego Maradona zur Ehre gereicht hätte.

Scott McTominay mit einem Traumtor

Scott McTominay mit einem Traumtor

18.12.2025

Die Welt staunte. Die Schotten siegten letztlich 4:2, auch weil McTominays Kollege Kenny McLean Dänen-Keeper Kasper Schmeichel aus 50 Metern überrumpelte und die Endrunden-Qualifikation sicherte. Auch das ein schüchternes Zeichen dessen, dass die Schotten doch einigermassen können, was viele offenkundig zu Unrecht bestreiten: Fussball spielen.

Dominik Kohr – Das Foul des Jahres

Apropos «schottisch halbhoch. Dominik Kohr, 31-jähriger Mittelfeldspieler von Mainz 05 und Sohn des einstigen GC-Spielers Harald Kohr, dürfte wissen, was damit gemeint ist. In diesem Stil räumte er im November Max Moerstedt ab. Ein Glück, dass sich der Hoffenheimer bei der Attacke auf den Knöchel seines Standbeins nicht verletzte. Mit Schürfwunden und Blutergüssen kam er davon. «Schön abgestempelt worden» sei er, sagte Hoffenheims Trainer Christian Ilzer hinterher.

Das Brutalo-Foul von Dominik Kohr

Das Brutalo-Foul von Dominik Kohr

18.12.2025

Kohr wurde mit drei Spielen Sperre und einer Geldstrafe gebüsst. Es hätte schlimmer kommen können, schliesslich tut Kohr alles, um seinen Ruf als Rüpel der Liga wöchentlich aufs Neue zu dokumentieren. Mit neun Roten Karten hält er nun den Bundesliga-Rekord, und mit 102 Verwarnungen fehlen ihm noch acht, um den Gelb-Rekord von Stefan Effenberg zu egalisieren. Die These sei erlaubt: «Effe» wird seine Spitzenposition verlieren.

Andres Ambühl – Abschied des Jahres

Man hätte es ihm gegönnt, so kitschig es auch gewesen wäre. Andres Ambühl, das fast 42-jährige Schweizer Hockey-Denkmal, wäre im letzten Profi-Spiel im vergangenen Mai fast mit dem WM-Titel gekrönt worden. Ein Hauch dazu fehlte, mal wieder, wie schon 2013, 2018 und 2024, als der Sturm der Nati auf den WM-Thron jeweils erst im Endspiel gestoppt wurde. Die USA versetzten der Schweizer Nati und Ambühl diesmal den Gnadenstoss – mit einem 1:0 in der Verlängerung.

Zuvor hatten die Spieler von Coach Patrick Fischer brilliert: mit einem 7:0 gegen die Dänen im Halbfinal, einem 6:0 gegen Österreich im Viertelfinal oder einem 10:0 gar gegen die Ungarn in der Gruppenphase. So aber musste sich «Büehli», sechsfacher Schweizer Meister und im Team gleichermassen beliebt wie bei Fans, Staff oder Medien, neuerlich mit Silber begnügen.

Danach trat er von der Sportlerbühne ab. Endgültig. Als WM-Rekordspieler mit 120 Einsätzen. Es flossen Tränen, bei Ambühl selbst, bei seinen Mitspielern und allen, die mit der Hockey-Nati mitlitten und mitleiden. Ein Platz auf dem Schweizer Hockey-Olymp ist dem Bündner dennoch sicher.

Fabio Celestini und Taulant Xhaka – Die Aktion des Jahres

Gut, er hätte auch in der Kategorie «Abschied des Jahres» geführt werden können. Taulant Xhaka bestritt am 24. Mai beim 4:0 gegen Luzern sein letztes von 407 Pflichtspielen für den FC Basel – wie immer mit der Nummer, die längst als Basler Heiligtum gilt: die 34.

Um Xhaka zu würdigen, nahm der damalige FCB-Trainer Fabio Celestini Xhaka exakt in der 34. Minute vom Feld. Unter Applaus aller: der Fans, die eine famose Choreo auf die Beine stellten; der Basler Spieler und selbst der Gegner – und natürlich: seiner Familie.

Auch Granit, Taulants Bruder, sass ergriffen auf der Tribüne und richtete später noch Worte übers Mikrofon an seinen älteren Bruder. Taulant, nicht eben als einer bekannt, der nahe am Wasser gebaut ist sagte bloss, dass er nicht viel sagen könne. «Sonst wird es zu emotional. Und Ich wollte nicht vor meinem Vater heulen.»

Taulant Xhaka: «Als Abschluss der Karriere geht es nicht besser»

Taulant Xhaka: «Als Abschluss der Karriere geht es nicht besser»

Der FC Basel ist Schweizer Meister. Taulant Xhaka und Albian Ajeti sprechen mit blue Sport über ihre Emotionen und die Meisterfeier. Ob sie wirklich nur Cola getrunken haben, bleibt ein grosses Rätsel.

12.05.2025

Aleksander Aamodt Kilde – Das Comeback des Jahres

Vor rund zwei Jahren passierte es: Der norwegische Abfahrer Aleksander Aamodt Kilde, Gesamtweltcupsieger 2020, stürzte kurz vor dem Ziel der Lauberhornabfahrt – und verletzte sich schwer an der Schulter und am Unterschenkel; die Nerven waren stark betroffen.

Nicht nur das: Kilde wurde von einer lebensbedrohlichen Blutvergiftung befallen. Panikattacken plagten ihn. Zuletzt erzählte er in einem Interview, dass ihm gar seine Endlichkeit bewusst worden sei. «Es ging um Leben und Tod.» Der Sohn von Alpin-Legende Kjetil Andre Aamodt stand vor der Ungewissheit – erst recht als Spitzensportler.

Doch er kämpfte sich zurück, stets begleitet und angetrieben von seiner Frau, Mikaela Shiffrin, selbst eine Alpin-Gigantin. Ende November in Copper Mountain feierte Kilde, inzwischen 33-jährig, sein Comeback im Weltcup. Shiffrin war im Zielraum zu Tränen gerührt. Und längst nicht nur sie.

Ditaji Kambundji – Die Medaille des Jahres

Ditaji Kambundji lässt an der Leichtathletik-WM in Tokio alle stehen und läuft über 100 Meter Hürden zu Gold! Mit 12.24 ist sie schneller als die Top-Favoritinnen Tobi Amusan und Grace Stark und verbessert ihren eigenen Schweizer Rekord um 16 Hundertstel. Über 100 Meter Hürden ist sie die siebtschnellste Frau aller Zeiten. Noch nie zuvor war eine Schweizerin Weltmeisterin in diesem Sport geworden.

«Es ist Gold. Ich weiss nicht, ich bin einfach schnell gelaufen und jetzt habe ich Gold», sagt eine ungläubige Kambundji nach dem Rennen mit stockender Stimme und Tränen in den Augen. «Ich habe noch nie so viele schöne Tränen geweint. Ich konnte es nicht glauben, ich habe super laut geschrien. Es ist alles so schnell passiert.»

Karim Adeyemi – Der Fehler des Jahres

Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Daran sollten wir uns halten, bevor wir die Moralkeule schwingen. Trotzdem: Karim Adeyemis Verhalten darf getrost als «naiv und dumm» bezeichnet werden, wie es einer seiner Vorgesetzten tat, Rudi Völler, Sportdirektor des Deutschen Fussball-Bundes.

Die Polizei fand in der Wohnung des 23-jährigen Nationalspielers und Dortmund-Profis einen Schlagring und einen Taser, eine Elektroschockpistole. Strafanzeige wegen illegalen Waffenbesitzes wurde gestellt.

Adeyemi fand die unliebsamen «Utensilien» in einer Mysterybox, die er im Internet bestellt hatte. Der Gag: Man bestellt eine Box und weiss nicht, was drin ist. Zumindest das beteuert Adeyemi. Trotzdem muss er eine Strafe von 450 000 Euro zahlen. Der Grund? Adeyemi wollte die Geschichte vertuschen.

Björn Borg – Die Beichte des Jahres

Er gewann elf Grand-Slam-Turniere, in Wimbledon und Paris. Er war die Weltnummer eins im Tennis, 109 Wochen lang. Und er stürzte ab. Er trank, er kokste, er schluckte Tabletten – und das nicht zu knapp. Björn Borg veröffentliche im September dieses Jahres seine Biografie «Hjärtslag», zu Deutsch: Herzschlag, und er spart darin nicht mit Selbstkritik. «Drogen, Pillen, zu viel Alkohol… das zerstört das Leben», schreibt Borg. Und meint damit die Zeit nach seinem Karriereende 1983.

Regelmässig griff ein Notarzt ein. Vor einem Showmatch Anfang 90er dann übertrieb er’s mit dem Nasenpudern und brach vor den Augen seines Vaters auf offener Strasse zusammen. «Ich habe mich niemals in meinem Leben so sehr geschämt», sagt Schwedens «Sportler des 20. Jahrhunderts». Er machte einen Entzug – und schaffte die Rückkehr ins Leben. Heute versucht er, zu helfen und andere zu warnen.

Uli Forte – Der Spruch des Jahres

«Wenn sie uns nicht in der Liga wollen, sollen sie es sagen.» Das sagte Uli Forte, damals aufgebrachter Trainer des abstiegsbedrohten FC Winterthur, im Februar 2025 nach einer Niederlage in Luzern – binnen einer Woche hatte der FCW fünf Schiedsrichterfehler über sich ergehen lassen müssen.

Forte wurde gesperrt und auch im Club getadelt. Er hoffte aber, die Refs sensibilisiert zu haben. «Schliesslich sind wir nicht der nette, kleine FCW». Zum Schluss hielt der FCW in extremis die Klasse. Und Schiedsrichterfehler gegen die Winterthurer wurden erstaunlich rasch zu einer Rarität.

«Es ist unglaublich» – Uli Forte schiesst gegen Schiris und die Liga

«Es ist unglaublich» – Uli Forte schiesst gegen Schiris und die Liga

06.02.2025

Marc-André ter Stegen – Die Verletzung des Jahres

Seine Zeit schien gekommen, endlich, nachdem er jahrelang hinter Welttorhüter Manuel Neuer bei der deutschen Nationalelf zurückstehen musste. Doch Marc-André ter Stegen, der Goalie des FC Barcelona, schaffte es immer noch nicht, den deutschen Goalie-Thron zu besteigen, den Neuer nach seinem Rücktritt hinterlassen hatte.

Im Juli 2025 unterzog sich der 33-jährige ter Stegen nach anhaltenden Rückenschmerzen einer Operation; monatelang fiel er aus. Daraufhin wurde er von der spanischen Liga als Langzeitverletzter eingestuft, was eine Ausfallzeit von mindestens vier Monaten bedeutet. Oliver Baumann von Hoffenheim rückte derweil das DFB-Tor. Ende Jahr begann ter Stegen zwar wieder mit dem Training.

Ob er aber ins Barça-Tor zurückehrt, ist offen. Er und sein Klub lieferten sich eine öffentliche Schlammschlacht. Der Club nahm ihm gar demonstrativ die Captainbinde ab. Die hat er zwar inzwischen wieder, im Tor steht aber ein anderer: Sommer-Zugang Joan Garcia. Auf eine WM-Teilnahme ter Stegens, an dessen Klasse niemand zweifelt, zu wetten, wäre also noch immer keine allzu kluge Idee.

Manuel Neuer – Ausflug des Jahres

Wenn wir schon bei ter Stegen und Neuer sind: Letzterer gilt trotz seiner bald 40 Jahre als Ideal eines mitspielenden Torwarts. Als einer, der nicht «nur» die Bälle von der Linie kratzt, sondern sie auch weit vor seinem Tor abfängt und spielerisch-souverän verarbeitet – fast schon einzigartig.

Dass auch der über Jahre als Weltbester geltende Neuer sich mal verschätzen kann, belegte das Champions-League-Spiel beim FC Arsenal, das als Duell der «formstärksten Teams der Welt» tituliert wurde. Rund eine Viertelstunde vor Schluss wars, als Neuer aus dem Tor stürmte, Arsenals Gabriel Martinelli den Ball aber am ungestümen Schlussmann vorbeilegte und die Basis zur ersten bajuwarischen Pflichtspielniederlage der Saison legte. Neuers Ausflüge haben sich auch schon mehr gelohnt.

Martinelli profitiert von Neuer-Patzer und macht den Deckel drauf

Martinelli profitiert von Neuer-Patzer und macht den Deckel drauf

26.11.2025

Marty Sheargold, australischer Journalist – Die Dummheit des Jahres

Die Europameisterschaft der Frauen begeisterte uns alle – das sportliche Niveau, die Stimmung, die Fairness. Auch wenn die Schweizerinnen ihre Viertelfinal-Partie gegen die Spanierinnen verloren.

Dass Fussballerinnen noch immer billig-dümmliche Klischees und Beleidigungen ertragen müssen, ist allerdings weiterhin Realität. Ein Beispiel lieferte der 53-jährige australische Radio-Mann Marty Sheargold. Der sagte über Tests der australischen Frauen-Nati: «Lieber würde ich mir einen Nagel durch die Spitze meines Penis hämmern, als mir das anzusehen.» Unser Rat: Er solls ruhig tun.

FC Biel – Die Überraschung des Jahres

Challenge-League-Club Xamax musste dran glauben, später Vorjahresfinalist Lugano und zum Schluss gar die Berner Young Boys: Der FC Biel aus der Promotion League räumte alle höherklassigen Teams auf dem Weg in den Cupfinal 2025 aus dem Weg. Und auch im Final schaffte er es, zwischendurch zum 1:1 auszugleichen. Am Ende siegte der FC Basel aber standesgemäss 4:1.

Die Bieler überraschten, auch einzelne Spieler wie Brian Beyer, der inzwischen in Winterthur in der Super League spielt – die Saison endete aber bitter. Dass der FC Biel den Cupfinal verlor, war wohl zu verschmerzen. Dass er aber im Endspurt der Saison den Aufstieg trotz monatelanger Tabellenführung verpasste, das dürfte noch heute ein bisschen weh tun.

Yann Sommer – Die Szene des Jahres

Wir alle kennen den ehemaligen Nati-Goalie als besonnen und abgeklärt. Nerven? Zeigt er kaum. Nach dem Champions-League-Halbfinal aber, den Yann Sommer mit Inter Mailand nach einem der aufregendsten Duelle des Jahres gegen Barcelona 4:3/3:3 gewann, zeigte er aber Gefühle wie kaum je zuvor.

Sommer, in seiner Zeit bei den Bayern 2023 ständig kritisiert und auch in der Nati zum Schluss von einigen angezählt, fiel auf die Knie, hielt sich die Hände vors Gesicht und heulte los. Er hatte Inter mit mehreren Glanztaten ins Endspiel gerettet. Die Tifosi tobten, seine Mitspieler feierten. Und Sommer genoss es, sichtlich gerührt.

Yann Sommer im Moment, als feststand, dass Inter den Champions-League-Final erreicht. Dieser ging dann gegen PSG aber mit 0:5 verloren.
Yann Sommer im Moment, als feststand, dass Inter den Champions-League-Final erreicht. Dieser ging dann gegen PSG aber mit 0:5 verloren.
Keystone

Fussball-EM – Das Event des Jahres

Taugt die Schweiz als Gastgeberin einer Frauen-EM? Vor dem Turnier gibt es Zweifel – und als die Frauen-Nati wenige Tage vor dem Turnier auch noch eine Klatsche gegen ein Juniorenteam einfährt, wird das Team von Pia Sundhage vielerorts belächelt. Zu Unrecht, wie sich bald zeigt.

Die Spielerinnen begeistern das Land mit Nähe, Leidenschaft und Spielfreude. Sportlicher Höhepunkt ist das letzte Gruppenspiel gegen Finnland: Riola Xhemaili trifft in der 92. Minute zum 1:1 und sichert der Schweiz erstmals den Einzug in einen EM-Viertelfinal. Stadion und Nation beben.

Das sind die Gänsehaut-Momente der Nati an der Heim-EM

Das sind die Gänsehaut-Momente der Nati an der Heim-EM

Die Nati-Spielerinnen haben die Schweiz in den letzten Tagen und Wochen begeistert. Mit ihrer nahbaren Art, Leidenschaft und Lebensfreude. blue Sport feiert sie dafür ab und nennt die grössten Gänsehaut-Momente.

19.07.2025

Auch die Fans prägen das Turnier mit Fanmärschen und grossen Emotionen. 29 von 31 Spielen sind ausverkauft, 657'291 Fans sorgen für einen neuen EM-Zuschauerrekord. Selbst nach dem Schweizer Out verfolgen über 1,3 Millionen Menschen das Final-Penaltyschiessen zwischen England und Spanien im TV. Der Frauenfussball ist endgültig in der Gesellschaft angekommen, Mädchen strömen in die Klubs, die «Frauen-Nati» wird zum Wort des Jahres.