Rad-Experte Gammenthaler: «Entweder Hirschi zerbricht, oder er fährt alle in Grund und Boden»

Tobias Benz

23.2.2021

HUY, BELGIUM - SEPTEMBER 30: Arrival / Marc Hirschi of Switzerland and Team Sunweb / Mask / Covid safety measures / during the 84th La Fleche Wallonne 2020, Men Elite a 202km stage from Herve to Mur de Huy / @flechewallone / #FlecheWallone / on September 30, 2020 in Huy, Belgium. (Photo by Mark Van Hecke/Getty Images)
Bei Team Sunweb lieferte Hirschi im vergangenen Jahr einen kometenhaften Aufstieg. Nun hat er zum ersten Mal auch Hürden neben der Strasse zu überwinden.
Bild: Getty Images

Schwere Anschuldigungen aus den Niederlanden: Der Schweizer Rad-Star Marc Hirschi sieht sich mit indirekten Doping-Vorwürfen konfrontiert. Gelingt ihm bei seinem neuen Team die Antwort auf der Strasse?

Es war der Transferhammer des Jahres: Im Januar verliess Marc Hirschi das Team DSM (ehemals Sunweb) und schloss sich dem UAE Team Emirates an.  Gab es teaminterne Differenzen? Herrschten autoritäre Strukturen? Oder ging es schlicht um Geld? Bis dato wird über die Beweggründe des Wechsels spekuliert. Als Letztes gossen niederländische Medien Öl ins Feuer. 

«Vertrauensbruch: Die Teamleitung sah in Hirschi ein Risiko», titelt das «Algemeen Dagblad» am Donnerstag und schreibt von einem monatelangen Streit zwischen dem Team-Management und dem Schweizer. Hirschi wäre «nicht transparent» gewesen und hätte die «vom Team geforderten Informationen» nicht preisgegeben. Er sei deshalb als «Risiko für den Ruf des Teams und der Sponsoren» eingestuft worden.

Einen Schritt weiter geht die Nachrichtenplattform «NOS». Sie vergleicht den Flèche-Wallonne-Sieger mit Dopingsünder Clément Lhotellerie. DSM habe sich vom Schweizer getrennt, um einen drohenden Skandal abzuwenden, so das knallharte Fazit. 



Was darf man sagen und was nicht?

Der 22-jährige Schweizer ist sich solch happige Vorwürfe nicht gewohnt. Rad-Experte Henri Gammenthaler weiss: Wie er damit umgeht, könnte seine gesamte Karriere definieren. 

«Entweder er zerbricht, oder er fährt alle in Grund und Boden», sagt Gammenthaler. «Hirschi ist sensibel, ein ganz feinfühliger Typ. Das ist kein Nachteil. Er kann Top-Leistungen bringen, wenn es ihm gut geht, wenn er den Kopf frei hat.» 

Henri Gammenthaler
Bild: zVg

Henri Gammenthaler analysiert das Radsport-Geschehen für «blue Sport». Der Zürcher war einst selbst Fahrer, später TV- und Radio-Experte und Kommentator der Tour de Suisse.

Aber was, wenn nicht? Eine mediale Ausschlachtung seines Abgangs bei Team DSM könnte dem Shootingstar schaden. «Der Profi-Radsport ist brutal. Aber da muss er durch», weiss Gammenthaler, der eine Schlammschlacht befürchtet. «Es ist sehr gefährlich: Was darf man sagen und was nicht? Was kommt aus?» Bisher schweigt der Schweizer zu diesem Thema. Vielleicht zu Recht. 

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie Hirschi auf der Strasse mit der Kritik umgeht. «Das kann ihm schaden. Entweder er wird skrupellos, fährt wie ein Wahnsinniger, und zeigt, dass er das verkraften kann. Oder er bricht ein», sagt Gammenthaler. 

Im Grunde wolle Hirschi «einfach nur Velo fahren». Den Startschuss in die Rad-Saison – eine siebentägige Rundfahrt in den Vereinigten Arabischen Emiraten (UAE-Tour) – verpasst der 22-Jährige allerdings sogleich. Stattdessen steigt der als neuer Edel-Domestik des letztjährigen Tour-Siegers Tadej Pogacar angekündigte Hirschi mit zwei kleinen Rennen in Frankreich ins 2021. Und eines ist klar: Nach seinem kometenhaften Aufstieg im vergangenen Radjahr stehen dem Berner heuer bedeutende Zeiten bevor.

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